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Flugsicherheit in Russland:Nacktscanner-Kino für alle

In Moskau sind Nacktscanner seit 2005 im Einsatz. Viele Flugpassagiere wissen nicht, wie detailliert die Kontrolleure sie auf den Monitoren sehen. Und nicht nur die.

Nicht jeder Reisende am Moskauer Flughafen Domodedowo bemerkt sofort, dass der Schrank aus Plexiglas und Kunststoff, den er soeben betreten hat, ein sogenannter Nacktscanner ist. Die Sicherheitsbeamtin fordert deshalb mehrfach in resolutem Tonfall zur typischen Banküberfallgeste auf: "Hände hoch!" Steht der Fluggast korrekt, mit erhobenen Armen und den Füßen auf den Markierungen, surrt sekundenschnell ein Röntgengerät um seinen Körper. Es durchleuchtet jeden Passagier bis auf die Haut, um gefährliche Gegenstände zu entdecken, die einem gewöhnlichen Metalldetektor meist verborgen bleiben.

Sehr detailliert ist die Rückansicht eines Passagiers auf einem Scanbild zu sehen, das der Amsterdamer Flughafen Schiphol vor drei Jahren herausgegeben hat.

(Foto: Foto: AP)

Deutschland diskutiert derzeit über den Einsatz solcher Körperscanner, andernorts sind sie bereits im Betrieb: in den USA, in Zürich, London und Amsterdam werden die Geräte getestet. An Moskaus modernem Flughafen gehören die Scanner längst zum Alltag. Seit 2005 stehen sie in den Terminals, zunächst im Testbetrieb, seit 2007 sind sie regulär im Einsatz. Jeder Passagier wird durchleuchtet, egal ob er nach Jekaterinburg fliegt, nach London, Mailand, Frankfurt, Düsseldorf oder München.

"Angenehmer als abtasten"

Die meisten Passagiere stört die neue Sicherheitsschleuse nicht. "Ich wusste gar nicht, dass das ein solcher Scanner ist", sagt Walter Späth, der am Flugsteig A13 auf seine Maschine nach Berlin wartet. Er habe sich über die ungewohnte Prozedur nur ein wenig gewundert. "Das ist auf jeden Fall angenehmer als abtasten." Bei der aktuellen Sicherheitslage sei dieses Vorgehen "angemessen", findet er.

"Komplett egal", sei ihr der Scanner, sagt eine Mutter, die mit ihren drei Söhnen die Heimreise nach einem Urlaub über Silvester in der russischen Hauptstadt antritt. Sie sei zwar für gewöhnlich "sehr liberal" und wähle die Grünen, wie sie erklärt. Doch in diesem Fall versteht sie deren ablehnende Haltung gegenüber dem Körperscanner nicht. "Es erhöht die Sicherheit im Flugzeug", argumentiert sie. "Nicht unangenehm" findet auch Barbara Gutenbrunner die Kontrolle. Die interessante Frage für die junge Österreicherin ist nur, wie nackt der Passagier für den Kontrolleur zu sehen sei: "Anscheinend sieht man nichts." Glaubt sie.

Kommt der Scanner in Deutschland tatsächlich zum Einsatz, dann nur mit neuester Technik, welche die Intimsphäre wahren soll, heißt es. In Moskau wurden solche Diskussionen nicht geführt.

Intimes aus der Entfernung zu sehen

Das Personal sitzt auch nicht abgeschottet in einem anderen Raum, wie es hierzulande auch schon diskutiert wurde. In Domodedowo steht der Monitor, auf dem der Passagier als 3D-Bild ohne Kleider erscheint, vis-à-vis zum Ausgang der Röntgenkabine; der Kontrolleur hat Blickkontakt zum Passagier. Drei Stellwände sollen das Überwachungspersonal vor neugierigen Reisenden schützen. Doch wer sich hinter den Arbeitsplatz des Sicherheitsbeamten stellt, kann ihm mühelos über die Schulter blicken. Sogar aus ein bis zwei Metern Entfernung sind Pobacken, Brüste und noch intimere Körperpartien deutlich zu erkennen.

"Ich wüsste gerne, wie hoch die Strahlenbelastung ist", sagt Juliane Kieselmann. Ansonsten finde sie den Scanner "schon in Ordnung". In Deutschland solle er trotzdem nicht eingeführt werden - wegen der Strahlengefahr und der Privatsphäre. Ihre Schwester Alexandra meint, die Reisenden sollten auf den Einsatz des Geräts hingewiesen werden. Doch in Russland sind ausführliche Informationen oft rar.

Die Russen selbst nehmen den Nacktscanner ohnehin gelassen. Er habe gar nicht gewusst, was das für ein Gerät ist, sagt Alexej Drobikow, Bankangestellter aus Moskau. Nackt sei man zu sehen? Das sei doch eine Legende, sagt er und schüttelt den Kopf. Eine Nachfrage, und Drobikow weiß, wie das Computerbild aussieht. Schlimm findet er das aber nicht: "Ich habe nichts zu verbergen."

© SZ vom 05.01.2010/sukl
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