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Flugzeugabsturz in Smolensk:Die "Elite der Nation"

Bei dem Absturz des polnischen Präsidentenflugzeugs sind 96 Menschen gestorben, unter ihnen viele prominente Opfer aus Politik, Militär, Wirtschaft und Gesellschaft. Ein Überblick

Die "Elite der Nation" sei bei dem Flugzeugabsturz im westrussischen Smolensk ums Leben gekommen, sagte Friedensnobelpreisträger Lech Walesa - das Unglück sei wie ein zweites Katyn. Der frühere polnische Präsident Aleksander Kwasniewski, Vorgänger des verunglückten Lech Kaczynski, konstatierte: "Das ist ein verfluchter Ort." 1940 sei in Katyn die Elite der Zweiten Republik ermordet worden, jetzt sei dort die Elite der Dritten Republik gestorben.

Tatsächlich liest sich die Passagierliste der verunglückten Tupolew-Maschine wie ein "Who is who" der polnischen politischen Führung. Neben Präsident Lech Kaczynski, seiner Frau Maria und den acht Besatzungsmitgliedern saßen 86 weitere hochrangige Vertreter des Landes in der Maschine - Spitzenpolitiker, Militärführer und Vertreter von Betroffenenverbänden. Journalisten sind nicht unter den Toten - ausnahmsweise reisten die Pressevertreter nicht mit der Regierungsdelegation, sondern in einer eigenen Maschine, die aber laut polnischen Medienberichten ebenfalls Probleme bei der Landung in Smolensk hatte.

So sind unter den Toten die stellvertretenden Parlamentspräsidenten Jerzy Szmajdzinski und Krzysztof Putra . Szmajdzinski, der am Tag vor dem Absturz seinen 48. Geburtstag feierte, gehörte seit zwei Jahrzehnten fast durchgängig dem polnischen Parlament, dem Sejm, an und übte unter anderem vier Jahre lang das Amt des Verteidigungsministers aus. Seine Partei SLD hatte ihn als Kandidaten für die diesjährigen Präsidentschaftswahlen nominiert. Szmajdzinski hinterlässt eine Frau und zwei Töchter. Der 52 Jahre alte Putra war über mehrere Legislaturperioden als Abgeordneter im Sejm oder im Senat, dem polnischen Unterhaus, vertreten. Er war verheiratet.

Hochrangige Politiker

Auch die stellvertretende Senatspräsidentin Krystyna Bochenek ist unter den Toten. Sie hatte sich nach einer beeindruckenden journalistischen Karriere in die Politik begeben. Die 56-jährige Sprachwissenschaftlerin hat unter anderem die sehr beliebte Fernsehsendung "Ogolnopolskie Dyktando", "Polenweites Diktat", angeschoben und mehrere Auszeichnungen für ihre journalistische Arbeit und ihr karitatives Engagement erhalten. Sie war verheiratet und hatte zwei erwachsene Kinder.

Der stellvertretende Außenminister Andrzej Kremer war ebenfalls an Bord der Unglücksmaschine. Der 48 Jahre alte Jurist hatte enge Kontakte zu Deutschland: Er hatte unter anderem in Göttingen studiert und war später wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Ruhr-Universität Bochum. Seit 1991 war er für das Auswärtige Amt tätig und wurde immer wieder in Deutschland eingesetzt, etwa 2001 bis 2005 als Generalkonsul in Hamburg.

Unter den Toten ist auch Tomasz Merta, der stellvertretende Kulturminister. Der 44 Jahre alte Historiker hatte sich auch als Autor und Publizist in Polen sowie auf internationaler Ebene einen Namen gemacht, war zum Beispiel polnischer Korrespondent des Fachblatts East European Constitutional Review. Ebenfalls verstorben ist Stanislaw Komorowski, stellvertretender Minister für die Nationale Verteidigung Polens.

Zahlreiche Sejm-Abgeordnete

Neben den Regierungsvertretern und engsten Mitarbeitern des Präsidenten gehörten auch zahlreiche bekannte Sejm-Abgeordnete der Delegation an, darunter Zbigniew Wassermann, der in den Regierungen von Kazimierz Marcinkiewicz und Jaroslaw Kaczynski Ministerpräsident des Ministerrates war.

An Bord der Maschine reiste auch Janusz Kurtyka, Präsident des Instituts für Nationales Gedenken. Das Institut ist vergleichbar ist mit der deutschen Birthler-Behörde, wurde aber erst 1998 gegründet. Erst unter der Regie des 1960 geborenen Historikers Kurtyka hat es sich in den vergangenen Jahren intensiv mit der Aufarbeitung der Geschehnisse von vor 1990 und der Wendezeit in Polen gewidmet.

Zudem waren zahlreiche Vertreter von Nichtregierungsorganisationen und Opferverbänden an Bord der verunglückten Maschine. So ist neben den Namen von 19 Personen auf der Passagierliste vermerkt, dass sie der Organisation "Federacja Rodzin Katynskich", des Verbands der Familien der Katyn-Opfer, angehören.

Ebenfalls unter den Toten ist der letzte Staatspräsident der polnischen Exilregierung aus der Vorwendezeit, Ryszard Kaczorowski. Der 1919 Geborene, der zuletzt in London lebte, war bereits im Zweiten Weltkrieg im polnischen Widerstand in der Untergrundarmee aktiv. Er wurde vom sowjetischen Geheimdienst inhaftiert und zum Tode verurteilt. Doch er überlebte den Gulag und wurde 1942 von Stalin begnadigt. Er trat in die neu gegründete polnische Armee ein und kämpfte in der Schlacht von Monte Cassino. Nach dem Zweiten Weltkrieg emigrierte Kaczorowski nach Großbritannien, wo er in der polnischen Exilregierung aktiv war und 1989 zu ihrem Präsidenten bestimmt wurde.

Mitglieder der Solidarnosc

Mit Anna Walentynowicz ist auch die Mutter der Solidarnosc-Bewegung unter den Toten. Sie stand immer unter dem Schatten den Arbeiterführers Lech Walesa, dabei spielte sie nach Darstellung vieler Weggefährten eine mindestens ebenso wichtige Rolle bei der politischen Wende in Polen. Die fristlose Entlassung der Werftarbeiterin und Gewerkschafterin im Jahr 1980 führte zu jenen Streiks in Danzig, die schließlich die Gründung der ersten freien Gewerkschaft Polens, der Solidarnosc, möglich machten. Sie trat allerdings noch in den 80er Jahren aus der Gewerkschaft aus, weil sie nicht mit der Politik von Walesa einverstanden war. In Deutschland wurde Walentynowicz unter anderem dadurch bekannt, dass Regisseur Volker Schlöndorff ihre Lebensgeschichte gegen ihren Willen verfilmte.

Mit Janusz Kochanowski ist ein weiterer prominenter ehemaliger Vertreter der Solidarnosc unter den Toten. Der Jurist, der in wenigen Tagen 70 Jahre alt geworden wäre, vertrat von 1991 bis 1995 Polen als Generalkonsul in London. Zuletzt übte er in Polen das Amt des Ombudsmanns für Bürgerrechte aus. Er war verheiratet und hatte zwei erwachsene Kinder.

Auch der verstorbene Aleksander Szczyglo war Jurist und mehrere Jahre Mitglied des Sejm. Seit 2009 leitete der 46-Jährige das Nationale Sicherheitsbüro Polens, das direkt dem Präsidenten untersteht. Zuvor hatte Szczyglo bereits zwei Jahre lang die Präsidial-Kanzlei Lech Kaczynskis und unter der Regierung Jarosław Kaczynskis das Verteidigungsministerium geleitet.

Ebenfalls verstorben ist der Präsident der polnischen Notenbank, Slawomir Skrzypek. Der 46-Jährige hatte eine beeindruckende Karriere in Wirtschaft und Politik hingelegt. Er hat unter anderem in den USA studiert und gearbeitet sowie mehrere Jahre einflussreiche Positionen in Institutionen wir der Höchsten Kontrollkammer Polens, die für die Überwachung des Haushalts zuständig ist, sowie polnischen Privatbanken innegehabt. Er war verheiratet und hinterlässt drei Kinder.

Militärangehörige und Kleriker

Unter den Toten sind zudem zahlreiche Militärführer Polens, etwa der 48 Jahre alte Franciszek Gagor, seit 2006 Oberbefehlshaber der polnischen Streitkräfte, sowie Oberbefehlshaber mehrerer Waffengattungen. Auch der katholische Militärbischof Tadeusz Ploski und der Vizekanzler des Militärordinariats, Jan Osinski, starben. An Bord der Maschine waren insgesamt acht Geistliche, darunter auch der orthodoxe Militär-Erzbischof Miron Chodakowski und der evangelische Militärpfarrer Adam Pilch.

© sueddeutsche.de/wolf
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