Flüchtlingsstrom übers Mittelmeer:Was sollen die Europäer tun?

Nur: Das alles hat Europa schon versucht. Ein Ergebnis sind die Ertrunkenen von Lampedusa. Die Europäer können jedoch nicht einfach dabei zusehen, wie Menschen vor ihren Toren erbärmlich zugrunde gehen, weil sie sonst zu Zynikern werden, die ihrer eigenen Werte spotten.

Deswegen argumentieren die Anhänger der freien Fahrt, die EU müsse sichere Routen für alle nach Europa schaffen, damit Flüchtlinge nicht Menschenhändlern, korrupten Beamten in Chaosstaaten und den Launen des Meeres ausgeliefert sind. Das klingt sympathisch und human.

Doch wie viele Afrikaner, Araber und Zentralasiaten würden sich wohl ermuntert fühlen, nach Europa aufzubrechen, wenn sie wüssten, dass ihnen sichere Reisewege von der EU garantiert oder sogar Fähren bereitgestellt werden. Millionen? Abermillionen? Niemand kann das voraussagen, auch weil Menschen nicht mutwillig ihre Heimat verlassen, sondern nur aus sehr starken Gründen. Die Gefahr ist jedoch groß, dass das Modell freie Fahrt die Verwerfungen schafft, vor der die Festungsbauer warnen.

Europäische Flüchtlinge

Ein Dilemma? Tatsächlich lässt sich die Flüchtlingsfrage mittelfristig nicht befriedigend beantworten. Forderungen, die Lebensumstände in Afrika zu verbessern, für fairen Handel zu sorgen, Flüchtlinge nahe ihrer Heimat menschenwürdig unterzubringen, scharf gegen Schlepper vorzugehen und Migrationsquoten einzuführen, sind zwar vernünftig, jedoch nur langfristig umzusetzen. Die Menschen fahren aber jetzt los. Heute. Morgen. Was sollen da die Europäer tun?

Sie sollten sich an Zeiten erinnern, in denen Millionen von ihnen - Deutsche, Italiener und Iren etwa - vor Hunger und Unterdrückung in andere Länder flohen. Sie erwarteten und erhielten dort oft eine menschenwürdige Aufnahme. Genau das müssen die Europäer nun auch jenen Menschen gewähren, die auf taumelnden Booten ihren Küsten entgegenfiebern. Die Lasten, die das mit sich bringt, müssen dabei künftig gerechter unter allen EU-Staaten verteilt werden, nach Einwohnerzahl und Wirtschaftskraft.

Gewiss: Schon diese, humanitäre Lösung wird weitere Flüchtlinge anspornen, sich auf die Reise nach Norden zu machen. Doch das müssen die Europäer akzeptieren, wenn sie ihre Seele nicht dem Mare Monstrum opfern wollen.

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