Flüchtlingstragödie im Mittelmeer In der Flüchtlingsfrage muss größer und couragierter gedacht werden

Ein italienisches Schiff bringt am Sonntag mehr als 600 gerettete Flüchtlinge in den Hafen von Reggio Calabria.

(Foto: AFP)

Wieder beginnt das Sterben im Mittelmeer. Es stünde Europa gut an, wenn es sich von einer großen Geste leiten ließe, statt kleinkrämerisch Mauern zu bauen.

Kommentar von Oliver Meiler, Rom

Da ist sie wieder, die Tragödie im Mittelmeer. Im Frühjahr, wenn die See sich glättet und dunkelblau glitzert unter der Sonne, kehrt sie jeweils zurück. Jedes Jahr. Dann beginnt das Massensterben im schönen Mittelmeer.

Allein in der vergangenen Woche sollen womöglich 700 afrikanische Flüchtlinge umgekommen sein bei ihrem Versuch, von Libyen über die Straße von Sizilien nach Italien zu gelangen. Jene, die die Reise überlebten oder aus Seenot gerettet wurden, erzählen, dass sie von ihren Schleppern gezwungen worden seien, auf viel zu kleine Boote zu steigen. Obschon sie sich gewehrt hätten. Geprügelt habe man sie, zusammengepfercht.

Meist reicht der Sprit dann nur für einige Seemeilen. Und da das zerrüttete Libyen es nicht schafft, seine Küsten zu sichern, muss man befürchten, dass es wieder ein trauriger Sommer wird im Mittelmeer.

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Seit der Schließung der Balkanroute wagen wieder mehr Menschen die lebensgefährliche Flucht über das Mittelmeer - für Hunderte endete die Überfahrt in dieser Woche tödlich.

Tragisch ist auch, dass Europa nach all den Jahren keine gemeinsame Vision entwickelt hat dafür, wie es dem wiederkehrenden Schrecken begegnen soll. Im Stillen hofft man wohl noch immer, die Bilder kenternder Schiffe und treibender Leichen würden die Menschen davon abhalten, auch aufzubrechen. Es ist ein zynisches Kalkül und recht fruchtlos, wie man sieht.

Es mag ja sein, dass es, wie es immer heißt, keine einfachen Rezepte gibt. Doch das Beharren auf dieser Prämisse ist verdächtig. Ein Teil der Ideenarmut ist dem politischen Unwillen geschuldet: In diesen Zeiten der harten Herzen und rabiaten Populisten fällt es vielen Politikern schwer, sich selbst auf unverhandelbare Werte und Prinzipien zu besinnen. Manche lassen gar Mauern bauen gegen Flüchtlinge.

Flüchtlingspolitik muss den Notfallmodus verlassen

Es wäre Zeit, größer und couragierter zu denken. Nicht nur im Notfallmodus, sondern perspektivisch, langfristig.

Die Italiener zum Beispiel schlagen vor, Europa sollte in ganz großem Stil Afrika dabei helfen, sich selbst zu entwickeln - damit die Menschen in Afrika bald gute Gründe hätten, daheim zu bleiben: Jobs, Zukunft, ein würdevolles Leben. "Migration Compact" heißt der Plan.

Natürlich hört sich die Idee zunächst wie eine Utopie an, wie eine epochale Aufgabe ohne Gewähr. Aber ist die Ungleichheit zwischen den Welten nicht der Kern des Problems? Und stünde es Europa nicht gut an, wenn es sich von einer großen Geste leiten ließe statt von kleinkrämerischem Mauerbauen?

Die Flüchtlinge, die schon unterwegs sind oder sich bald aufmachen möchten, sollten nicht den Schleppern überlassen werden, den Risiken, dem Tod. Selbst jene, die der Misere entfliehen, sollten die Chance erhalten, sich für eine Aufnahme in Europa bewerben zu können. Wenigstens das. Am besten schon in den europäischen Konsulaten in ihren Ländern. Oder dann eben in Flüchtlingsstädten in Transitländern, die mit Geld aus Europa erbaut würden, mit allem, was dazugehört, wo Flüchtlinge dann würdevoll leben könnten.

Eine Utopie? Schaut man sich die traurigen Bilder an, die uns vom zentralen Mittelmeer erreichen, jedes Jahr und jetzt wieder, ist nur mutiges Denken groß genug.

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