Der Mann, auf den alle warten, kommt um kurz vor 18 Uhr vor den Untersuchungsausschuss des Mainzer Landtags. Jürgen Pföhler (CDU), schwarzer Anzug, schwarze Lackschuhe. Er war Landrat im Landkreis Ahrweiler, als die Ahr vor knapp einem Jahr Dörfer flutete. Als Landrat hätte er den Katastrophenfall ausrufen und Häuser am Fluss evakuieren lassen können - das tat er aber erst spät an diesem Abend. Da waren in Schuld, Insul, Dümpelfeld schon Häuser weggeschwemmt, da saßen Menschen auf den Dächern und beteten.
Wieso erst so spät?
Jürgen Pföhler sitzt nur kurz vor den Abgeordneten im Mainzer Landtag. Er sagt sein Alter, 64 Jahre, seinen Beruf, Landrat a.D.. Ansonsten sagt er nichts, so wie auch seine Frau nichts gesagt hatte. Gegen ihn und ein weiteres Mitglied des Krisenstabs ermittelt die Staatsanwaltschaft Koblenz. Der Verdacht: fahrlässige Tötung durch Unterlassen. Am 14. Juli 2021 wurde erst um 23.09 Uhr der Katastrophenfall ausgerufen, in der Nacht starben 134 Menschen an der Ahr.
Dabei gäbe es viele Fragen zu beantworten, etwa, wieso er gegen 19.20 Uhr mit Innenminister Roger Lewentz (SPD) in den Krisenstab in der Kreisverwaltung kam, danach aber nicht mehr. Wo er stattdessen war und was er gemacht hat, um die Folgen der Flut abzumildern.
Er redet zwar nicht, aber dafür reden andere
Und so müssen an diesem Tag andere reden, eine Ermittlerin des Landeskriminalamtes, ein Hauptkommissar, Nachbarinnen. Sie zeichnen das Bild eines Mannes, der sich während einer der größten Naturkatastrophen Deutschlands offenbar um sich gesorgt hat - und um die Menschen in seiner Straße.
Da sitzt zunächst eine Ermittlerin des rheinland-pfälzischen Landeskriminalamtes. Sie sagt, Jürgen Pföhler habe an dem Abend die meisten Kontakte mit einem Mitarbeiter im Landratsamt gehabt. Dann mit einer Frau aus seinem privaten Umfeld, die er unter dem Pseudonym "Nring" eingespeichert hat. Gegen 22.25 Uhr schickte er ihr eine SMS: "Hoffentlich stürzt das Haus nicht ein." Um kurz nach Mitternacht eine weitere: "Katastrophe, Tote, Verletzte, Menschen auf Dächern, kein Hubschrauber, Stromausfälle, unser Haus ist geflutet, ich bin am Ende." Wo Pföhler an dem Abend war, konnte die Ermittlerin nicht sagen, weil die Standortdaten nicht erfasst wurden.

Da sitzt dann ein Hauptkommissar des Landeskriminalamtes, der den damaligen Landrat und Menschen aus seinem Umfeld befragt hat. Der Kommissar sagt, dem Landrat habe gegen 20 Uhr klar sein müssen, dass die Hochwassergefahr "generell sehr groß" sei. Da gab er eine Pressemitteilung frei, in der stand, bei Altenahr habe die Ahr einen Pegel von 5,09 Meter erreicht - viel mehr als bei der Flut 2016. Nach 20 Uhr habe niemand mehr den Landrat im Krisenstab gesehen.
Der Ermittler des Landeskriminalamtes berichtet von Telefonaten und Telefonversuchen zwischen dem Landrat und einem Mitarbeiter des Krisenstabs, davon, dass auch die Frau von Pföhler nur gesagt habe, ihr Mann sei an dem Abend zu Hause gewesen "und ab und an weg".
Sein Fazit?
"Ich habe keine Feststellung, dass der Landrat an dem Abend proaktiv etwas in Gang gesetzt hat, um die Folgen der Flut zu bekämpfen."
Wenn schon nicht am Oberlauf, wo der Fluss am frühen Abend durchgeschossen war, dann vielleicht am Unterlauf?
"Nein."
Am nächsten Morgen, um 5.47 Uhr, habe Jürgen Pföhler den Leiter der Bundesakademie für Bevölkerungsschutz angerufen. Er habe wissen wollen, was eigentlich los sei.
Eine Nachbarin sagt, der Landrat habe sie enttäuscht
Und nicht zuletzt sitzen da Nachbarinnen und Nachbarn im Mainzer Landtag. Eine Frau erzählt, Jürgen Pföhler sei zwischen 22 Uhr und 22.30 Uhr bei ihr gewesen und habe gesagt, in Schuld würden "Häuser schwimmen". Auch ihr Haus müsse evakuiert werden. Wieso er sie schon warnte, obwohl die offizielle Warnung erst später kam? "Vielleicht weil wir Nachbarn sind?" Eine Rentnerin erzählt, zwischen 22.15 Uhr und 22.45 Uhr - kurz bevor sie ins Bett gehe - , habe sie gesehen, wie aus der Garage der Pföhlers ein roter Porsche gefahren werde. Wer am Steuer saß, habe sie nicht erkennen können, aber sie habe sich gewundert, denn der Porsche sei "ein Sonntagsauto". Es war aber Mittwoch, und es regnete. Die Rentnerin sagt, sie sei von Pföhler enttäuscht gewesen. Sein Auto sei gerettet worden, die anderen 30 in der Garage seien geflutet worden.
Und nicht zuletzt ist da die Nachbarin, die erzählt, sie habe das Ehepaar Pföhler zwei Tag nach der Flut auf der Straße getroffen. Frau Pföhler habe geweint. Herr Pföhler habe gesagt, er wolle Bewerbungsunterlagen seines Sohnes aus seinem Haus holen. "Ich dachte: Hat der sonst keine Probleme", erinnert sich die Nachbarin.


