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Flüchtlinge:Irgendwann kommt das erste Mal der Frust

Wann genau ich das erste Mal Frust statt Befriedigung spürte, weiß ich nicht mehr. Vielleicht nach der Sache mit dem Praktikum. Oder nach einem der unzähligen Amtstelefonate, um einen weiteren Deutschkurs bezahlt zu bekommen. Oder einfach, weil ich irgendwann spürte, dass meine Ziele zu hoch gesteckt waren. Oder zu sehr aus meiner Perspektive gedacht.

Nadja zum Beispiel würde gerne als Erzieherin arbeiten. Allerdings fehlt ihr dazu nicht nur die Ausbildung, sondern auch ein Schulabschluss. Vorbildlicherweise hat die Stadt München ein Programm speziell für Frauen wie sie entwickelt, das beides miteinander verbindet, Ausbildung zur Kinderpflegerin plus Schulabschluss. Bedingung davor: 400 Stunden Praktikum. Nadjas drittes Kind - zum Glück ein Junge - ist sechs Monate alt, als wir das Praktikum in Angriff nehmen wollen. Bis zum Start des neuen Ausbildungsjahres sind es noch zehn Monate. Mit zehn Stunden Praktikum pro Woche könnte Nadja die 400 Stunden schaffen. Die beiden Mädchen sind inzwischen in Kindergarten und Krippe untergekommen. Nadja will ihren Sohn zum Praktikum mitnehmen. Ich sage ihr, dass das nicht gehen wird. Ihr immer noch arbeitsloser Mann willigt ein, auf den Sohn aufzupassen. Nach vielen Telefonaten finde ich eine Elterninitiative, die Nadja ein Praktikum anbietet: zweimal fünf Stunden in der Woche. Der Mann traut sich fünf Stunden Babybetreuung nicht zu. Ich verhandle wieder, die Elterninitiative berät erneut. Das Ergebnis: zwei Stunden an fünf Tagen. Euphorisch rufe ich Nadja an: "Juhu, du kannst anfangen!" Am anderen Ende der Leitung nur Stille. Wenig später ruft sie zurück: "Er sagt, zwei Stunden sind auch zu lang." "Aber Nadja, mein Mann schafft das doch auch!" Am nächsten Tag, als mein größter Ärger verflogen ist, wird klar, welchen Fehler ich begangen habe: Ich muss erst ihm einen Job suchen, dann ihr. Und es ist nicht mein Mann. Sondern ihrer.

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Es sind versteckte kulturelle Missverständnisse, die sich immer wieder zwischen uns schieben. Solche, die man nicht im Gespräch entdeckt. Weil beide Seiten sich ihrer oft gar nicht bewusst sind. Ich habe zum Beispiel nicht verstanden, warum Hazal einen Putzjob, den ich ihr extra organisiert hatte, abgelehnt hat. Ihre Begründung: Sie habe Angst, nicht so viele Büros in zwei Stunden zu schaffen. Inzwischen weiß ich: Hazals und auch Nadjas Selbstbewusstsein lässt sich nicht mit ein paar Mal "Du-schaffst-das-schon"-Aufmunterungen stärken. Auch habe ich zwei Jahre gebraucht um zu begreifen, dass das Problem des deutschen Sozialstaats nicht nur Behördenbriefe sind, die selbst ich nicht verstehe. Sondern dass es für Menschen wie Nadja, die aus Ländern ohne jede Absicherung kommen, einfach gar nicht so einfach ist zu verstehen, wie dieser Sozialstaat gedacht ist.

Etwa ein Jahr, nachdem wir den Bewerbungsbogen für eine Sozialwohnung ausgefüllt haben, ziehen Nadja und ihre Familie das große Los: Die neue Eigentümerin ihrer Zweizimmerwohnung vermittelt eine Vier-Zimmer-Sozialwohnung. Mit Aufzug und Balkon! Die Freude ist riesig, die Treppe weg. Dafür dauert der Weg zu Kindergarten und Krippe jetzt 45 Minuten mit dem Bus. Zwei Stunden sei sie morgens und am Nachmittag unterwegs, mit drei Kindern sei das extrem anstrengend, klagt Nadja. Ich rede auf sie ein, dass sie die Kinder trotzdem auf keinen Fall rausnehmen darf, bevor wir nicht neue Plätze in der Nähe gefunden haben. Da verkündet sie mir ihre Idee: "Ich frage beim Jobcenter, ob wir nicht ein kleines Auto haben können!" Ich warte auf ein Lachen, aber es ist kein Witz. Für Nadja ist es seit sieben Jahren ein abstrakter Staat, der Miete, Essen, Arzt und Kindergarten bezahlt. Warum sollte ihre Familie da nicht auch ein Auto bekommen?

Es ist seltsam, weshalb, wenn ich Bilanz ziehe nach diesen zwei Jahren, die Enttäuschungen unsere schönen Picknickausflüge in den Zoo oder an den Starnberger See überlagern. Vielleicht ist es nur eine Momentaufnahme. Vielleicht hat mich die Ernüchterung einfach mehr überrascht als die Befriedigung. Ich muss erst lernen, dass sie zum Helfen dazu gehört.

Vielleicht hat mich die Ernüchterung einfach mehr überrascht als die Befriedigung

Kurz nach der Autogeschichte meldet sich die Eigentümerin der alten Wohnung mit einer saftigen Rechnung. Die Wohnung sei weder geputzt noch gestrichen gewesen. "Was war los, Nadja?", frage ich. "Ich habe euch doch gesagt, was ihr beim Auszug machen müsst." "Wir haben geputzt, alles war o. k." Fotos der Vermieterin beweisen am nächsten Tag das Gegenteil. Ich schäme mich für meine Familie, die sonst nach jedem Essen zum Staubsauger greift, um alle Brösel sofort zu verbannen. Noch mehr allerdings schäme ich mich dafür, dass mein erster Gedanke tatsächlich ist: "Oh Mann, typisch." Als ich Nadja die Fotos weiterleite, gesteht sie, dass sie mit den Kindern schon in der neuen Wohnung war und ihr Mann versprochen hatte, zu putzen. "Ich habe mit ihm geschimpft!" Die nächsten Tage verbringe ich am Telefon, um wenigstens einen Teil der Kaution zu retten. Und damit, die gefährlichen Vorurteile aus meinem Kopf zu verbannen.

Es gibt sie also durchaus, die Momente, in denen ich mich frage: "Wozu das alles?" Ich arbeite inzwischen wieder Vollzeit, habe ein kleines Kind, Zeit ist in meinem Leben das knappste Gut. Andererseits: Was wäre die Alternative? Meine Familien aufgeben? Die Integration dem Staat, der Politik überlassen? Sicher, ich bin nicht unersetzlich. Auch andere Freiwillige könnten Nadja, Hazal und ihren Familien helfen. Aber das würde ich nicht übers Herz bringen. Und irgendwie haben wir doch auch schon eine ganze Menge erreicht. Immerhin drei der fünf Kinder gehen in Krippe oder Kindergarten und lernen dort rasend schnell Deutsch. Nadja und Hazal haben inzwischen E-Mail-Adressen und können sogar Anhänge verschicken. Letztens war ein Foto von Lana dabei, die an einer Tafel das große "A" übt - mit vier Jahren. Hazal macht im Moment eine Art Vorausbildung zur Einzelhandelskauffrau und hat ganz alleine einen neuen Putzjob gefunden. Vor zwei Wochen haben wir ihre Bewerbung für ein Praktikum bei einer Drogeriekette abgegeben. Der Filialleiter, ein Mann mit Migrationshintergrund, sagte auf der Stelle zu. Beim Rausgehen hatten wir beide Tränen in den Augen.

Wie es mit beiden Familien weitergeht? Ich weiß es nicht. Es kann sein, dass Nadja und ihr Mann nie ohne Geld vom Staat werden leben können. Es kann sein, dass sie dem Wunsch der Großeltern nachgeben und versuchen, noch mehr männlichen Nachwuchs zu zeugen. Es kann sein, dass Nadjas Traum, Erzieherin zu werden, irgendwann in Erfüllung geht. Es kann sein, dass Hazals Praktikum der Einstieg in einen sicheren Job wird. Es kann sein, dass Lana später einmal Ärztin wird - oder Hartz-IV-Empfängerin.

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Sicher weiß ich nur, dass ich beide Familien auf ihrem Weg begleiten werde, wohin auch immer. Ich tue das nicht nur für sie, sondern auch für mich. Weil alle Erfahrungen, egal ob positiv oder negativ, mein Leben bereichern. Weil sie mir erlauben, meine eigenen kleinen Probleme zu relativieren. Weil es zur Integration der Flüchtlinge schlicht keine Alternative gibt. Weil schlimmer als Jammern nur ist: jammern und nichts dagegen zu tun.

Erschienen in der SZ vom 12./13.12.2015