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Flugzeug-Katastrophe von Smolensk:Tödliche Fehler im Tower

Anschuldigungen aus Warschau: Neun Monate nach dem Absturz der Maschine von Polens Präsidenten Kaczynski in Russland sorgt der Fall für neue Verwerfungen. Detailiert dröselt Polen schwere Patzer der russischen Fluglotsen auf.

Die Veröffentlichung der Gespräche zwischen den Piloten der abgestürzten polnischen Präsidentenmaschine und den russischen Fluglotsen hat am Mittwoch die Spannungen zwischen Warschau und Moskau verschärft. Die Protokolle, die der polnische Innenminister Jerzy Miller am Vorabend den Medien präsentierte, belegen schwere Fehler der Kontrolleure des Militärflughafens der russischen Großstadt Smolensk.

Absturz von Lech Kaczynski, AP

Katastrophe im dichten Nebel: Russische Beamte vor dem Trummern der am 10. April 2010 verunglückten Maschine des polnischen Präsidenten Lech Kaczynski nahe Smolensk.

(Foto: AP)

Dem widersprachen Vertreter der staatlichen Untersuchungskommission in Moskau. Bei dem Absturz des Flugzeugs in dichtem Nebel waren der polnische Staatspräsident Lech Kaczynski sowie 95 weitere Personen an Bord zu Tode gekommen.

Der liberalkonservative Premier Donald Tusk sah sich bei einer Fragestunde des Parlaments zu der Untersuchung des Unglücks heftigen Vorwürfen sowohl von der sozialdemokratischen, als auch der nationalkonservativen Opposition ausgesetzt, die forderte, Verteidigungsminister Bogdan Klich müsse entlassen werden.

Tusk warf ihr vor, das Unglück für politische Intrigen zu missbrauchen. Sie sehe in dem Absturz einen "Schlüssel zur radikalen politischen Wende". Mit Fackelumzügen könne man höchstens etwas in Brand setzten, ein Problem lasse sich aber so nicht beleuchten, warnte Tusk in Anspielung auf Märsche, die die Nationalkonservativen regelmäßig zum Andenken an die Toten organisieren.

Russische Versäumnisse ausgespart

Die Regierung hatte offensichtlich beabsichtigt, mit der Veröffentlichung des Funkkontaktes die Emotionen zu dämpfen, die in Polen der Abschlussbericht der russischen Untersuchungskommission hervorgerufen hatte. Er sparte mögliche Fehler und Versäumnisse der russischen Seite fast völlig aus, auch ging er nicht auf die veraltete und zum Teil schadhafte technische Ausrüstung des Flughafens ein.

Stattdessen beschuldigten die russischen Experten die Besatzung, zuvorderst den Luftwaffenkommandeur Andrzej Blasik, der in leicht angetrunkenem Zustand trotz des Nebels auf die Landung gedrungen habe.

Miller betonte vor der Presse, dass die polnische Seite die Fehler der Piloten und das Verhalten Blasiks nicht beschönigen wolle. Doch erklärte der stellvertretende Leiter der Kommission für die Untersuchung von Zwischenfällen im Luftraum, Oberst Miroslaw Grochowski, dass die Fluglotsen die anfliegende Maschine auf den falschen Kurs geleitet hätten.

Aus der multimedialen Präsentation ging hervor, dass sie den Piloten sechsmal in den letzten beiden Minuten vor dem Zerschellen der Maschine bestätigt hätten, dass sie sich auf dem richtigen Kurs zur verlängerten Achse der Landebahn befänden. In Wirklichkeit habe die Abweichung in der Höhe teilweise 130 Meter betragen und zur Seite 80 Meter.

Die Maschine habe bei diesen Angaben keine Chance gehabt, bei nur 100 Meter tiefhängenden Wolken die Landebahn zu treffen. Zusätzlich hatte, was die polnische Seite nie in Frage gestellt hat, der unerfahrene Navigator an Bord den falschen Höhenmesser abgelesen und übersehen, dass sich vor dem Flughafen eine langgezogene Talsenke befindet.

Den polnischen Experten zufolge hätten die Fluglotsen elf Sekunden eher als geschehen die Piloten auffordern müssen, die Maschine hochzuziehen. Aus der Aufzeichnung geht hervor, dass die beiden Flugkontrolleure überaus nervös waren, sie fluchten wiederholt. Im Tower, einer kleinen Baracke in Tarnfarben, hielt sich zudem noch ein Oberst namens Nikolaj Krasnokuzkij auf.

Verfahren gegen Tusks Kanzleichef

Dieser telefonierte in der letzten Phase des Unglücksfluges mit einem namentlich nicht genannten General in Moskau. Die polnischen Experten nehmen an, dass die Führung in Moskau es vermeiden wollte, der polnischen Präsidentenmaschine wegen des dichten Nebels die Landung zu verbieten. Dies hätte als politischer Affront gewertet werden können. Denn die Delegation an Bord wollte von Smolensk zu einer Gedenkfeier zum 70. Jahrestag des Massakers von Katyn weiterfahren.

Im Sejm forderten nahezu alle Vertreter der Opposition die Entlassung von Verteidigungsminister Klich, der als enger Gefolgsmann Tusks gilt. Dessen Ministerium war verantwortlich für die Durchführung des Flugs nach Smolensk: General Blasik hat nach Mitteilung des polnischen Beobachters in der Moskauer Kommission, des pensionierten Luftwaffenobersten Edmund Klich, der mit dem Verteidigungsminister nicht verwandt ist, vorschriftswidrig den Befehl zum Abflug gegeben, obwohl noch keine Wettermeldung vom Zielflughafen eingetroffen war.

Als Rückschlag für Tusk wird in Warschau auch gewertet, dass die Generalstaatsanwaltschaft angekündigt hat, Verfahren gegen die politisch Verantwortlichen einzuleiten. Neben Klich wäre dann vor allem Tusks Kanzleichef Tomasz Arabski betroffen, der für die Vorbereitung des Fluges verantwortlich war.

© SZ vom 20.01.2011/odg

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