NRW:Ein Gully mehr, oder auch mal zwei

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NRW: Warnungen vor den Sturzfluten gab es - nur hat die Landesregierung von NRW sie nicht gehört. Der damalige Ministerpräsident Armin Laschet im Juli in Bad Münstereifel.

Warnungen vor den Sturzfluten gab es - nur hat die Landesregierung von NRW sie nicht gehört. Der damalige Ministerpräsident Armin Laschet im Juli in Bad Münstereifel.

(Foto: Oliver Berg/dpa)

Welche Konsequenzen das Bundesland Nordrhein-Westfalen aus der Jahrhundertflut zieht.

Von Jana Stegemann

Eines der größten Probleme waren während der schlimmsten Flut in der Geschichte Nordrhein-Westfalens die kleinen Flüsse. Gemütliche, harmlose Gewässer - bis zum 14. Juli. Innerhalb weniger Stunden regnete es an Rur und Erft so heftig, dass sie sich in reißende Ströme verwandelten. Als die Menschen die Gefahr erkannten, war es oft zu spät. Die Wucht des Wassers riss Häuser, Autos und Brücken weg, unterspülte Städte und Orte, brach mühelos Teile von Straßen ab, als wären diese aus Schokolade. In NRW starben bei der Jahrhundertflut 49 Menschen, Dutzende wurden verletzt, Unzählige traumatisiert; die Schäden in dem Bundesland werden auf 13 Milliarden Euro geschätzt. Der Wiederaufbau wird Jahre dauern.

Hätte sich das Überlaufen der kleinen Flüsse nach tagelangem Starkregen vorhersagen lassen? Hätten die Menschen rechtzeitig gewarnt werden können? Mit diesen Fragen beschäftigte sich ein Untersuchungsausschuss des nordrhein-westfälischen Landtags, der die Flutkatastrophe seit Oktober politisch aufarbeitet. Die Antworten liegen auf der Hand, spätestens nachdem Hannah Cloke dort Ende November ausgesagt hat. Die britische Hydrologin hat das europäische Flut-Frühwarnsystem Efas mitaufgebaut. Und das hatte "mehrere Tage vorher" die verheerenden Fluten prognostiziert. Nur: Das Land Nordrhein-Westfalen hatte die Warnungen von Efas nicht abonniert. Die Infos über die potenziellen Sturzfluten waren also vorhanden, inklusive Worst-Case-Szenarien - nur kamen sie eben nicht in NRW bei den zuständigen Stellen an.

Das Land NRW hat inzwischen einen Hochwasser-Frühwarndienst abonniert

Das hat sich nun, fast sechs Monate nach der Hochwasserkatastrophe, geändert: Das Efas führt das Landesumweltamt jetzt als Abonnent der Frühwarnungen auf seiner Homepage. NRW-Umweltministerin Ursula Heinen-Esser (CDU) hatte nach der Flut mehrmals gesagt, dass ein Frühwarnsystem an kleinen Flüssen wie der Erft (etwa in Bad Münstereifel und Erftstadt) oder dem Vichtbach (in Stolberg nahe Aachen) gefehlt hätte und dass als Konsequenz aus der Katastrophe ein neues Prognosesystem für kleine Flüsse erarbeitet werde.

Zudem sollen die vom Deutschen Wetterdienst vorhergesagten Regenmengen in dem neuen System schnell in zu erwartende Pegelstände umgerechnet werden. Dafür soll auch berücksichtigt werden, wie vollgesogen die Böden bereits sind. Beim Hochwasser hätten sie wie versiegelte Flächen gewirkt, weil sie kein Wasser mehr aufnehmen konnten. Für 80 NRW-Kommunen lässt das Ministerium sogenannte Starkregen-Gefahrenkarten entwickeln. Zwei Tage vor Weihnachten veröffentlichte die Bezirksregierung Münster unter www.flussgebiete.nrw.de aktualisierte Hochwasser-Gefahrenkarten, mit denen sich prüfen lässt, ob das eigene Grundstück betroffen ist, wenn Flüsse und Bäche über die Ufer treten sollten.

Kurz vor Weihnachten sagten auch zwei Feuerwehrmänner aus der besonders stark von der Flut betroffenen Stadt Hagen im Untersuchungsausschuss aus. Die bisherige Notfall-Informations- und Nachrichten-App (Nina) habe sich durch eine große Anzahl an Warnungen, die entweder nicht in der Fläche oder gar nicht eingetreten sind, "totgelaufen", sagten die beiden Experten: "Es wird teilweise vor Wind im Herbst gewarnt." Viele Menschen, darunter auch viele Feuerwehrleute, hätten die App daher lautlos gestellt oder ganz gelöscht. Warnungen sollten sich zukünftig ausschließlich auf die tatsächlich gefährdeten Bereiche beschränken, empfahlen der Verbandsvorsitzende der Feuerwehr in Hagen, Christian Sommer, und sein Vize Alexander Zimmer. Und noch einen - sehr praktischen Tipp - hatten die beiden parat: Gefährdete Straßen sollten mit zwei statt einem Gully ausgestattet werden, damit Wasser schneller ablaufen könne.

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