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Flüchtlingsdebatte:Merkel verdrängt, dass die Flüchtlinge kommen

Und was ist damit, Balkanstaaten zu sicheren Herkunftsstaaten zu erklären, damit Anträge von Asylbewerbern aus diesen Ländern schneller abgelehnt werden können? Hier wünscht sich Merkel irgendwie eine europäische Lösung. Ohne zu sagen, wie die dann genau aussehen sollte.

Nur so viel: "Wir können nicht jedem, der glaubt, dass hier wirtschaftlich die Dinge besser laufen, dass man eine Chance auf einen Arbeitsplatz hat, Asyl gewähren." Auch so ein Satz, der nichts sagt. Niemand hat je gefordert, dass jeder, der das glaubt, Asyl bekommen muss.

Merkel scheint jede Vision zu fehlen

Was Merkel anscheinend verdrängt sehen will: Die Flüchtlinge kommen. Und die allermeisten werden erst einmal bleiben. So dicht kann die Europäische Union ihre Grenzen gar nicht machen. Auch der Zaun, den die Ungarn jetzt bauen, wird Menschen nicht aufhalten, die von der Hoffnung auf ein Leben in Frieden und Sicherheit getrieben sind.

Merkel fehlt offenbar jede Vision, wie es in der Flüchtlingsfrage weitergehen soll. Entweder fehlt ihr jede Idee, die über die Frage hinaus geht, ob es in einer Flüchtlingsunterkunft genug Betten und Toiletten gibt. Oder sie hat insgeheim doch eine. Dann wäre jetzt ein guter Zeitpunkt, sie den Menschen zu verraten.

Es wäre an ihr, der Bundeskanzlerin, deutlich darauf hinzuweisen, dass Deutschland die Pflicht hat, Menschen in Not zu helfen. Es wäre an ihr, zu erklären, was die Flüchtlinge in Wahrheit sind: eine riesige Chance für Deutschland und die Europäische Union, wirtschaftlich und gesellschaftlich.

Wann endlich erkennt Merkel an, dass jeder Flüchtling eine Perspektive verdient hat? Auch der, der vor Armut und Hunger geflohen ist. Und sei es auch nur, weil diese Menschen ihre Leben für diese Perspektive aufs Spiel gesetzt haben. Und wann endlich legt sie sich fest, dass Deutschland ein Einwanderungsgesetz braucht? Eines, das laut "Willkommen!" in die Welt ruft.

Deutschland wird nicht jeden aufnehmen können, auch wenn es genug Platz gäbe. Ehrlich gesagt, es will auch nicht jeder nach Deutschland. Die Grenze der Möglichkeiten ist längst nicht erreicht. Nicht gemessen daran, was die Nachbarländer Syriens und des Irak leisten. Und auch nicht gemessen an dem, was andere europäische Länder leisten. 2,5 Asylbewerber kommen in Deutschland auf 1000 Einwohner. In Schweden sind es 8,4, in Ungarn 4,3, in Österreich 3,3. Da ist für Deutschland noch viel Luft nach oben.

Es wäre schön, wenn das alles einmal jemand sagt. Am besten die Bundeskanzlerin. Ihr beredtes Schweigen aber schadet, den Flüchtlingen und dem Land.

© SZ.de/gal/leja

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