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Europa:Kohl über Orbán - man kann den Text auch anders lesen

Viktor Orban

Auf nach Oggersheim: Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán.

(Foto: dpa)

Der Besuch des Ungarn beim Altkanzler wird als Spitze gegen Merkel gewertet. Kohl dürfte Orbán aber ins Gewissen reden - das legt zumindest ein Text von ihm nahe.

Von Stefan Braun, Berlin

Für die selbsternannten Antifaschisten von Ludwigshafen ist die Sache klar. Am Dienstag wollen sie protestieren gehen. Ihre Gegner werden dann alte Bekannte sein: Der eine ist Altkanzler Helmut Kohl, der andere ist der aktuelle Regierungschef von Ungarn, Viktor Orbán. Den Kanzler mochten die Antifa-Leute eh nie; den Ungar halten sie nicht erst seit seinem rigiden Flüchtlingskurs aus dem vergangenen Sommer für einen rechtskonservativen Hardliner. Und weil Orbán sich entschlossen hat, Kohl am Dienstag in Oggersheim zu besuchen, wollen die Antifa-Leute dagegenhalten. Ist ja auch zu schön, sich in glasklaren Verhältnissen zu wiegen: Hier wir Guten, dort die Bösen.

Nun könnte man geneigt sein, die Angelegenheit trotzdem als Kaffeekränzchen mit Demo zu beschreiben. Das nämlich dürfte der Rahmen sein, in dem sich der Altkanzler und sein einstiger politischer Ziehsohn im Garten des Kohl'schen Hauses begegnen werden.

Angela Merkel sitzt imaginär mit am Tisch

Angesichts der noch immer aufgeheizten Stimmung in der EU über die Flüchtlingsfrage wäre es jedoch naiv, das Treffen als reine Privatsache zu begreifen. Mindestens in Gedanken wird eine dritte Person mit am Tisch sitzen - und das ist Angela Merkel. Zu heftig ist der Streit zwischen der Kanzlerin und dem ungarischen Premierminister, und zu fragil ist die Lage rund um bisherige und künftige Flüchtlingsströme Richtung Europa.

Außerdem ist da auch noch dieser Text, den Helmut Kohl in einem Gefühl für den richtigen Zeitpunkt passend zu Orbáns Visite formuliert hat. In einem Vorwort für die ungarische Ausgabe seines eigenen Buches "Aus Sorge um Europa" schwärmt Kohl von seinem Freund Orbán, erinnert mit Verve an die wichtige Rolle, die Ungarn 1989 einnahm - und mahnt alle, dass in Europa "einsame Entscheidungen, so begründet sie dem Einzelnen erscheinen mögen, der Vergangenheit angehören" müssten.

Nicht unbedingt eine Attacke auf die Kanzlerin

Wer möchte, und Orbán möchte das ganz sicher, der kann in Kohls Worten eine ziemlich deftige Attacke gegen die Kanzlerin herauslesen. Für alle Merkel-Kritiker in Deutschland und Europa war sie es, die in der Nacht vom 4. auf den 5. September 2015 genau so eine "einsame Entscheidung" traf, als sie beschloss, angesichts einer katastrophalen humanitären Situation am Budapester Bahnhof Tausende Flüchtlinge über Österreich nach Deutschland einreisen zu lassen. Dass die Entscheidung auch Orbán zupass kam, wird in Budapest gerne verschwiegen; und dass die österreichische Regierung ebenfalls heilfroh war, wird in Wien nur noch selten zugegeben. Merkels Beschluss gilt bei ihren Kritikern als Initialzündung für jenen Flüchtlingsansturm, der im Spätherbst seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht hat.

Dass Kohl für Orbán eine Lanze bricht, kommt zudem nicht überraschend. Seitdem der junge Orbán, damals gerade 26 Jahre alt, im Sommer 1989 in Budapest den Abzug der sowjetischen Truppen forderte, gilt er bei Kohl als treuer junger Kerl, der Unterstützung verdient hat. Später wird Orbán sagen, er sei ein Schüler Kohls gewesen. Und Kohl wird es ihm danken, indem er im April 2002 in Ungarn offen für Orbán Wahlkampf macht. Außerdem fand im Nachwende-Deutschland viele Jahre so gut wie kein CDU-Bundesparteitag ohne Viktor Orbán statt. Eine Tradition wurde das, die auch die Kohl-Nachfolgerin Merkel an der CDU-Spitze lange pflegte. Kein Parteitreffen, bei dem nicht "unser lieber Freund Viktor" als Gast und Redner begrüßt wurde. Generalsekretäre mochten unter Merkel kommen und gehen - Viktor Orbán hatte seinen Platz sicher.

Und doch kann man den Text, der vor allem als Kritik an der Kanzlerin wahrgenommen wird, auch anders lesen. Denn neben dem Lob auf Orbán und dem Ruf, Europa nicht zu überfordern, schreibt Kohl Sätze wie: "Der Rückfall in altes, nationalstaatliches Denken ist keine Option." Der Kontinent, heißt es an anderer Stelle, könne seine Probleme dann lösen, wenn man einander solidarisch beistehe und jeder die gemeinsamen Regeln einhalte.

Das lässt sich durchaus als Forderung an Orbán, den Kaffeegast, interpretieren, er möge seinen Weg mit und nicht gegen Berlin suchen. Besonders deutlich wird Kohl am Ende. Europas Probleme, schreibt er da, seien lösbar, "wenn wir wieder verstärkt an einem Strang ziehen und uns auf unsere gemeinsamen Grundlagen und Wurzeln besinnen. Ungarn darf dabei nicht fehlen." Das richtet sich mindestens genauso deutlich an den Gast aus Budapest wie an die Kanzlerin in der Hauptstadt.

© SZ vom 19.04.2016
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