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Mein Leben in Deutschland:Unter uns Deutsche, neben uns Einwanderer

Balkonien

Berliner Mietshaus: Einfach so durch die Bude rennen ist nicht möglich.

(Foto: Soeren Stache/dpa)

Für Geflüchtete ist es schwierig genug, hier eine Wohnung zu finden. Und dann all die Regeln, die es zu beachten gilt. Manche schaffen das einfach nicht.

Eine Wohnung zu finden ist wohl die erste riesengroße Herausforderung, der sich Einwanderer und Geflüchtete in Deutschland stellen müssen. Doch es ist nicht die letzte. Denn falls man irgendwann doch endlich eine Bleibe findet, hat man neue Sorgen: sich so schnell wie möglich an die neuen Hausregeln und die Besonderheiten der neuen Nachbarn zu gewöhnen.

Nachdem ich mit meiner Familie vier Jahre lang in einem abgelegenen Häuschen am Rande Berlins leben durfte, mussten wir umziehen und leben nun in einer Weddinger Mietswohnung. Es fühlt sich an, als begänne unser echtes Leben im richtigen Deutschland erst jetzt. Natürlich ist mir längst bewusst, dass Deutschland ein Land mit Recht und Ordnung, Gesetzen und einzuhaltenden Regeln ist, doch ich hätte niemals erwartet, dass mir all diese auf einmal ins Gesicht springen würden - und zwar genau ab dem Moment des Einzugs in eine Mietwohnung.

Yahya Alaous

arbeitete in Syrien als politischer Korrespondent einer großen Tageszeitung. Wegen seiner kritischen Berichterstattung saß der heute 43-Jährige von 2002 bis 2004 im Gefängnis, sein Ausweis wurde eingezogen, ihm wurde Berufsverbot erteilt. Nach der Entlassung wechselte er zu einer Untergrund-Webseite, die nach acht Jahren vom Regime geschlossen wurde. Während des Arabischen Frühlings schrieb er unter Pseudonym für eine Oppositions-Zeitung. Als es in Syrien zu gefährlich wurde, flüchtete er mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern nach Deutschland. Seit Sommer 2015 lebt die Familie in Berlin. In der SZ schreibt Yahya Alaous regelmäßig über "Mein Leben in Deutschland".

Mit unseren drei lebhaften Kindern mussten wir unseren Lebensstil von einem auf den anderen Tag umstellen. Doch das Urbane ist endlich greifbar: Wir wohnen in der Nähe von U- und S-Bahnen, das Leben auf der Straße pulsiert, ist multikulturell, jung - wir sind jetzt in Berlin. Die Randlage im Südosten, das war im Vergleich dörfliches Leben, bei dem man sich schon am Tag zuvor den richtigen, seltenen Bus raussuchen musste, wenn man frühmorgens oder abends Termine in der City hatte.

In der Mietwohnung mussten wir uns zunächst daran gewöhnen, dass wir Fernsehen, besonders Musikvideos (bei einer Tochter im Teenageralter und einer zweiten, tanz- und hüpfbegeisterten) nicht mehr so laut wie gewohnt hören können. Die Nachbarn sitzen direkt hinter nur einer Wand, und ich habe Angst, dass sie gleich beim ersten Verstoß gegen die Lautstärkeregelungen die Polizei rufen werden.

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Einfach so durch die Bude rennen und herumspringen ist nun für unsere Töchter leider auch nicht mehr möglich. Dadurch, dass sie fast nur noch auf den Zehenspitzen herumtapsen, werden sie nicht nur ständig an eine Art gymnastisches Training herangeführt, sondern auch daran, wie man anständig über einer deutschen Familie wohnt!

Wir wissen, dass eine neue Phase unseres Lebens begonnen hat. Es ist eine neue Art und Weise der Integration, eine, die nur über Stille und Ruhe funktionieren kann.

Leider versagen viele geflüchtete Familien beim Erlernen dieser Integrationskompetenz und bescheren sich dadurch unschöne Erlebnisse, immer in Angst, die Wohnung zu verlieren.

Einer meiner Bekannten, Radwan, berichtete mir, dass seine Nachbarn sich immer über seine nächtlichen Telefonate beschweren würden. Sie haben ihm sogar mit der Polizei gedroht, sollte er sie nicht einstellen oder leiser führen. Während er mir davon berichtete, hatte ich Angst um mein Trommelfell. Er hat eine laute Stimme, und sollten seine Nachbarn tatsächlich die Polizei rufen, würde ich es verstehen.

Sehr laut zu sprechen ist für viele Menschen (besonders für Männer) des Nahen Ostens ganz normal, das lässt sich auch in Deutschland an vielen Orten problemlos beobachten. Sollte das Telefon eines oder einer Deutschen in der U-Bahn klingeln, so wird die angerufene Person entweder nicht ans Telefon gehen und falls doch, verschämt und leise kurzangebunden flüstern: "Ich kann gerade nicht, ich melde mich!"

Wenn man Arabisch versteht, kann man in U-Bahnen und auf Balkonen so allerlei zu Ohren bekommen: soziale Probleme, Witze, Ärgernisse, Bedrohungen, Wetterberichte aus dem Nahen Osten, Essensrezepte, Fußballresultate. Auch wie man extra Kilos oder übermäßigen Schweißgeruch loswird, durfte ich bereits ungefragt bei Fremden mithören.

Einer meiner deutschen Freunde lebt in einem Haus mit einer "kosmopolitisch" oder "multikulturell" geprägten Hausgemeinschaft. Bei jedem Besuch bin ich über die große Menge an verschiedenen Schuhen vor seinem Haus erstaunt, sämtliche Marken, Größen und Modelle liegen davor. Er berichtete mir, dass er seinen Nachbarn schon mehrmals die Gepflogenheit erklärt habe, Schuhe in der Wohnung aufzubewahren. Das funktioniere kurzfristig, doch schon nach wenigen Tagen breche wieder das gewohnte Schuh-Chaos vor der Eingangstür aus. Auch ich wollte bereits bei den Nachbarn klingeln, entschied mich dann aber doch dagegen - es wäre Zeitverschwendung.

Nun erlaube ich mir immer einen kleinen Streich, wenn ich dort bin. Ich schmeiße einen Schuh irgendwohin und hoffe, dass ein Dieb kommen und ihn stibitzen wird. Wie sollen die Nachbarn sonst die landestypische Aufbewahrungsweise für Schuhe lernen - im Flur der eigenen Mietswohnung, am besten ordentlich in einem platzsparenden Schuhschrank?

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