Opfer der Flutkatastrophe:"Gut ist noch lange nichts"

Opfer der Flutkatastrophe: Kanzlerin Angela Merkel (stehend) im Gespräch mit Betroffenen der Hochwasserkatastrophe vom Juli.

Kanzlerin Angela Merkel (stehend) im Gespräch mit Betroffenen der Hochwasserkatastrophe vom Juli.

(Foto: Oliver Berg/AP)

Die höchsten Vertreter des Staates und der großen Kirchen treten im Aachener Dom ans Pult und gedenken der mehr als 180 Opfer der Flutkatastrophe. Aber in Erinnerung bleiben vor allem die Worte der Betroffenen.

Von Roman Deininger, Aachen

Es gibt ausschließlich würdevolle, ehrenwerte Predigten und Reden an diesem Samstagvormittag im Hohen Dom zu Aachen. Die höchsten Vertreter des Staates und der großen Kirchen treten ans Pult, um der mehr als 180 Opfer der Flutkatastrophe im Juli zu gedenken. Aber die Stimmen, die am stärksten im Gedächtnis bleiben, kommen aus der Mitte des achteckigen Raumes, aus dem warmen Halbdunkel, im dem viele Angehörige und Betroffene sitzen. Die Wassermassen haben ihnen teure Menschen geraubt, ihre Häuser, all ihr Hab und Gut, Fotos und Briefe, kostbare Erinnerungen.

Renate Steffes aus Bad Neuenahr-Ahrweiler ist eine von ihnen, sie ist nun aufgestanden und sagt, sie habe jene furchtbare Nacht vom 14. auf den 15. Juli "für mich abgelegt, in einer Schublade, fest verschlossen, zu". In den vorderen Reihen drehen sich einige der Würdenträger um, etwa der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet und seine rheinland-pfälzische Amtskollegin Malu Dreyer. Sie wollen sehen, wer da spricht. Renate Steffes sagt, es gebe da leider noch eine andere Schublade, die öffne sich jeden Tag aufs Neue: die mit den Ängsten. Immer, wenn es regnet: "die Angst vor dem Versinken in den Fluten". Und jetzt, wo der Sommer sich verabschiedet: "die Angst vor dem Winter", vor der Kälte, der sie und so viele andere nicht mehr in den eigenen vier Wänden trotzen können. Und übrigens, frisches Leitungswasser sei auch noch nicht wieder selbstverständlich.

32 Meter hoch ist die goldschimmernde Kuppel des Doms, unter der dreißig Könige gekrönt wurden, und in diesem weiten Raum steht am Ende ein kleiner Satz von Renate Steffes, groß an Wirkung: "Gut ist noch lange nichts."

Etwa die Hälfte der 180 Teilnehmer sind Betroffene und Helfer, und es ist ein Verdienst des von der katholischen und der evangelischen Kirche ausgerichteten Gedenkgottesdienstes, das er ihren Erfahrungen, ihrem Leid und ihren Sorgen Platz gibt. Als der "Ahr-Psalm" rezitiert wird, den der katholische Priester Stephan Wahl verfasst hat, schließt Bundeskanzlerin Angela Merkel die Augen, um das bittere Klagelied auf sich wirken zu lassen. Wahl ist im Kreis Ahrweiler aufgewachsen, er erzählt von dem Bach, "den ich von Kind an liebte" und der nun zum "todbringenden Ungeheuer" geworden sei. Manche Zuhörer nehmen sich in diesem Moment bei der Hand, obwohl das gar nicht so leicht ist, die Stühle im Oktagon des Doms sind in pandemiegerechtem Abstand aufgestellt.

"Wir bitten Gott, Hoffnung zu schenken, wo die Hoffnung weggespült zu sein scheint."

Da ist Trauer am Samstag in Aachen, der doppelten Grenzstadt, die als Veranstaltungsort ausgewählt wurde, weil das Hochwasser auch bei den belgischen und niederländischen Nachbarn gewütet hat. Aber da ist auch Zuversicht. Zunächst kommt sie in der Predigt von Georg Bätzing, des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, als Gebetswunsch daher: "Wir bitten Gott, Hoffnung zu schenken, wo die Hoffnung weggespült zu sein scheint." Dann dankt Bätzing den vielen freiwilligen Helfern und ihren "unendlich tröstenden Händen", die Schutt weggeräumt, Essen verteilt oder Halt gegeben haben.

Diesen Gedanken greift Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier auf, für ihn ist die "überwältigende Hilfsbereitschaft" ein ermutigendes Signal. "Ich weiß: In der Stunde der Not sind wir ein starkes, solidarisches Land." Der Bundespräsident nimmt aber auch die Damen und Herren aus der Politik, die ihm in den ersten Reihen lauschen, in die Pflicht: "Tun Sie alles Menschenmögliche, damit denen schnell geholfen wird, die diese Hilfe jetzt so dringend brauchen." Nicht jede Wunde werde mit Geld zu heilen sein, "aber diese Hoffnung der Betroffenen auf Unterstützung darf nicht enttäuscht werden."

Die Leidtragenden des Hochwassers, sagt Steinmeier, bräuchten auch dann noch Aufmerksamkeit, wenn "andere Nachrichten die Schlagzeilen beherrschen". Es ist die Zeit der großen Krisen, und eigentlich ist der Punkt, von dem Steinmeier spricht, ja jetzt schon erreicht, Afghanistan statt Ahrtal. Am Ende seiner Ansprache wendet sich der Bundespräsident direkt an die Betroffenen, an Renate Steffes und all die anderen: "Sie sind nicht allein! Wir hören Sie! Wir vergessen Sie nicht!"

Die Versicherung von Anteilnahme steht im Mittelpunkt dieses Vormittags von Aachen, aber nicht nur Steinmeier ("Klimawandel mit aller Entschlossenheit bekämpfen") bemüht sich, den Blick auch auf die Lehren aus der Katastrophe zu lenken. Dass das Klimaproblem auch menschengemacht sei, sagt Heinrich Bedford-Strohm, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, das hätten nun wohl alle verstanden. Er habe die Hoffnung, dass man in zwanzig Jahren zurückschauen werde auf diese Tage und sagen: "Die Dramatik dessen, was damals passiert ist, die Abgründe an Leid, haben unser Land zum Nachdenken gebracht und zu einem Neuanfang geführt." Ein Neuanfang mit der Einsicht, dass man "nicht gegen die Natur leben" könne. Sondern nur mit ihr.

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