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Italien: Flüchtlingswelle auf Lampedusa:Exodus der Revolutionäre

Diktator Ben Ali ist gestürzt - trotzdem fliehen die Tunesier zu Tausenden nach Italien. Die EU ist alarmiert, die tunesische Übergangsregierung versucht die Küste abzuriegeln. Die Regierung Berlusconi fordert scharfe Maßnahmen - Menschenrechtler sehen darin die "Speerspitze der Schändlichkeit".

Wer es nach Lampedusa schafft, spreizt die Finger zum Gruß. Das Victory-Zeichen ist auf der italienischen Mittelmeerinsel dieser Tage allgegenwärtig, seit ein Boot nach dem anderen im Hafen landet und Tausende Menschen aus Tunesien das Eiland bevölkern. Obwohl sich die tunesische Armee mittlerweile bemüht, den Strom zu stoppen, sollen es mehr als 5000 illegale Einwanderer und Flüchtlinge nach Lampedusa geschafft haben. Damit hat sich die Inselbevölkerung in kurzer Zeit verdoppelt.

tunisian migrants

Fischerboot mit Flüchtlingen im Hafen von Lampedusa: Der Seeweg ist frei, aber ungefährlich ist er nicht.

(Foto: dpa)

Viele der Ankömmlinge haben siegreiche Tage hinter sich. Sie waren dabei, als Mitte Januar wütende Proteste in der tunesischen Hauptstadt Tunis den verhassten Präsidenten Ben Ali zur Flucht veranlassten. Sie machten den Menschen in vielen arabischen Ländern Mut und starteten eine Bewegung, deren Ende noch nicht abzusehen ist. In Ägypten floh nach langanhaltenden Protesten der Präsident Hosni Mubarak aus dem Amt. In Jemen hat Präsident Ali Abdullah Salih angekündigt, nicht erneut kandidieren zu wollen.

"Menschenverachtende Fluchtverhinderung"

Nach jahrzehntelanger Unterdrückung besteht in Tunesien und Ägypten nun die Chance auf einen demokratischen Wandel. Dennoch glauben viele, die diese Umstürze möglich gemacht haben, nicht an eine schnelle Besserung der Lage in ihren Heimatländern, die von Korruption und Armut geprägt ist. "Wir wollen nur die Möglichkeit, in Europa zu arbeiten", brüllen Menschen, die in Lampedusa landen, in die Fernsehkameras. "Unsere Revolution hat nichts geändert. Wir haben Angst."

Für Italiens südlichste Insel geht mit dem Ansturm der vergangenen Tage eine Phase relativer Ruhe zu Ende. Bis 2009 landeten jedes Jahr mehr als 20.000 Flüchtlinge und illegale Einwanderer auf der Insel, die nur etwa 100 Kilometer von der tunesischen Küste entfernt ist. Dann verpflichteten sich Libyen und Tunesien in Abkommen mit Rom, die Grenzen dichtzumachen - 2010 kamen nur noch ein paar hundert Flüchtlinge durch das "Tor zu Europa". Das Flüchtlingslager auf Lampedusa wurde geschlossen, die italienische Tourismuszentrale warb mit der "großen Einsamkeit" der Insel.

Damit ist es vorbei. Die "effiziente, aber menschenverachtende Fluchtverhinderung", wie Karl Kopp vom Europäischen Flüchtlingsrat die bisherige Kooperation der EU mit den nordafrikanischen Staaten nennt, ist mit dem Abgang des Despoten Ben Ali in Tunesien gescheitert.

Küstenwache und Militär sahen den Bootsflüchtlingen zunächst tatenlos zu, die sich auf die Überfahrt nach Lampedusa machten. Erst am Montagnachmittag meldete die staatliche tunesische Nachrichtenagentur TAP, die Übergangsregierung habe mehrere Fahrten verhindert und Kontrollpunkte in den Häfen von Gabès und Zarat installiert.

Berlusconis Furcht vor dem "Anziehungseffekt"

Der Seeweg nach Europa ist frei, ungefährlich ist er nicht: Weil die Flüchtlingsboote oft überladen und nicht hochseetauglich sind, kommen immer wieder Flüchtlinge ums Leben. Nach Angaben italienischer Medien ertranken kürzlich 29 Menschen, als ihr Boot von einem Schnellboot der tunesischen Marine gerammt wurde. Die Organisation Fortress Europe berichtet, im Jahr 2009 seien mindestens 283 Bootsflüchtlinge auf dem Weg ums Leben gekommen.

Tausende Tunesier lassen sich davon nicht abschrecken. Die genaue Zahl der Ankömmlinge auf Lampedusa ist umstritten; etwa 5000 sollen es sein, Tendenz steigend. Allein seit Samstagnacht seien es 1600 Menschen gewesen, berichten italienische Zeitungen. Am Montag wurden neue Boote gesichtet. Die Flüchtlinge campierten zunächst auf der Hafenmole, auf Parkplätzen und einem umzäunten Fußballplatz, weil sich die italienische Regierung zunächst weigerte, das Flüchtlingslager wieder zu eröffnen - sie fürchtete einen "erhöhten Anziehungseffekt".

"Speerspitze der Schändlichkeit"

Erst am Sonntag gab Ministerpräsident Silvio Berlusconi das Lager frei und erklärte außerdem den "humanitären Notstand", der es der Zivilschutzbehörde erlauben soll, "notwendige Maßnahmen zur Kontrolle des Phänomens" zu ergreifen. Welche Maßnahmen damit genau gemeint sind, sagte Berlusconi nicht.

Nachrichtenagenturen berichten, die Behörden hätten begonnen, die Menschen mit Fähren und Flugzeugen nach Sizilien zu bringen - aus Sorge darüber, dass sich Terroristen oder gewöhnliche Kriminelle unter den Flüchtlingen befinden können. Auf Sizilien befindet sich ein Abschiebelager - den Menschen dort droht die unfreiwillige Rückreise nach Tunesien. Italien habe keine Hemmungen, warnt der Menschenrechtler Karl Kopp vom Flüchtlingsrat: "Sie schicken Flüchtlinge sehenden Auges in die libyschen Haftlager Gaddafis zurück. In dieser Hinsicht ist Italien die Speerspitze der Schändlichkeit."

Flüchtlingsstrom nach Italien

Endstation Lampedusa