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Flüchtlingskinder in der Kita:Narben auf der Seele

Hessische Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge

Ein Mädchen in einer hessischen Erstaufnahmeeinrichtung: Flüchtlingskinder sind oft traumatisiert.

(Foto: Arne Dedert/dpa)

Sie beißen ihre Pausenbrote zu Pistolen und haben Angst vor Hubschraubern: Wie traumatisiert viele Kinder aus Syrien und dem Irak sind, zeigt sich in der Kita.

"Ratatatata!", macht Ali, "Ratatatata!" Der Junge sitzt in der Leseecke, an ein Kissen mit bunten Eulen gelehnt. Auf seinen Knien ein Bilderbuch: "Wieso, weshalb, warum: Alles über die Polizei". Zwischen Bildern von Polizeiautos und Polizeimützen hat er die Abbildung einer Pistole entdeckt, er deutet mit dem Finger darauf und ruft: "Ratatatata!"

Ali ist vier Jahre alt und lebt mit seinen Eltern in Würzburg, in der Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber in der ehemaligen amerikanischen Kaserne. Woher Ali weiß, was eine Pistole ist und warum sie in seiner Vorstellung ein Geräusch macht wie ein Maschinengewehr, das erzählt er nicht. Ali ist Jeside, ein Flüchtlingskind. Um seine Identität zu schützen, ist sein Name, so wie der aller anderen Kinder in dieser Geschichte, geändert worden. Vor einigen Monaten stand Ali eines Morgens an der Hand seiner Eltern an der Pforte des katholischen Heilig-Geist-Kindergartens in Würzburg. In Deutschland gehen Kinder in Kindergärten, das hat man den Eltern in der Flüchtlingsberatung erklärt. Und dass Kindergärten gut sind für die Kinder.

Hier dürfen sie wieder Kinder sein

Deshalb ist Ali jetzt hier. "Herzlich Willkommen" haben die Erzieherinnen im Foyer an die Wand gemalt - auf Deutsch, Französisch, Englisch, Russisch, Arabisch. Von derzeit 28 Kindern haben 18 einen Migrationshintergrund, 13 sind Asylbewerber. Der Kindergarten liegt direkt neben der Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber. Wer im Garten auf den Rutschhügel klettert und über die Mauer mit den selbst gemalten Giraffen späht, kann die Unterkunft sehen. Große Häuserblöcke, drumherum ein Zaun. Mehr als 450 Menschen leben hier, am Rande der Stadt, zwischen Bahngleisen, einem Logistik-Lager, einem Möbelmarkt. Ein paar Meter die Straße runter steht eine Wurstbude. "Wir sind die Insel im Nirgendwo", sagt Katja Romberg, die Leiterin des Kindergartens.

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Während nebenan, im Nirgendwo der Gemeinschaftsunterkunft, die Eltern ein Dasein als Wartende fristen, sollen die Kinder im Kindergarten das sein können, was sie allzu lange nicht waren: Kinder. Auf dem Fenstersims sitzt Maggy, eine Handpuppe mit brauner Haut, braunen Augen und schwarzem Haar, erste Ansprechpartnerin für verängstigte Mädchen und Jungen. Die hellgelben Wände im Kindergarten sind mit bunten Vögeln beklebt. Und mit kleinen Menschen, die sich an den Händen halten und so den Globus umspannen.

Viele Kinder kommen von weit her, die Narben auf der Seele sind kaum zu übersehen. Wenn ein Rettungshubschrauber auf dem Weg zur nahen Uniklinik über den Garten fliegt, bekommen die Kinder aus Syrien und dem Irak Angst. Heißklebepistolen benutzen die Erzieherinnen nur noch außer Sichtweite der Kleinen im Büro, weil Kinder bei ihrem Anblick anfingen zu weinen. Andere Kinder nehmen sich Lineale und schießen damit herum, oder sie beißen ihre Pausenbrote zu Pistolen.

Das machen deutsche Kinder manchmal auch, dennoch bemerken die Erzieherinnen Unterschiede. "Wuseliger" seien die Flüchtlingskinder, erzählen die Erzieherinnen. Sie hätten einen enormen Bewegungsdrang, könnten sich schwerer konzentrieren. Früher gab es das Konzept geschlossener Gruppen. Nun ist es ein offenes Haus, die Kinder können hin- und herrennen wie sie wollen, vom Tobezimmer in die Puppenecke und zurück.

Das Bundesfamilienministerium rechnet durch die Flüchtlingskinder mit einem Bedarf von rund 68 000 zusätzlichen Kita-Plätzen. Von Weiterbildungen für Erzieherinnen in Sachen interkulturelle Kompetenz und Trauma-Bewältigung redet da noch niemand. "Ich muss nur die Nachrichten schauen, dann weiß ich schon, was im Kindergarten auf uns zukommt", sagt Katja Romberg. Bis vor einem Jahr seien sehr viele Balkanflüchtlinge in den Kindergarten gegangen. Kinder aus Serbien, Mazedonien, Bosnien. "Die sind alle wieder weg, abgeschoben." Nun richtet sich die 37-jährige Sozialpädagogin auf mehr syrische Kinder ein. Sie kann nicht planen, wer kommt. Die Eltern stehen meist ohne Vorankündigung vor der Tür.

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Kollision mit der deutschen Wohlstandsgesellschaft

Im Kindergarten Heilig Geist sind immer um die 20 Plätze frei - undenkbar in Großstädten wie München oder Hamburg. "Viele deutsche Eltern schicken ihre Kinder halt nicht so gerne hierher", sagt Romberg. Offene Feindseligkeiten erlebe sie nie, Berührungsängste schon eher. Man feiert zwar Kindergartenfeste zusammen, die muslimischen Eltern ließen ihre Kinder am Sankt-Martins-Zug teilnehmen und in der katholischen Kirche singen - aber am Ende blieben die deutschen und die ausländischen Eltern doch für sich. Die Kinder haben kaum Probleme miteinander, Spielen geht in jeder Sprache gleich. Mit Hingabe kurbeln Ali und Cristi aus Rumänien inzwischen an einem Baukran.

Schon in den banalen Dingen kollidiert manchmal die Lebensrealität von Menschen, die ihre Haut gerade erst aus Not und Elend gerettet haben, mit der deutschen Wohlstandsgesellschaft. Beim Frühstück zum Beispiel. Max und Tim haben Körnerbrot und Apfelschnitze dabei. Yonatan aus Äthiopien, erst seit zwei Tagen im Kindergarten, sitzt vor einer Box mit gewürfeltem blanken Toastbrot. Mitgebracht hat er sein Essen in einer braunen Plastiktüte, sie hängt draußen an der Garderobe, zwischen Spiderman-Rucksäckchen und Prinzessin-Lillifee-Turnbeuteln.

Das Wort Abschiebung benutzt hier niemand

Gegenüber, auf Augenhöhe der Erwachsenen, haben die Erzieherinnen Pappkartontafeln mit Fotos angebracht, die den Alltag im Kindergarten dokumentieren. Bilder vom gemeinsamen Kuchenbacken, vom Ausflug in den Wald. Eltern, die kein Deutsch sprechen, sollen das Konzept Kindergarten auch ohne Worte verstehen. Katja Romberg und ihre drei Kolleginnen haben auch Bilder gemalt von Hausschuhen, Gummistiefeln und Regenjacken. Im Elterngespräch benutzen sie das Übersetzungsprogramm von Google.

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Eine neue Idee hat Katja Romberg auch schon: Dolmetscher könnten kurze Videos aufnehmen, die sie bei der Eingewöhnung vorführen kann. "Wir müssen uns halt überlegen, wie wir die Eltern einbinden können", sagt sie. "Aber wir schaffen das."

Wir schaffen das, diese Worte der Bundeskanzlerin und die von ihr eingeforderte Flexibilität, sie gelten in Würzburg bereits. Unterstützung erhält der Kindergarten von seinem Träger, der Caritas, und vielen ehrenamtlichen Helfern. Vom Staat erwartet Romberg wenig. "Ich habe den Eindruck, dass er sich auf seinen Ehrenamtlichen ausruht". Für das Sprachförderungsprogramm "Sprach-Kitas" des Familienministeriums konnte sich der Kindergarten trotz seines hohen Migrantenanteils nicht bewerben, weil er zu klein ist. Was zählte, war nicht der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund, sondern die Gesamtzahl.

Kurz vor zwölf Uhr. In der Nische unter dem Spielhaus wird der Mittagskreis gehalten. Manchmal berichten die Erzieherinnen hier von der Abreise eines Spielkameraden - so nennen sie Abschiebungen. Was das bedeutet, thematisieren die Frauen nicht, genauso wenig wie Fluchterfahrungen.

Heute macht Kinderpflegerin Martina ein Ratespiel, die Kinder sollen die Neuen kennenlernen: "Er hat einen blauen Pullover an, er spricht unsere Sprache noch nicht und er verliert immer seine Hausschuhe", fragt die junge Frau in die Runde. "Wer ist das?" Sandras Finger schießt nach oben: "Der Azar!" Die Vierjährige darf den afghanischen Buben zum Mittagessen mitnehmen. Entschlossen marschiert Sandra auf Azar zu und nimmt seine Hand. "Unser Kindergarten macht die Kinder stark, und zwar alle Kinder", sagt Katja Romberg. "Sie verlieren hier die Angst vor dem Fremden. Hautfarbe, Herkunft - das wird hier unwichtig. Ich sage den Eltern immer: Schaut euch das an, wie eure Kinder das machen. Denn das wird unsere Realität."

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