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Flüchtlinge im Zweiten Weltkrieg:Am Morgen gibt Ruth ihrer Nichte einen Kuss - doch das Kind wacht nicht mehr auf

Am 3. März erreichen Ruth, ihre Schwester Hilde, ihre Schwägerin Edith, Marian und der Hauptmann den Küstenort Pasewark (heute: Jantar) an der Danziger Bucht. Ihre Eltern bleiben vorerst zurück in Schöneberg und sollen später nachkommen. Bei der Ankunft übernachten sie in einer kleinen Bahnhofshalle. Als der Morgen anbricht, wacht Ruth auf, es ist kalt. Sie beugt sich über ihre wenige Wochen alte Nichte Renate, um ihr einen Kuss zu geben. Die Kleine wacht nicht mehr auf. Auch wenn Ruth Halfpaps Stimme ruhig ist, als sie diesen Moment 75 Jahre später schildert, wird doch ihre Erschütterung deutlich.

Der Tod des Kindes versetzt Hilde in einen Schockzustand. Die Böden sind noch gefroren und somit eine Beerdigung nicht möglich. Mit Hilfe des Hauptmanns organisiert Ruth eine Kutsche, die sie zur nächsten Leichenhalle in Nickelswalde (heute: Mikoszewo) bringt. Dort habe sie dann das Kind vor die Tür gelegt, erzählt sie. Ihre Schwester sei nicht mehr dazu in der Lage gewesen.

Kurz darauf beauftragt Ruth Marian damit, ihre Eltern Friedrich und Emma aus dem etwa 25 Kilometer entfernten Schöneberg zu holen. Doch als sie in die Kommandantur in Pasewark kommt, erfährt sie sogleich die nächste Schreckensnachricht: Die Sowjetarmee hat Schöneberg schon eingenommen. "Unsere Eltern waren also gefangen. Der Tod steht vor einem und das Leben daneben."

Seit März und bis Anfang April erleben sie den Angriff auf Danzig. Jeden Tag rückt die Sowjetarmee weiter vor und nimmt die Stadt am 30. März ein. Am 11. April soll ein weiteres Schiff einen Teil der Flüchtlinge Richtung Westen bringen, hört Ruth. Die Entscheidung fällt schnell, sie überzeugt ihre Familie, ihr zu folgen. In der Nacht vom 10. auf den 11. April erleben sie eine der schlimmsten Bombardierungen. Doch sie überleben.

In den frühen Morgenstunden steigen sie schließlich in kleine Boote, die sie zur Halbinsel Hela (Hel) bringen, ein schmaler Strich, der die Ostsee von der Danziger Bucht trennt. Als sie zum Schutz vor Luftangriffen in den Wald rennen, sehen sie die Deutschland, ein Passagierschiff, umfunktioniert in ein schwimmendes Lazarett, welches zu dem Zeitpunkt bereits Tausende Flüchtlinge gen Westen gebracht hatte. Doch Hildegard und Edith weigern sich an Bord zu gehen, zu groß ist ihre Erschöpfung. "Ich musste beide kommandieren, wieder in die kleinen Boote zu steigen. Wenn wir jetzt untergehen, dann sind wir gleich tot. Dann müssen wir uns auch keine Sorgen machen, dass wir gequält werden", sagt Ruth Halfpap.

Nach Kriegsende hört sie von dem Schicksal ihrer Arbeitskollegin aus der Apotheke, die in Marienburg geblieben war und von sowjetischen Soldaten vergewaltigt wurde: "Ihr ganzes Leben hat sich nicht geheiratet. Sie können sich denken, warum."

Etwa 8000 bis 9000 Personen harren auf den Decks des Schiffs aus. Die Hälfte sind verwundete Soldaten, die anderen Flüchtlinge. Auf dem E-Deck, direkt über dem Maschinenraum, findet Ruth mit ihrer Familie einen Platz. Die Überfahrt beginnt, Kurs auf das deutschbesetzte Kopenhagen, heißt es, einmal die Ostsee queren. Dort warten die Unterseeboote der Sowjets, die bereits die Gustloff und andere Schiffe versenkt hatten. "Unsere Angst zerfraß die Hoffnung, mehrmals mussten wir ganz still sein und den U-Boot-Alarm abwarten. Es ist ein Wunder, dass wir nicht getroffen wurden." Mehrere Tage sind sie auf See, die Zeit scheint still zu stehen. Eines Morgens wacht Ruth auf. Die Motorengeräusche sind verstummt. Beängstigt schaute sie hinaus und erblickt die Kreidefelsen von Rügen. Es ist jedoch nur ein Zwischenziel der Reise. Die Toten werden abgeladen. "Man hat sie von oben auf die kleinen Boote geworfen, die ankamen. Als wir uns dann wieder in Bewegung setzten, war etwas mehr Platz und wir bekamen eine größere Kabine", erinnert sie sich. Kurz vor Kopenhagen kommt schließlich die Nachricht, dass dort keine Flüchtlinge mehr aufgenommen werden.

So dreht das Schiff ab und landet am 17. April in Warnemünde. Noch ist es nicht das Ende der Flucht. Mit einem Zug soll es zu einer weiteren Unterkunft gehen. Auf dem Weg nach Schleswig-Holstein hören sie es auf einmal über ihnen knattern. Maschinengewehrfeuer. "Es war Fliegeralarm, wir mussten alle raus aus dem Zug auf den Boden und warten, dass sie wieder weg waren." Dabei werden Ruth und Hildegard von ihrer Schwägerin Edith getrennt. Sie kommen in unterschiedlichen Dörfern an, vollkommen erschöpft. Doch an die Mahlzeit, die ihnen bei der Ankunft gereicht wurde, erinnert sich Ruth bis heute noch: "Milchgraupensuppe und Fliederbeersaft. Ich werde den Geschmack nie vergessen."

Mithilfe einer Einheit weiterziehender Wehrmachtsoldaten gelangen sie nach Hamdorf, im Kreis Rendsburg-Eckernförde, Schleswig-Holstein. Ihre Schwester folgt ihr nun und sagt: "Wenn du gehst, dann gehe ich auch." Es ist der 20. April. In Berlin feiert Hitler an diesem Tag seinen letzten Geburtstag im Führerbunker, für Ruth Halfpap beginnt ein neues Kapitel. Als die Gefechte aufhören und am 8. Mai das offizielle Kriegsende verkündet wird, spürt sie die Erleichterung über sich kommen: "Die furchtbare Angst vor dem Tod wurde abgelöst von Hoffnung." Die ganze Odyssee über trug sie ein Päckchen Gift und ein Messer mit sich in ihrem Stiefel. Nun nahm sie es heraus und wusste, dass sie es nicht mehr brauchen würde. Als sie von Hitlers Tod erfährt, sagt sie: "Gott sei Dank." Doch noch für zehn Jahre plagen sie Albträume, psychologische Hilfe gibt es keine. Das Heimweh, welches sie überkommt, spürt sie auch heute noch: "Ich könnte heulen, bis es nicht mehr geht. Wir haben ja auch die Menschen verloren."

Vor dem Verhungern gerettet

Die britische Besatzungszone wird etabliert, Ruth und ihre Schwester bleiben vorerst in Hamdorf , wo sie in einer Torfstecherei Arbeit findet. Doch trotz der Erleichterung, die Flucht überlebt zu haben, ist die Sorge um die Eltern und den Rest der Familie groß. Monate vergehen. Bis September. Da erreicht sie schließlich die Nachricht: ihre Eltern sind im Schwarzwald, zusammen mit ihrer Schwester Lotte. Bis heute scheint Ruth Halfpap es kaum glauben zu wollen.

Als sie damals Marian zurück nach Schöneberg schickte, um ihre Eltern zu holen, war Ruths Vater Friedrich bereits in einem russischen Gefangenenlager in Marienwerder (heute: Kwidzyn). Aufgrund seines Alters wurde er jedoch entlassen und versteckte sich aus Angst unter einer Nogatbrücke, wo Marian, nun Milizsoldat, ihn fand und vor dem Verhungern bewahrte. Jeden Tag brachte er ihm Essen.

Als Friedrich gestärkt war, begab er sich auf die Suche nach seiner Frau Emma und fuhr zurück nach Marienburg. Dort fand er sie, genauso wie seine Tochter Lotte und deren Sohn, die damals nicht mehr flüchten konnten. Zu Fuß machten sie sich im August auf den Weg nach Berlin. Und schafften es von dort in den Westen. Die Familie vereint sich nach einem Halt im Schwarzwald schließlich in Bad Rothenfelde, Niedersachsen.

Bevor sie damals aus Marienburg aufbrachen, fuhren sie noch einmal zum "Kreuzkrug", ihrer alten Wirtschaft. Ein Pole hatte den Hof und die Wirtschaft übernommen. Ruths Vater nahm Abschied, wandte sich an den neuen Wirt und sagte: "Wirtschafte gut, wir kommen nicht zurück."

© SZ.de/odg
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