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Prantls Blick:Die Flüchtlings-Christkinder auf Lesbos

Flüchtlingslager Lesbos

Tausende Flüchtlinge verharren in den Lagern auf Lesbos.

(Foto: dpa)

Die europäischen Regierungen verweigern sich der Hilfe. Sie sind nicht sehr viel besser als der König Herodes in biblischen Zeiten, der die Kinder hat umbringen lassen.

Von Heribert Prantl

Jeden Sonntag beschäftigt sich Heribert Prantl, Kolumnist und Autor der SZ, mit einem Thema, das in der kommenden Woche - und manchmal auch darüber hinaus - relevant ist. Hier können Sie "Prantls Blick" auch als wöchentlichen Newsletter bestellen - exklusiv mit seinen persönlichen Leseempfehlungen.

Die Stücke des Dramatikers Samuel Beckett, der vor dreißig Jahren gestorben ist, handeln vom vergeblichen Warten: darauf, dass einer kommt oder darauf, dass einer geht. Die Menschen in diesen Stücken wissen einfach nicht, was sie tun sollen: Sollen sie in der Untätigkeit verharren? Oder sollen sie diese Untätigkeit durch eine Entscheidung durchbrechen? Und weil sie sich nicht entscheiden können, flüchten sie sich in leere Gesten und erzählen Geschichten, die immer dünner werden. Das Stück über das vergebliche Warten darauf, dass einer kommt, heißt "Warten auf Godot".

Warten auf himmlische Rettung

Die Rettung, von der die Weihnachtsengel künden, erinnert an dieses vergebliche Warten. Warum? Die himmlische Rettung wird seit zweitausend Jahren angekündigt - sie kommt aber nicht. Das liegt wohl auch daran, dass zu viele Leute immer wieder erwartet haben, dass ohne ihr Zutun irgendwas passiert, dass irgendwer kommt: ein Godot, ein Gott, eine Revolution. Oder dass irgendwas oder irgendwer verschwindet: ein Diktator, die Ausbeutung, das Elend. Die Rettung kommt aber nicht durch irgendwas oder irgendwen, sondern vor allem durch einen selber.

Es ist der vierte Adventssonntag. Advent heißt Ankunft. Das Wort hat in flüchtigen Zeiten eine ganz besondere Bedeutung: Flüchtlinge sollen, sollten wieder im Leben ankommen. Aber das Leben, das viele von ihnen leben müssen, ist kein Leben.

Auf der griechischen Insel Lesbos, in Europa also, versinken die Flüchtlinge im Dreck und in der bewussten Untätigkeit der europäischen Regierungen. Die Helfer von "Ärzte ohne Grenzen" sind der Not nicht mehr gewachsen. Sie berichten vom unglaublichen Elend, sie berichten von grauenvollen Zuständen: Sie berichten von Kleinkindern, die ihren Kopf auf den Boden schlagen, die sich das Haar ausreißen und sich in die Arme beißen. Die Helfer berichten von immer mehr Suizidversuchen verzweifelter Menschen. Bundesinnenminister Horst Seehofer von der Christlich-Sozialen Union weigert sich, die mehr als Kinder und Jugendlichen, die im Flüchtlingslager "Moria" auf Lesbos dahinvegetieren, nach Deutschland zu holen. Der Grünen-Vorsitzende Robert Habeck forderte nun, die Kinder aus Griechenland hierher zu bringen. Auch Boris Pistorius, der SPD-Innenminister von Niedersachsen, hatte geschockt und eindringlich darum gebeten, nachdem er die katastrophalen Zustände auf Lesbos mit eigenen Augen gesehen hatte.

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