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Flüchtling in Stade:Erschossen, von der Polizei

Rahmat Alizada am Grab seines Bruders Aman in Hamburg. Am 1. Oktober wäre er 20 Jahre alt geworden. Rahmat Alizada sagt: "Was wir durchgemacht haben, und dann passiert das."

(Foto: Peter Burghardt)

Aman Alizada kam aus Afghanistan nach Deutschland. Er dachte, hier sei er sicher. Am 17. August starb er durch die Kugel eines Beamten. Wie konnte das passieren?

Er steht vor diesem Grab und kann es nicht fassen. Friedhof Öjendorf im Hamburger Osten, muslimischer Teil. Unter Erde, Blumen und Grablicht liegt sein Bruder, wie er geflüchtet aus Afghanistan. Erschossen in Deutschland, von einem deutschen Polizisten.

Der Name Aman Alizada ist auf Dari, seiner Muttersprache, auf einer Spanholzplatte notiert, für einen Grabstein war noch keine Zeit. 1.10.1999 - 17.8.2019. "Er kam hierher, um ein Leben zu haben, um vor dem Krieg sicher zu sein", sagt Rahmat Alizada. "Es geschah das Gegenteil."

Aman Alizada starb am 17. August bei einem Polizeieinsatz in einer Unterkunft für Geflüchtete in Stade an der Elbe, eine Stunde von Hamburg entfernt. Mindestens eine Kugel aus einer Dienstwaffe traf ihn tödlich. Rahmat Alizada, 24, erfuhr davon am Telefon in Melbourne, Australien, wo er lebt. Er setzte sich ins Flugzeug und flog nach Hamburg. Am 29. August wurde die Leiche seines Bruders rituell gewaschen, am 30. August beerdigte er ihn, hier. Auch etliche Freunde und Bekannte nahmen an der Trauerfeier teil. Aman Alizada war beliebt. Er wurde 19 Jahre alt.

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Die Bestattung war so verzögert, weil der Tote obduziert wurde. Das Ergebnis der gerichtsmedizinischen Untersuchung ist, wie der gesamte exakte Tathergang, jedenfalls für die Öffentlichkeit noch unbekannt, die Staatsanwaltschaft Stade ermittelt. Juristisch muss vor allem geklärt werden, ob der Schütze, ein Polizist, in Notwehr gehandelt hat oder nicht. Er soll inzwischen wieder im Dienst sein. Aber die Frage ist doch vor allem: Wie konnte es zu dieser Tragödie kommen?

Rahmat Alizada will wissen, warum sein jüngerer Bruder in einem der sichersten Länder der Welt den Tod durch einen Polizisten fand, vier Jahre nach seiner Flucht aus einer der gefährlichsten Regionen der Erde.

Über Iran, die Türkei und Griechenland nach Deutschland

Die Alizadas stammen aus der afghanischen Provinz Ghazni, die unter anderem von den Taliban terrorisiert wird. Sie gehören zur verfolgten Ethnie der Hazara. Ein Teil der Familie floh ins Nachbarland Pakistan, eine Schwester ist in Kasachstan, Rahmat Alizada schaffte es nach Australien. Seine Odyssee führte durch Asien und mit Schleppern über das Meer, in Wochen auf dem Boot verlor er damals 20 Kilo. Er bekam Asyl, sieben Mal wurde er wegen seiner Verletzungen aus der Heimat operiert. Er fand Jobs, spricht australisches Englisch und begann nebenbei zu studieren. Derzeit Kriminologie, ausgerechnet.

Rahmat wollte seinen Bruder Aman nachholen, doch Australien verschärfte die Regeln für Migranten. Aman Alizada machte sich auf einen anderen Weg, 15 Jahre alt, allein. In der pakistanischen Stadt Quetta, wohin sich die Alizadas zuvor gerettet hatten, explodierten ständig Bomben, eine nahe ihres Hauses. Aman Alizada kam über Iran, die Türkei und Griechenland 2015 nach Deutschland. Er zog mit anderen Jugendlichen in eine Stader Sporthalle. Sein Status zunächst: unbegleiteter minderjähriger Flüchtling.

Rahmat war erleichtert, als er von Amans Ankunft hörte. Germany. "Als er hier war, dachte ich: Gott sei Dank, er ist sicher", sagt er jetzt, am Grab seines Bruders. "Was wir durchgemacht haben, und dann passiert das." Kühler Wind streicht über den Friedhof.

"Der Einsatz von Pfefferspray zeigte keine Wirkung", steht in der Pressemeldung

Die Staatsanwaltschaft Stade gab in einer Pressemeldung bekannt, dass an jenem Samstagabend "eine Auseinandersetzung" in einem Mehrparteienhaus im Stadtteil Bützfleth gemeldet worden sei. "Der Verursacher", ein junger Asylbewerber aus Afghanistan, sei "der Polizei bereits aus anderen Vorfällen bekannt" gewesen, deshalb habe man zwei Streifenwagen geschickt. Der Mann habe nicht auf Ansprache durchs offene Fenster reagiert und die Beamten dann in der Erdgeschosswohnung "mit einer Hantelstange aus Eisen" attackiert. "Der Einsatz von Pfefferspray durch mehrere Polizisten zeigte keine Wirkung", hieß es. "Zur Unterbindung des Angriffs" habe ein Beamter geschossen, "die sofort eingesetzte" Notärztin habe nicht mehr helfen können. Die Stader Staatsanwaltschaft sagt am Freitag, auf Anfrage: "Es gibt nichts Neues."

Rahmat Alizada versteht es nicht. Hantelstange, Polizei, Pfefferspray, Schüsse, Tod? Viele Menschen, die Aman Alizada nahestanden, stellen sich Fragen.

Freunde und Bekannte von Aman Alizada sind entsetzt vom Bild des polizeibekannten Asylbewerbers, das da gezeichnet werde, "das ist so ungerecht, so gemein", sagt eine frühere Betreuerin. "Er hatte alle Voraussetzungen, es hier zu schaffen."

Freundlich sei Aman gewesen, wissbegierig, engagiert, integriert. "Ein ganz angenehmer Mensch." Und ja, traumatisiert. Er lernte rasch Deutsch, machte einen Schulabschluss, ein Foto zeigt ihn lächelnd, ein schmaler Junge. Eine Schreinerlehre brach er wegen mentaler Probleme ab, eine Zeitlang befand er sich in Behandlung. Sein Asylantrag wurde kurz vor seinem 18. Geburtstag abgelehnt, der psychologische Beistand endete. Zuletzt hatte er offenbar eine Anstellung in Aussicht, bei einem Bestelldienst. Mit einer Hantel, so hört man, trainierte er häufig.

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Rahmat Alizada hatte einige Stunden vor Amans Tod mit ihm telefoniert. "Bruder, ich brauche Hilfe", habe der gesagt. Er wisse nicht, wie es weitergehe. Gleichwohl habe er mit einem Mitbewohner gekocht, ein schöner Tag. Seelische Narben junger Schutzbedürftiger werden oft missachtet. "Die psychosoziale Betreuung ist mangelhaft", sagt Dörthe Hinz vom Flüchtlingsrat Niedersachsen. Die Angst sei immer da, auch vor Abschiebung, doch das erklärt diesen Tod natürlich nicht.

Tags zuvor war die Stader Polizei schon einmal in die Wohnung gerufen worden, sie müsste demnach von Amans Krise gewusst haben. Ein Mitbewohner rief sie am 17. August erneut, er wusste nicht weiter. Der Flüchtlingsrat Niedersachsen und andere, die nun für Aman Alizada auf die Straße gehen, verstehen nicht, "weshalb es sechs Polizisten nicht schafften, die Situation ohne den Einsatz der Schusswaffe zu bewältigen". Rahmat Alizada fragt, ob die Beamten Bodycams trugen, aber Körperkameras werden in Niedersachsen noch kaum verwendet. Er, der angehende Kriminologe, fragt sich auch, wieso seinem Bruder nicht wenigstens nur ins Bein geschossen worden sei. Er blickt auf das Grab.

Niemand außer der Polizei weiß, was genau passiert ist. Die einzigen direkten Zeugen sind die Polizisten, mindestens vier sollen mit Aman Alizada im Raum gewesen sein. Der Mitbewohner, der die Polizei verständigt hatte, war hinaus geschickt worden, die übrigen Mitbewohner waren nicht da. Von mehreren Schüssen ist die Rede. "Beängstigend", sagt eine Frau, die Aman gut kannte. Wie schnell drangen Nothelfer zu dem Schwerverletzten vor? Gerüchte machen die Runde. Mails, manche aggressiv. Die Polizei in Cuxhaven und die Staatsanwaltschaft Stade sollen die Tatsachen prüfen; seit knapp zwei Monaten schon. Rahmat Alizadas Anwalt Thomas Bliwier, der auch NSU-Opfer vertreten hatte, hat Akteneinsicht beantragt.

Am Samstag wird es im Stader Bürgerpark eine Demonstration geben. "Wir passen auf", sagt Barbara Erhardt-Gessenharter von der Bürgerinitiative Menschenwürde Landkreis Stade. "Wir sind wachsam." Auch sie will die Wahrheit wissen - und wünscht sich gleichzeitig friedliches Gedenken. Rahmat Alizada besucht fast täglich das Grab seines Bruders auf dem Friedhof Öjendorf, ehe er zurückfliegt nach Australien, aus Deutschland, wo Aman Sicherheit suchte und den Tod fand.

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