Süddeutsche Zeitung

Berlin:"Der Rauch hüllte uns ein wie ein schwarzer Sturm"

Nach dem Brand in einer Flüchtlingsunterkunft in Berlin-Pankow stirbt eine syrische Mutter. Die Familie erhebt nun Vorwürfe gegen die Polizei.

Von Jan Heidtmann und Dunja Ramadan

Nahe dem S-Bahnhof Blankenburg ist der Berliner Bezirk Pankow eine merkwürdige Mischung aus Ländlichkeit und Bürgertum. An manchen Stellen erstrecken sich große Felder, es gibt eine Reihe von Autowerkstätten aber auch einen Golfplatz und altehrwürdige Mehrfamilienhäuser. Doch von dem, was dieses Eckhaus mit dem verbrannten Treppenaufgang in der Bahnhofstraße einmal für die Gegend bedeutete, sind nur noch zwei blasse Schilder zu erkennen.

Auf einem Balkon etwas weiter die Straße hinunter raucht ein freundlicher älterer Mann eine Zigarette. "Da war über 30 Jahre eine Kneipe drin", sagt er. "So eine richtig deutsche Gaststätte." Großvater, Vater und der Sohn hätten die geführt, gerade im Sommer sei das Lokal ein Anlaufpunkt für die Bewohner der Gegend gewesen. "Da konnte man richtig schön draußen sitzen", erzählt der Mann. "Dann wurde das Haus aufgekauft und jetzt ist ein Flüchtlingsheim drin."

Genau genommen ist es so: Das Haus wird von dem Bezirk inzwischen als Unterkunft für Wohnungslose genutzt, dazu zählen neben Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit auch mehrere Familien, die in Berlin Asyl bekommen haben oder als Geflüchtete aufgenommen worden sind. Doch seit Montag ist das vierstöckige Haus zu einem Politikum in der Stadt geworden. Da wurde bekannt, dass Yazi A. aus Syrien, 43 und Mutter von sechs Kindern, offenbar an den Folgen eines Brandes in dem Haus umgekommen ist.

Über den Tod der Frau hatte als Erstes der umstrittene Politik-Influencer Tarek Baé berichtet. "Die sechsfache Mutter aus Syrien wurde Opfer eines Brandanschlags auf ein Haus mit Geflüchteten in Berlin", schrieb er auf Twitter. Aktivistinnen der feministischen Gruppe Zora vermeldeten kurz darauf, "rechtsextreme Graffitis und rassistische Übergriffe sind in Blankenburg Normalität". Verkehrssenatorin Bettina Jarasch von den Grünen sprach auf Twitter ihr Beileid aus und schrieb: "In dem Haus lebten Geflüchtete. Meine Anteilnahme gilt ihren Angehörigen. Die Polizei muss nun die Hintergründe aufklären." Ähnlich äußerte sich Sozialsenatorin Katja Kipping von der Linken. Am Nachmittag versammelten sich Unterstützer und Nachbarn im Hof des Hauses, um Solidarität zu zeigen.

Der größte Teil der Bewohner musste in das Heim zurückkehren

Im Bezirksamt Pankow ist man über diese Signale zumindest zum Teil verärgert. Da in dem Fall noch ermittelt werde, mag dort derzeit niemand offen darüber sprechen. Doch durch die Aussagen der Politik werde ein Zusammenhang zwischen dem Brand, dem Tod der Frau und einer politischen Motivation hergestellt; so würde ein rassistisches Motiv zumindest insinuiert. Dabei habe die Polizei bislang keinerlei Anhaltspunkte für eine politische Tat.

Tatsächlich ermittelt das Landeskriminalamt bereits seit dem 26. Januar wegen schwerer Brandstiftung. Am späten Nachmittag zuvor war der erste Stock des Treppenhauses in dem Wohnungslosenheim durch einen brennenden Kinderwagen in Flammen aufgegangen. Das Haus wurde daraufhin evakuiert, zwei der Bewohner wurden mit Rauchvergiftungen in ein Krankenhaus gebracht. Nachdem die Elektrik in dem Haus nach drei Tagen provisorisch repariert worden war, musste der größte Teil der Bewohner zurückkehren. Selbst nach dem Tod von Yazi A. am 10. Februar gab es nach Angaben der Familie keinerlei Betreuung für ihre sechs minderjährigen Kinder und den Ehemann.

Das erzählt der 17-jährige Sohn Hani der Süddeutschen Zeitung am Telefon. Er sei damals im Alter von zehn Jahren nach Deutschland geflüchtet, erzählt er, seine Eltern durften zwei Jahre später mit dem Flugzeug nachkommen. "Nach dem Brand hat man uns komplett alleine gelassen", sagt Hani. Den Abend des 25. Januar beschreibt Hani A. als traumatisierend. "Der Rauch hüllte uns wie ein schwarzer Sturm ein, ich konnte kaum noch atmen." Auf Whatsapp hat Hani A. ein schwarzes Bild als Profilbild, dazu den Spruch: "Wahrlich, wir gehören Gott und wahrlich, zu ihm kehren wir zurück."

Über seine Mutter will er gar nicht sprechen. "Ich kann gerade einfach nicht", sagt er. Sie sind sechs Geschwister, das jüngste Kind ist gerade mal acht Jahre alt. Lieber zählt er die Versäumnisse auf: Erst am 16. Februar soll die Polizei Hanis Vater befragt haben. Also fast einen Monat nach der Tat, sagt die Familie. Er ist sich sicher, dass es ein rassistischer Anschlag war. "Viele Leute haben ein Problem mit uns Flüchtlingen. Einmal fuhr ein Mann mit dem Auto vorbei und zeigte uns den Mittelfinger", erzählt er. Die Familie lebt immer noch in der Unterkunft in Pankow. Im Innern riecht es stark nach kaltem Rauch, Wände und Türen im unteren Treppenaufgang sind weitgehend verkohlt, so wie auch der Sicherungskasten. Da die Fenster mit Spanplatten verrammelt wurden, spenden Baustellenlampen das einzige Licht im Aufgang.

Die Polizei will nicht sagen, ob es bereits solche Befragungen gab

Während des Gesprächs gehen Polizisten mitsamt Dolmetscher von Tür zu Tür. Sie wollen die Bewohner zum Brand befragen. Seitdem der Tod der 43-Jährigen öffentlich wurde, ermittelt auch die Staatsanwaltschaft in dem Fall. Ob es vorher schon solche Befragungen gegeben habe oder ob sie erst jetzt beginnen, dazu will sich die Polizei nicht äußern - "aufgrund der laufenden Ermittlungen". Die Brandexperten des LKA stünden jedoch in engem Austausch mit dem Polizeilichen Staatsschutz. Dort lägen "bislang keine Anhaltspunkte für eine politische Tatmotivation vor".

Jian Omar, Parlamentarier der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus, hat die Familie A. am Montagnachmittag ebenfalls besucht. Sie sei wochenlang allein gelassen worden, berichtete Omar anschließend. Über Twitter warf er die Frage auf: "Wieso wurde der Tod von Yazy A. lange nicht nach außen kommuniziert?" Es ist nur eine von einer Handvoll Fragen zu diesen Ermittlungen. "Das hat viel Raum für Spekulationen gelassen", schreibt Omar noch.

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