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Flugverkehr:Fast alles am Boden

Coronavirus - Berlin

Um 95 Prozent sind die Passagierzahlen in Tegel zurückgegangen.

(Foto: Paul Zinken/dpa)

Mal wieder ein Flughafen-Problem in der Hauptstadt: In Berlin wird darüber entschieden, ob Tegel vorerst geschlossen werden muss.

Die Frage, ob der Flughafen Tegel offen bleiben oder geschlossen werden soll, spaltet Berlins Bewohner und die Stadtpolitik seit Jahren. Dabei spielen ganz praktische Überlegungen wie die zentrale Lage im Westteil der Stadt eine Rolle aber auch die emotionale Bindung, da das Gelände in Tegel Teil der Luftbrücke zur Versorgung der Berliner nach dem Mauerbau war. Jetzt, in Zeiten von Corona, sprechen jedoch alle Fakten dafür, den Bau aus den 1970er-Jahren vorübergehend stillzulegen. Gestritten wird trotzdem.

Mit Beginn der Beschränkungen wegen der Corona-Pandemie haben die wichtigsten Fluglinien in Tegel, Lufthansa und Ryanair, ihren Betrieb fast oder ganz eingestellt. Wo im vergangenen Jahr mehr als 24 Millionen Fluggäste unterwegs waren, sorgen jetzt gerade noch die Rückholflüge von Deutschen aus dem Ausland für geringen Verkehr. Passagierzahlen und Flugbewegungen in Tegel sind auf fünf Prozent zurückgegangen. 3000 Passagiere waren es Mitte vergangener Woche - auf beiden Berliner Flughäfen. Die Einnahmen aus Starts und Landungen sowie aus Geschäften und Parkplätzen fallen deshalb fast vollständig aus. Zeitgleich kostet es pro Monat 7,5 Millionen Euro, den Flughafen in Betrieb zu halten. Würde der Flugverkehr geschlossen und ein minimaler Betrieb aufrechterhalten, fielen nur Kosten von etwa 1,5 Millionen Euro an.

Berlins Finanzsenator Matthias Kollatz (SPD) hatte es in der vergangenen Woche im Abgeordnetenhaus daher einen "Irrsinn" genannt, Tegel weiterhin offen zu halten. An diesem Montag wollte der Chef der Berliner Flughäfen, Engelbert Lütke Daldrup, auf einer Gesellschafterversammlung beschließen, den Flugverkehr der Hauptstadt nur noch über Schönefeld abzuwickeln - "zunächst für zwei Monate", wie er sagte. Doch was betriebswirtschaftlich geboten scheint, trifft auf massiven Widerstand bei zwei der drei Anteilseigner der Flughafengesellschaft. Neben dem Land Berlin sind das der Bund und Brandenburg.

Die Bundesregierung sieht beide Flughäfen in Berlin als Teil der "kritischen Infrastruktur", sie müssten für Frachtflüge und Urlaubsrückkehrer geöffnet bleiben. Außerdem fungiert Tegel als Regierungsflughafen. Die Flughafengesellschaft hält dagegen, dass Schönefeld in kurzer Zeit auch von der Bundesregierung genutzt werden könnte. In Schönefeld liege auch das Frachtzentrum der Flughafengesellschaft, sodass die Lieferketten auch ohne Tegel aufrechterhalten bleiben würden.

Während der Berliner Senat weiterhin für eine vorübergehende Schließung Tegels plädiert, ist Brandenburg offenbar nun auch dagegen. Die Landesregierung wollte dazu öffentlich keine Stellung nehmen, aber es heißt, dass man dort erst den Gewinn bei einer Schließung mit den Kosten einer Wiedereröffnung Tegels nach zwei Monaten vergleichen will.

Kritisiert werden die Pläne auch von der Opposition in Berlin. "Es kann doch nicht sein, dass der Senat nun durch die Hintertür versucht, den Flughafen Tegel vorzeitig zu schließen", sagt Berlins CDU-Vorsitzender Kai Wegner. Ursprünglich war es geplant, den Betrieb in Tegel kurz nach der Eröffnung des neuen Flughafens BER im Oktober 2020 herunterzufahren. Die Flughafengesellschaft hält trotz Corona weiterhin an diesem Termin fest. Wenn Tegel vorher geschlossen werde, dann nur "temporär".

© SZ vom 30.03.2020

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