Süddeutsche Zeitung

Südliches Mittelmeer:Chancenlos in Tunesien

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Mehr als 1000 Menschen versuchen derzeit täglich über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. Viele haben schon eine lange Flucht durch die Sahara hinter sich. Auch in Nordafrika sind sie nicht willkommen, erleben Rassismus und erhalten keine Papiere.

Von Mirco Keilberth, Zarzis

Auf Lampedusa und Sizilien kommen derzeit so viele Migranten und Flüchtlinge wie zuletzt vor elf Jahren an. Italienische Behörden zählten im August öfter mehr als 1000 Migranten und Flüchtlinge innerhalb von 24 Stunden. Genaue Zahlen über die Migrationswelle über das südliche Mittelmeer gibt es nicht. Denn vor allem aus tunesischen Hafenstädten legen viele kleine Boote ab, deren Besatzung von Mittelsleuten an italienische Strände geleitet und dort empfangen wird, ohne von der italienischen Küstenwache entdeckt zu werden.

Aktivisten aus Tunesien und Libyen nehmen wegen der vielen Unglücke und spurlos verschwundenen Boote an, dass bis Anfang August weit mehr als jene 34 000 Menschen eine Überfahrt über das Mittelmeer gewagt haben, die in Italien offiziell registriert wurden.

Die fast täglichen Rettungsaktionen und Unglücke sind auch den libyschen und tunesischen Medien meist nur eine kurze Meldung wert. Die libysche Küstenwache hat am Mittwoch insgesamt 330 Menschen aus Schlauchbooten gerettet und zurück nach Tripolis und in die Hafenstadt Sawija gebracht.

Beim Kentern eines kleinen Holzbootes vor der tunesischen Insel Kerkenna ertranken in dieser Woche zwei Mütter mit ihren Kleinkindern, meldet die tunesische Presseagentur TAP. Nach 30 verschollenen Insassen suchte die tunesische Küstenwache bisher erfolglos.

Hunderte weitere in Seenot geratene Menschen warten an Bord von Rettungsbooten darauf, an Land gehen zu können. Die Nichtregierungsorganisationen Sea-Watch und SOS Méditerranée haben nach eigenen Angaben in den letzten Wochen fast 500 Menschen gerettet.

1200 Menschen in einem Lager mit 300 Plätzen

Doch die Aufnahmelager in Süditalien sind überfüllt. Laut der Nachrichtenagentur Ansa beherbergt die Erstaufnahmeeinrichtung auf der Insel Lampedusa 1200 Tunesier und Migranten aus Subsahara-Afrika. Gebaut wurde das mit Stacheldraht umzäunte Gelände für die Aufnahme von 300 Menschen. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) bezeichnet das Mittelmeer als die gefährlichste Flüchtlingsroute der Welt.

Queen und Emmanuel haben sich wegen der vielen Bootsunglücke vor der tunesischen Küste entschlossen, in Zarzis zu bleiben. Seit drei Jahren warten die beiden Mittdreißiger, die aus der nigerianischen Provinz Biafra stammen, eigentlich auf einen Platz in einem Schmugglerboot. Kennengelernt haben sie sich in dem Aufnahmelager des Flüchtlingshilfswerkes der Vereinten Nationen (UNHCR) außerhalb des Küstenortes.

Queen will wie ihr Freund ihren Nachnamen nicht öffentlich preisgeben. "Ich erlebe selbst hier in Tunesien Rassismus durch die nigerianische Regierung. Unsere Botschaft stellt Menschen aus Biafra weder Dokumente aus, noch hilft sie bei einer Rückkehr nach Hause", sagt die ehemalige Hotelmanagerin. Ein Bekannter hatte sie 2018 davon überzeugt, über Libyen nach Europa zu reisen, dort würde sie in wenigen Monaten die Reisekosten von 2500 Dollar an den Menschenhändler zurückzahlen können und üppig verdienen.

Doch statt in einem Boot nach Italien endete die Odyssee durch die Sahara in einem von libyschen Milizen betriebenen Gefängnis. Ihr Freund verließ sie, als sie in der Haft schwanger wurde. "Bei der Geburt in der libyschen Hafenstadt Zuwara haben mich die Krankenschwestern aus Ekel vor meiner dunklen Haut nicht angefasst. Am Tag danach wurde ich noch blutend rausgeworfen", berichtet sie. Zusammen mit ihrem Neugeborenen floh sie schließlich über die libysch-tunesische Grenze bei Ras Jadir.

Wegen der immer wieder aufflammenden Kämpfe in Tripolis und aus Angst vor Entführung durch libysche Milizen schlagen sich jede Nacht mehrere Dutzend Migranten zu Fuß durch das von Schmugglern kontrollierte Niemandsland. Tunesische Armeepatrouillen bringen die meist aus Subsahara-Afrika stammenden Menschen dann in das 80 Kilometer entfernte Zarzis."In Tunesien sind wir zwar vor Entführung sicher, haben aber keinerlei Rechtssicherheit", sagt Queen, die zurzeit als Putzfrau umgerechnet 150 Euro im Monat verdient.

Rassismus ist überall spürbar

Emmanuel hat sie bei der Arbeit auf dem Olivenhain des Leiters der lokalen Hilfsorganisation Roter Halbmond kennengelernt. Roter Halbmond ist eine Partnerorganisation des Flüchtlingshilfswerks UNHCR. Man habe sie zu einem Hungerlohn angestellt, klagt Queen, aber immerhin habe es etwas zu essen und trinken gegeben. Der 35-jährige Emmanuel schlägt sich als Friseur für die lokale afrikanische Gemeinde durch. Er schätzt, dass derzeit 15 000 Migranten auf einen legalen Status warten. Seinen kleinen gut laufenden Gemischtwarenladen schloss der Vermieter als nach dessen Geschmack zu viele dunkelhäutige Kunden vorbeikamen. "Das ruiniere den Ruf des Viertels, sagte er mir", lacht Emmanuel. Die meisten seiner Freunde sind in den vergangenen Monaten an Bord von Fischerbooten nach Europa gereist.

"Ich würde gerne hier leben, denn diejenigen, die es über das Mittelmeer geschafft haben, erzählen, wie teuer das Leben in Europa ist", sagt Queen. Doch ohne Reisepass erhält sie weder eine Arbeitserlaubnis noch einen Aufenthaltsstatus in Tunesien. Weil sich das im vergangenen Sommer von Präsident Kais Saied abgesetzte Parlament nicht auf ein Asylgesetz einigen konnte, halten sich Migranten und Flüchtlinge in Tunesien ähnlich wie in Libyen illegal auf.

"Wir sind ausschließlich vom guten Willen von IOM, dem UNHCR oder der Polizei abhängig", sagt Queen. Wie viele andere Migranten in Zarzis wirft sie den tunesischen Mitarbeitern der Vereinten Nationen und der Hilfsorganisation Roter Halbmond Rassismus und das Vorenthalten von Unterstützungsleistungen vor. Der Gouverneur der Region Zarzis, Ezzedine Khlifi, fordert von der Regierung in Tunis und Brüssel mehr Hilfe. "Die Wirtschaftskrise nach der Corona-Pandemie hat auch zu einer nie dagewesenen Emigration der Jugend Westlibyens und Südtunesiens geführt. Doch erst beim nächsten großen Schiffsunglück wird die Welt aufwachen."

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