Flüchtlingskinder in der Kita Kollision mit der deutschen Wohlstandsgesellschaft

Im Kindergarten Heilig Geist sind immer um die 20 Plätze frei - undenkbar in Großstädten wie München oder Hamburg. "Viele deutsche Eltern schicken ihre Kinder halt nicht so gerne hierher", sagt Romberg. Offene Feindseligkeiten erlebe sie nie, Berührungsängste schon eher. Man feiert zwar Kindergartenfeste zusammen, die muslimischen Eltern ließen ihre Kinder am Sankt-Martins-Zug teilnehmen und in der katholischen Kirche singen - aber am Ende blieben die deutschen und die ausländischen Eltern doch für sich. Die Kinder haben kaum Probleme miteinander, Spielen geht in jeder Sprache gleich. Mit Hingabe kurbeln Ali und Cristi aus Rumänien inzwischen an einem Baukran.

Schon in den banalen Dingen kollidiert manchmal die Lebensrealität von Menschen, die ihre Haut gerade erst aus Not und Elend gerettet haben, mit der deutschen Wohlstandsgesellschaft. Beim Frühstück zum Beispiel. Max und Tim haben Körnerbrot und Apfelschnitze dabei. Yonatan aus Äthiopien, erst seit zwei Tagen im Kindergarten, sitzt vor einer Box mit gewürfeltem blanken Toastbrot. Mitgebracht hat er sein Essen in einer braunen Plastiktüte, sie hängt draußen an der Garderobe, zwischen Spiderman-Rucksäckchen und Prinzessin-Lillifee-Turnbeuteln.

Das Wort Abschiebung benutzt hier niemand

Gegenüber, auf Augenhöhe der Erwachsenen, haben die Erzieherinnen Pappkartontafeln mit Fotos angebracht, die den Alltag im Kindergarten dokumentieren. Bilder vom gemeinsamen Kuchenbacken, vom Ausflug in den Wald. Eltern, die kein Deutsch sprechen, sollen das Konzept Kindergarten auch ohne Worte verstehen. Katja Romberg und ihre drei Kolleginnen haben auch Bilder gemalt von Hausschuhen, Gummistiefeln und Regenjacken. Im Elterngespräch benutzen sie das Übersetzungsprogramm von Google.

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Eine neue Idee hat Katja Romberg auch schon: Dolmetscher könnten kurze Videos aufnehmen, die sie bei der Eingewöhnung vorführen kann. "Wir müssen uns halt überlegen, wie wir die Eltern einbinden können", sagt sie. "Aber wir schaffen das."

Wir schaffen das, diese Worte der Bundeskanzlerin und die von ihr eingeforderte Flexibilität, sie gelten in Würzburg bereits. Unterstützung erhält der Kindergarten von seinem Träger, der Caritas, und vielen ehrenamtlichen Helfern. Vom Staat erwartet Romberg wenig. "Ich habe den Eindruck, dass er sich auf seinen Ehrenamtlichen ausruht". Für das Sprachförderungsprogramm "Sprach-Kitas" des Familienministeriums konnte sich der Kindergarten trotz seines hohen Migrantenanteils nicht bewerben, weil er zu klein ist. Was zählte, war nicht der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund, sondern die Gesamtzahl.

Kurz vor zwölf Uhr. In der Nische unter dem Spielhaus wird der Mittagskreis gehalten. Manchmal berichten die Erzieherinnen hier von der Abreise eines Spielkameraden - so nennen sie Abschiebungen. Was das bedeutet, thematisieren die Frauen nicht, genauso wenig wie Fluchterfahrungen.

Heute macht Kinderpflegerin Martina ein Ratespiel, die Kinder sollen die Neuen kennenlernen: "Er hat einen blauen Pullover an, er spricht unsere Sprache noch nicht und er verliert immer seine Hausschuhe", fragt die junge Frau in die Runde. "Wer ist das?" Sandras Finger schießt nach oben: "Der Azar!" Die Vierjährige darf den afghanischen Buben zum Mittagessen mitnehmen. Entschlossen marschiert Sandra auf Azar zu und nimmt seine Hand. "Unser Kindergarten macht die Kinder stark, und zwar alle Kinder", sagt Katja Romberg. "Sie verlieren hier die Angst vor dem Fremden. Hautfarbe, Herkunft - das wird hier unwichtig. Ich sage den Eltern immer: Schaut euch das an, wie eure Kinder das machen. Denn das wird unsere Realität."

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