Flüchtlings-Demos in Cottbus:"Die Leute sehen die Straße als ihr einziges Forum"

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Wer mit Julia Kaiser in der Stadt unterwegs ist, sieht diese Menschen. Sie grüßen sie, bleiben für einen kurzen Plausch stehen. Selbst durch das Fenster von "Heimat und Herz" winkt ihr von draußen eine Frau zu. "Cottbus ist klein, dafür gibt es ein gutes Netzwerk aus Engagierten. Man kann gut was reißen", sagt sie. Kaiser selbst hat einen Umsonst-Laden in der Stadt eröffnet. Mithilfe von urban gardening soll in Cottbus ein Stadtgarten entstehen, ein Herzensprojekt.

Leider hat Julia Kaiser gerade nicht viel Zeit, wegen ihrer eigentlichen Arbeit. Sie betreut für den Paritätischen Wohlfahrtsverband das Sprechcafé in Cottbus. Drei Mal in der Woche treffen sich Cottbusser Einheimische, Geflüchtete und anderweitig Zugereiste, um zu reden - oder um "Mensch ärgere dich nicht" zu spielen. Allein zum Sprechcafé im Stadtteil Sandow kommen durchschnittlich 40 Menschen. Letztes Mal saß Kaiser, die gebürtige Österreicherin mit einem Kanadier und einem Syrer am Tisch. "Wir hatten alle völlig unterschiedliche Hintergründe. Was uns aber verband, war, dass wir doch irgendwie versuchen, hier anzukommen."

Kaiser findet Begegnung wichtig. Sie hat auch schon eine neue Idee für ein Projekt: Ein Bürgerforum bei dem aktuelle Stadt-Themen besprochen werden. "Die Leute haben das Gefühl, nicht gehört zu werden - und sehen die Straße als ihr einziges Forum", sagt sie. Man müsse den Leuten das Gefühl geben, dass man sich auch um sie kümmere. "Es reicht nicht, nur die Fassaden der Stadt schön zu machen", sagt sie und zeigt auf die hübschen Häuser der Fußgängerzone.

Die Straßen von Cottbus. Sie sind an diesem Samstag auch wieder Schauplatz für die Unzufriedenen in der Stadt. "Zukunft Heimat" hat an diesem Samstag ebenfalls eine Kundgebung angemeldet. Es sind mehr Menschen gekommen als am Morgen. Etwa 2000 drängen sich auf dem Oberkirchenplatz. Frauen und Männer in bunten Jacken sind zu sehen. "Einfache Bürger", wie sie sagen. Aber auch viel "Thor Steinar", eine unter Rechten bevorzugte Modemarke. Wer hier denn zur rechtsextremen und gewaltbereiten Szene gehöre - die Frage einer Rednerin ist eine ironische Anspielung auf die Berichterstattung. Ganz ernsthaft recken sich einige Arme in die Höhe.

Hans-Christoph Berndt, der Vorsitzende des Vereins "Zukunft Heimat", betont in Interviews immer wieder, dass sich die Demonstrationen allein gegen die Asylpolitik Merkels richten, nicht gegen Geflüchtete selbst. Und ja, er finde es unfair, alle Asylsuchende für die Vorfälle in Cottbus verantwortlich zu machen. Ein Widerspruch zu dem, was an diesem Nachmittag zu hören ist. Die Redner beschwören Bilder von "Gruppen angeblicher Schutzsuchender", die bewaffnet durch die Stadt laufen würden. Frauen seien für sie "Beute".

Wem gehört Cottbus? "Den Bürgern", sagt ein Rentner, der am Rand der Kundgebung steht. "Und nicht sowas, was sich jetzt hier rum treibt", sagt er. Mit "sowas" meint er Flüchtlinge. "Wir wollen die nicht. Schreiben Sie das. Wir wollen nicht, dass unsere Frauen und Töchter hier mit Messern bedroht werden." Sätze wie diese sind schockierende Normalität unter den Demonstranten, die sich hier eingefunden haben. Je länger man sich mit den Leuten unterhält, desto tiefer der Einblick in die Gedankenwelt. Erst heißt es, Kriegsflüchtlinge hätten ein Recht hier zu sein. Im Laufe des Gesprächs werden sie zu Feiglingen, die ihre Familie in ihrer Heimat zurück gelassen haben. Dann ist nur noch die Rede von "denen" und "Messern".

Am späten Nachmittag sind die Demonstrationen in Cottbus vorüber. Die Straßen und Plätze leeren sich. Alles blieb friedlich. Und jetzt? Hat Tarek, der junge Syrer, der regelmäßig im Einkaufszentrum abhängt, nie daran gedacht fortzuziehen? "Nein, ich lasse mir doch nicht von ein paar Nazis die Zukunft verbauen!" Julia Kaiser im Café "Heimat und Herz" sitzt hinter der Glasscheibe und nickt Richtung Fußgängerzone, wo Mädchen lachend mit Kaffeebechern vorüber laufen. "Vielleicht wird es noch mal knallen - aber das Leben geht immer weiter."

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