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Flüchtlings- und Migrationspolitik:Bundespolizei fehlt Personal für Abschiebungen

Abschiebehaft und Verbraucherschutz im Kabinett

Ein bis drei Polizisten kommen meist auf einen Abzuschiebenden.

(Foto: dpa)
  • Nur etwa 60 Beamte sollen sich für den jüngsten Flug nach Kabul gemeldet haben.
  • Flüge nach Afghanistan sind besonders unbeliebt: Sie dauern so lange, dass die Beamten mehr als 24 Stunden im Einsatz sind.
  • Eine Zulage gibt es nicht, Gewerkschaften fordern sie, um den Job attraktiver zu machen.

Von Bernd Kastner

Es war knapp. Als sich am Dienstag am Düsseldorfer Flughafen abgelehnte Asylbewerber und Polizisten trafen, um nach Kabul zu fliegen, dürften die Verantwortlichen genau gezählt haben: Sind genügend Beamte da für die avisierten 80 Flüchtlinge? Die Bundespolizei ist für Abschiebeflüge zuständig und tut sich zunehmend schwer, Beamte dafür zu finden. Polizeigewerkschafter warnen davor, dass womöglich bald schon Abschiebungen an der Personalnot scheitern.

So eine Rückführung ist kein staatlich finanzierter Ausflug. Für die abgelehnten Flüchtlinge endet ihr Traum von Deutschland, viele sind niedergeschlagen. Ein bis drei Polizisten kommen meist auf einen Abzuschiebenden, sie bilden bis zur Landung ein Team. Geht alles gut, sitzen sie stundenlang nebeneinander, essen, dösen, die größte Abwechslung ist der begleitete Gang zum Klo. Das sei auch die Regel, versichern Insider. Allein, und das macht den Job psychisch so anstrengend, die Ruhe kann jeden Moment enden - ob an Bord oder bei den stundenlangen Aufenthalten bei einer Zwischenlandung.

Rastet ein Rückzuführender aus, gilt es, mit bescheidenen Mitteln zu reagieren. Schusswaffen und Reizgas sind tabu in der Kabine; ebenso Handschellen, sie ließen sich im Notfall nicht schnell genug öffnen. Kommt es wirklich mal hart auf hart, müssen die Begleiter die Randalierer mit Klettbändern oder Plastikfesseln bändigen. Zeigt sich einer schon beim Boarding renitent, wird ihm ein "Body Cuff" angelegt, ein Gürtel, mit dem sich die Hände am Körper fixieren lassen. Generell gilt: nichts riskieren, lieber die Abschiebung abbrechen.

Eine Zulage gibt es nicht

Die Polizei hat aus Todesfällen in den 90er-Jahren gelernt. In einer mehrwöchigen Fortbildung lernen die Beamten, dass ihr wichtigstes Werkzeug das Wort ist. Deeskalation ist alles. Je sensibler sie mit den Verzweifelten umgehen, desto ruhiger wird der Flug. Polizisten werden zu Seelsorgern der Lüfte. Experten der nationalen Stelle zur Verhütung von Folter, die freiheitsentziehende Maßnahmen aller Art kontrollieren, stellen den Polizisten ein gutes Zeugnis aus: Sie agierten "professionell", meist "freundlich zugewandt".

Doch der ohnehin unterbesetzten Bundespolizei gehen langsam die Freiwilligen aus. Gezwungen wird niemand zur Abschiebebegleitung. Von den 35 000 Beamten haben nur 900 die Ausbildung zum "Personenbegleiter Luft" absolviert. Für große Sammelabschiebungen trommelt man sie aus ganz Deutschland zusammen.

Eine Zulage gibt es nicht, Gewerkschaften fordern sie, um den Job attraktiver zu machen. Flüge nach Afghanistan sind besonders unbeliebt: Sie dauern so lange, dass die Beamten mehr als 24 Stunden im Einsatz sind; es sind Straftäter unter den Abzuschiebenden; und das von Gewalt erschütterte Zielland macht selbst Polizisten ein mulmiges Gefühl.

Nur etwa 60 Beamte sollen sich für den Dienstagsflug gemeldet haben - wohl zu wenige für die angekündigten 80 Abzuschiebenden. Wie so oft aber kamen viele Flüchtlinge nicht, es gingen laut Asylhelfern nur 17 an Bord. Manche sollen krank sein, Gerichte sollen ihr Veto eingelegt haben. So ersparte sich die Bundespolizei die Peinlichkeit, wegen Personalnot Abzuschiebende am Airport stehen lassen zu müssen.

© SZ vom 24.01.2018/dit

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