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Mittelmeer:Die schmutzigen Geschäfte der libyschen Milizen

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Das Risiko, die Fahrt übers Meer nicht zu überleben, ist deutlich größer geworden, seitdem es keine staatlich organisierten Rettungsmissionen mehr gibt.

(Foto: Chris McGrath/Getty)
  • Das Schmuggel-Geschäft mit Migranten war für libysche Milizen lange Zeit eine der wichtigsten Einnahmequellen.
  • Inzwischen hat sich die Zahl derjenigen deutlich verringert, die den Weg über das Mittelmeer wagen.
  • Das liegt auch an der aufs Mittelmeer zurückgekehrten libyschen Küstenwache und an der Einbindung der Milizen durch die libysche Regierung.
  • Sie verdienen nun häufig daran, Internierungslager mit menschenunwürdigen Bedingungen für Migranten zu betreiben.

Maschinengewehrsalven rissen im Oktober 2017 Löcher in die römischen Ruinen von Sabratha. Rivalisierende Milizen lieferten sich zwei Monate lang eine Schlacht um die Vorherrschaft in der libyschen Küstenstadt, 65 Kilometer westlich von Tripolis. In Europa fanden die Gefechte kaum Beachtung, dabei kündeten sie von einem fundamentalen Wandel. Bis Juli 2017 schickten Menschenschmuggler von den Stränden der Stadt noch Tausende Migranten pro Monat auf ihre lebensgefährliche Fahrt über das Mittelmeer, schon wenige Wochen später aber legten dort kaum noch Boote ab. Von der einstigen Hochburg der Schlepper starteten bis dahin laut Geheimdienstlern 90 Prozent aller Überfahrten.

Der König des schmutzigen Geschäfts, Ahmed Dabbashi, hatte sich abgewandt. Er hatte Millionen verdient, aber dann einen Deal gemacht mit der international anerkannten Einheitsregierung in Tripolis unter Premier Fayez el-Serraj. Und angeblich noch einmal Millionen kassiert - aus Rom, was Italien damals vehement bestritt. Plötzlich patrouillierten seine Leute durch die Stadt, hinderten Boote am Ablegen. Das war anderen Gruppen zu viel. Sie vertrieben Dabbashi und seine Milizionäre aus der Stadt, doch die Strände blieben auch unter ihrer Herrschaft dicht.

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Italien

Trampolin für den Norden

Von den Bootsflüchtlingen, die in Italien landen, wollen die meisten weiterziehen. Viele können es aber nicht, weil ihnen das Geld fehlt - und so müssen sie unter oft erbärmlichen Umständen schuften.   Von Oliver Meiler

Der Fall von Carola Rackete, der Kapitänin des Rettungsschiffs Sea-Watch 3, hat in Europa einen neuen Streit über Bootsflüchtlinge angefacht. Rackete war Ende Juni mit 53 Migranten an Bord ungeachtet des Verbots der italienischen Regierung in den Hafen von Lampedusa eingelaufen. Nun geht es wieder um die Rolle der Seenotretter. Verleiten sie nur noch mehr Migranten zur Überfahrt? Welchen Einfluss haben andere Akteure, etwa die Küstenwache oder die Angebote der Schlepper?

In Italien macht gerade das Video von einem Auftritt von Innenminister Matteo Salvini die Runde, in dem er Rackete als "deutsche Zecke" beschimpft. "Es reicht, sie sich anzuschauen, ausgerechnet zu uns musste die kommen", fügt der Vizepremier hinzu, um dann den drastischen Rückgang der Ankünfte von Migranten in Italien als sein Verdienst zu reklamieren. Das Entscheidende allerdings hat sich in Nordafrika verändert, lange bevor Salvini in die Regierung kam - auch durch seinen sozialdemokratischen Vorgänger Marco Minniti.

"Menschenschmuggler sind auf den Schutz des Staates oder der Milizen angewiesen, um in Größenordnungen operieren zu können, wie wir es bis 2017 in Libyen gesehen haben", sagt Paolo Campana vom Institut für Kriminologie der Universität Cambridge, der sich auf Menschenschmuggel spezialisiert hat. Nur so konnten bestehende Schmuggelnetzwerke ihr Geschäft von 2012 an ausbauen. Zu Zeiten des Diktators Muammar al-Gaddafi lag es noch fest in den Händen des Regimes. 2016 schleusten Schlepper laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) 181 400 Menschen über die zentrale Mittelmeerroute von Libyen nach Italien - und die Milizen verdienten mit durch Steuern und Schutzgeld. Eine der wenigen Geldquellen in dem Bürgerkriegsland. Auf eine bis eineinhalb Milliarden Euro schätzten Geheimdienstler das gesamte Geschäft in Libyen.

Im Sommer 2017 aber änderten die wichtigsten bewaffneten Gruppen, die Tripolis und die Küstenstädte im Westen des Landes kontrollieren, ihr Geschäftsmodell. Beigetragen hat dazu Druck durch die EU und UN-Sanktionen gegen Schmugglergrößen, aber auch lukrative Angebote. Premier Serraj bot Anerkennung und machte die Milizen zu einem Teil des offiziellen Sicherheitsapparates. Das versprach Zugriff auf staatliche Ressourcen und Legitimität - angesichts der internationalen Aufmerksamkeit die bessere Perspektive als das bei der Bevölkerung verhasste Geschäft mit den Migranten - an den Stränden wurden Dutzende Leichen angespült. Minniti hat viel davon eingefädelt. Italien versprach zudem Investitionen in die Infrastruktur.

Den Rückzug der Milizen aus dem Schmuggelgeschäft hat die "Global Initiative Against Transnational Crime" in einer 90-seitigen Studie vom März als "wichtigsten Einzelfaktor" für den Rückgang der Überfahrten identifiziert. Die Autoren um den früheren Investigativjournalisten Mark Micaleff aus Malta stützen sich auf eigene Feldforschung in Libyen und Nachbarländern sowie ein Netzwerk von 250 Informanten, darunter auch Schmuggler. 2017 kamen laut IOM noch 119 400 Menschen aus Libyen in Italien an, 2018 waren es lediglich 23 400, bis 17. Juli dieses Jahres nur 3186. So viele erreichten früher an einem einzigen Sommertag Italien.

Ein weiterer Faktor sind laut der Global Initiative die Aktivitäten der von Italien unterstützten libyschen Küstenwache, die nach einer Vereinbarung aus dem Februar 2017 aufs Mittelmeer zurückkehrte. Sie hat nach Zahlen des UN-Flüchtlingshilfswerks bis 11. Juli 3905 Menschen in der erweiterten Suchzone aufgenommen und nach Libyen zurückgebracht - das sind mehr, als nach Italien gelangten. Die EU unterstützt die Küstenwache sowie die Einbindung der Milizen durch die Regierung.