Debatte um Flüchtlinge:Das zerrissene Land

Debatte um Flüchtlinge: Wolken über dem Reichstagsgebäude in Berlin, dem Sitz des Deutschen Bundestages.

Wolken über dem Reichstagsgebäude in Berlin, dem Sitz des Deutschen Bundestages.

(Foto: Paul Zinken/dpa)

Der Graben ist tief in diesem Land, das zeigt der Wirbel um die Flüchtlingsaussagen von Schauspieler Til Schweiger und ARD-Journalistin Anja Reschke. Dahinter steckt eine grundsätzliche Auseinandersetzung über den Charakter der deutschen Gesellschaft.

Kommentar von Sonja Zekri

Deutschland ist ein zerrissenes Land. Es wird nicht nur, aber vor allem zerrissen von der Frage, wie es mit Flüchtlingen umgehen soll. Dahinter steckt eine grundsätzliche Auseinandersetzung, nämlich jene über den Charakter der Gesellschaft. Will sie offen sein für das Fremde, Neue, auch Unerhörte in Geschlechterfragen, bei der Integration von Minderheiten, kulturellen Experimenten? Oder will sie bewahren, genauer, verteidigen, was sie hat - statt mehr Frauenrechte, Schwulenrechte, Moscheen, und was sonst noch?

Konflikte wie dieser verlaufen nie ohne Reibung. Zu vieles steht auf dem Spiel: Identität, Statussicherheit, Ressourcen. Deutschland fürchtet dieses Eskalationspotenzial, die historische Erfahrung mit ideologischen Grabenkämpfen war zu schrecklich. Die Flüchtlingsfrage aber erzwingt die Debatte.

Umgang mit Ankommenden als Bekenntnisobjekt

Der Umgang mit den Ankommenden ist zum Bekenntnisobjekt geworden, dem politische Instrumente und politische Rhetorik kaum noch gerecht werden. Die Aufregung um Til Schweiger zeigt das sehr anschaulich.

Der Schauspieler hatte erst pöbelnde Fans von seiner Facebook-Seite geworfen, dann den Bau eines Flüchtlingsheims angekündigt und schließlich in einer Talkshow den CSU-Generalsekretär beschimpft ("Sie gehen mir auf den Sack") und Politikern vorgeworfen, zu schlapp gegen Ausländerfeinde vorzugehen und in der Flüchtlingsfrage ganz generell herumzulosern.

In Bildungskreisen gilt Schweiger als B-Promi. Viele mögen seine oft schlichten Filme nicht, die großkotzigen Machogesten, das ganze demonstrative Proletentum. Und, ja, seine außenpolitischen Analysen über Fluchtursachen sind oft blühender Unsinn. Aber er hält sich seit Jahrzehnten in einer Branche, die Fehler selten verzeiht. Sein Film "Honig im Kopf" ist einer der deutschen Kandidaten für den Oscar. Kurz, er ist ein kluger, erfolgreicher Unternehmer, der Risiken sehr wohl einzuschätzen weiß.

Um noch deutlicher zu werden: Ja, Til Schweiger hat das Recht, sich zu äußern und zu engagieren, wenn er das für richtig hält, so wie jeder andere Bürger auch. Dass er reich und berühmt ist, setzt andere Reiche und Berühmte möglicherweise, aber nicht zwangsläufig unter Druck. Jedenfalls wäre es nicht der schlechteste Nebeneffekt, wenn andere sich ebenfalls engagieren würden.

Viele unbekannte Menschen handeln ähnlich wie Schweiger, wenn auch weniger exponiert, aber das schmälert weder ihre Tat noch seine. Und was auf ihn zukäme, wenn sein Flüchtlingsheim ein Flop oder nicht fertig werden sollte, weiß er selbst am besten. Das ist das eine.

Befreiende appellative Wucht

Schweiger hat für seine Auftritte Hetze und Drohungen von rechter Seite über sich ergehen lassen müssen. Sehr viele Andere aber haben sich, manchmal etwas scheu, mit ihm solidarisiert. Ganz ähnlich ging es der ARD-Kommentatorin Anja Reschke, nachdem sie in den "Tagesthemen" zu mehr "Haltung" gegen ausländerfeindliche Dreckschleudern aufgerufen hatte.

Auch sie erlebte schlimmste Pöbeleien - neuerdings kommen diese oft mit Name und Adresse des Absenders -, aber noch viel mehr Zustimmung. Endlich sagt's mal einer, das war der Tenor zu Reschke wie Schweiger. Endlich kein parteipolitisches Einerseits-Andererseits, sondern befreiende appellative Wucht.

Nur: Zumal bei Schweiger gibt es hier und dort populistische, politikfeindliche Untertöne. Und das ist nicht das größte Problem. Bemerkenswerter ist, dass diese Auftritte und vor allem die Reaktionen darauf verdeutlichen, wie sehr sich beide Seiten voneinander entfernt haben: wie wenig common ground geblieben ist zwischen jenen, die uneingeschränkte Solidarität mit den Flüchtlingen fordern, und jenen, denen es schon jetzt zu viel ist.

Was, wenn die Stimmung umschlägt?

Das aber ist mehr als eine diskursive Verstimmung, es ist eine dramatische Entfremdung, ein Anschweigen in einer Zeit, die konstruktiven Konflikt verlangt. Denn so wunderbar die Welle der Unterstützung für die geschundenen Neuankömmlinge ist, von der Freiwilligen Feuerwehr bis zu Schulklassen - was, wenn sie umschlägt?

Weil die Turnhallen im Winter noch immer belegt sind? Weil die Ansprüche der Flüchtlinge steigen? Weil eben doch Menschen gekommen sind, die möglicherweise Polygamie normal finden, aber Mädchensport nicht?

Aus der unseligen Multikulti-Debatte der Neunzigerjahre konnte man lernen, was geschieht, wenn sich diejenigen, die die besten Absichten hatten, getäuscht sehen: Ausländer galten auf einmal als Integrationsverweigerer, die Verbitterung war so groß wie die Verklärung zuvor. Über solche sehr deutschen Pendelschwünge müsste man reden. Obwohl die Gräben so tief sind.

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