Flüchtlinge Was geschieht, wenn die "Refugees Welcome"-Euphorie nachgelassen hat?

Wie in den meisten westlichen Demokratien werden Neuankömmlinge in Deutschland je nach Migrationsweg und -form sowie nach ihrem jeweiligen Rechtsstatus eingeteilt und behandelt. So gibt es beispielsweise EU-Binnenmigranten, befristete oder Saisonarbeitskräfte, Hochqualifizierte und durch Firmen Entsandte, Asylbewerber, anerkannte Flüchtlinge, Menschen mit befristetem Aufenthaltstitel oder einer Duldung, Familienangehörige, Studierende, abgelehnte Asylbewerber, Menschen mit abgelaufenem Visum und ganz ohne Papiere.

Jeder Status bedeutet auf vielen Gebieten unterschiedliche Möglichkeiten und Einschränkungen - von der Eingliederung in den Arbeitsmarkt über den Zugang zu Bildung und öffentlichen Dienstleistungen bis hin zu den Aussichten auf dauerhafte Niederlassung und der Möglichkeit der Einbürgerung. Der jeweilige Status eines Zuwanderers hat Auswirkungen auf Einkommen, Gesundheit und Wohnverhältnisse, auf die Möglichkeiten, soziale Netzwerke zu bilden, auf die Integration im Wohnumfeld und die Familiendynamik. Er weist Menschen Lebenslagen zu, aus denen sie häufig nur sehr schwer wieder herauskommen. So trägt der zugewiesene Status wesentlich dazu bei, dass soziale Ungerechtigkeit entsteht.

So denken die Europäer über Flüchtlinge

Die Bereitschaft der Menschen zur Aufnahme von Flüchtlingen hängt von der wirtschaftlichen Situation ab. Das zeigt eine französische Studie. Deutschland nimmt eine Sonderrolle ein. Von Christian Wernicke mehr ... Analyse

Was könnte also in naher Zukunft geschehen, wenn der Zustrom anhält und die "Refugees Welcome"-Euphorie nachgelassen hat? Folgt man sozialwissenschaftlichen Analysen, so wird die positive Aufnahme wie bei den vorangegangenen Einwanderungswellen der Normalfall sein. Es wird Frustrationen, aber auch Anpassungsprozesse geben. Und obwohl eine allgemein positive Atmosphäre durchaus von Bestand sein könnte, wird es zweifellos auch jede Menge Probleme geben. Viel wird davon abhängen, wie die Neuankömmlinge in den Arbeitsmarkt integriert werden können. Die Kommunen werden stark gefordert, Institutionen wie Schulen, Gesundheits- und Sozialeinrichtungen sowie der Wohnungsmarkt geraten unter erheblichen Druck.

Ein Schwarzer-Peter-Spiel der Schuldzuweisung an Zuwanderer

Dies wird auf allen Ebenen Einfluss auf die politische Diskussion haben. Und während die einen die gelungenen Beispiele für Integration hervorheben, werden andere jede Chance nutzen, um ein "Das-haben-wir-doch-gleich-gesagt" anzumahnen. Ein Schwarzer-Peter-Spiel der Schuldzuweisung an Zuwanderer wird in Gang gesetzt, weiter auf die Spitze getrieben und instrumentalisiert werden.

Die positiven oder negativen Bilder, die Beziehungen und Diskurse werden sich dabei nicht nur zwischen den schon lange weltoffenen Großstädten und den Kleinstädten und Dörfern unterscheiden, sondern vor allem zwischen Ost und West. Stereotypisierung wird dazu führen, dass bestimmte Herkunftsgruppen positiv bewertet und andere stigmatisiert werden. Dennoch haben die Probleme, die Stigmata und die soziale Schichtung, die mit Zuwanderung einhergehen, weit weniger mit Ethnizität, Nationalität und den mutmaßlich damit verbundenen Kulturen zu tun als mit dem jeweiligen Rechtsstatus, der so sehr darüber entscheidet, wo und wie Menschen leben. Politik, Medien und Wissenschaft werden daher dauerhaft gefordert sein, sich mit den dabei entstehenden Schwierigkeiten auseinanderzusetzen und Lösungen zu entwickeln.

Wann immer von den Veränderungen nach der Wiedervereinigung vor 25 Jahren die Rede ist, ist es in Deutschland üblich, die Formulierung "seit der Wende" zu gebrauchen. Die sozialen Entwicklung, vor denen Deutschland jetzt steht, sind von einer ähnlichen Größenordnung. Die Formulierung "seit der Flüchtlingskrise" wird deshalb zu einer ebenso geläufigen Redewendung werden.