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Flüchtlinge in Deutschland:Wie viele kamen, wer durfte bleiben, wie viele fanden Arbeit?

Over 6,000 Migrants Crossing Into Bavaria Daily

Flüchtlinge warten an der Grenze nahe Passau auf ihre Weiterreise nach Deutschland, Archivbild vom 17. Oktober 2015

(Foto: Sean Gallup/Getty Images)

Noch immer fliehen Menschen nach Deutschland, aber die Zahlen sind nicht mehr zu vergleichen mit denen von 2015. Wie hat sich die Lage entwickelt? Finden Geflüchtete hier Arbeit und Wohnung? Eine Analyse.

Von Nina von Hardenberg, Markus C. Schulte von Drach und Henrike Roßbach

An diesem Freitag vor fünf Jahren, in der Nacht vom 4. auf den 5. September 2015, entschied Angela Merkel, die in Ungarn festsitzenden Flüchtlinge ohne Registrierung einreisen zu lassen. Am Wochenende schon trafen 20 000 Menschen in München ein, so viele wie seit der unmittelbaren Nachkriegszeit nicht mehr. "Wir schaffen das", hatte die Kanzlerin wenige Tage zuvor gesagt. Der Satz ist hängengeblieben und teilt seither Deutschland: Haben wir es geschafft? Das fragt auch die SZ fünf Jahre später. Und schaut dafür auf die nüchternen Fakten: Wer kam überhaupt - und wie haben sich die Menschen bis heute eingefunden?

Die Aufgabe, so viel ist klar, war groß: Nie zuvor seit der Nachkriegszeit kamen so viele Schutzsuchende nach Deutschland. Es sind so viele, dass sie zum Teil erst 2016 registriert werden. Auch die Zahl der Anträge auf Asyl erreicht darum erst 2016 mit 772 320 Erstanträgen ihren Höhepunkt. Nach der Einrichtung von Grenzbarrieren auf der Balkanroute kommen wieder deutlich weniger Flüchtlinge.

Sie fliehen vor Bomben, Bürgerkrieg und Verfolgung: Zwei Drittel aller Ankommenden zwischen 2014 und 2016 stammen aus den drei Ländern Syrien, Afghanistan und Irak, wobei auf Syrien mit 40 Prozent aller Schutzsuchenden der weitaus größte Teil entfällt. Das hat das Statistische Bundesamt für die 1,038 Millionen bis zum Jahresende 2016 registrierten Schutzsuchenden ermittelt.

Zu dem kleineren Teil der Ankommenden mit schlechten Asylchancen zählen Menschen aus den Balkanstaaten, die vor allem vor 2015 in großer Zahl Anträge auf Asyl stellen, dann aber zunehmend weniger, als Deutschland das Asylrecht für diese Länder verschärft und gleichzeitig einen legalen Weg der Arbeitsmigration schafft.

Anders als anfangs teilweise behauptet kommen in den Jahren bis 2016 also nicht vor allem sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge. Deutschland gewährt vielmehr vor allem den im Grundgesetz festgeschriebenen und in internationalen Verträgen vereinbarten Schutz für Verfolgte: Zum Jahresende 2019 hatten 61 Prozent (634 000) der damals Angekommenen einen anerkannten Schutzstatus. Das heißt, sie konnten geltend machen, dass sie etwa wegen ihrer politischen Einstellungen oder religiösen Überzeugungen verfogt wurden oder dass eine Rückkehr in die kriegsumtobte Heimat für sie derzeit lebensgefährlich wäre. Zwölf Prozent halten sich nicht mehr in Deutschland auf, sei es weil sie abgeschoben wurden, selbst heimgekehrt oder weitergezogen sind. Bei neun Prozent ist der Status offen, weil das Asylverfahren bis heute nicht abgeschlossen ist. Nur zehn Prozent leben noch in Deutschland, obwohl ihnen kein Schutzstatus zugesprochen wurde.

Dass Abschiebungen nicht durchgesetzt werden, nährt Zweifel am Asylsystem und mehrt den Zorn der Kritiker, vor allem wenn es zu Gewalttaten kommt, wie etwa dem Terroranschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt, der Täter war ein abgelehnter Asylbewerber. So gab es nach Angaben der Bundesregierung bei fast 250 000 ausreisepflichtigen Flüchtlingen im Jahr 2019 nur gut 22 000 Abschiebungen und knapp 20 000 geförderte freiwillige Ausreisen.

Tatsächlich gibt es aber oft gute Gründe, warum nicht abgeschoben wird. Die Lage in den Heimatländern gilt dann als zu gefährlich, die Staatsangehörigkeit ist ungeklärt oder ein Flüchtling hat inzwischen eine Arbeit oder Ausbildung begonnen. Diese Flüchtlinge erhalten dann eine Duldung, die sie vorrübergehend vor Abschiebung schützt. In der Statistik tauchen sie trotzdem als ausreisepflichtig auf.

Der Arbeitsmarkt in Zeiten von Corona

Wie aber geht es jenen, die bleiben dürfen? Ist es ihnen gelungen, eine neue Existenz aufzubauen?

Einen "langen Atem" brauche die Integration in den Arbeitsmarkt, bilanziert die Bundesagentur für Arbeit nach fünf Jahren. Nach Befragungen von Flüchtlingen hatte jeder vierte von ihnen keine oder höchstens die Grundschule besucht; einen Hochschul- oder Berufsabschluss hatten 16 Prozent.

So gesehen ist es positiv zu bewerten, dass im Mai 2020 knapp 29 Prozent der Menschen aus den acht wichtigsten Asylherkunftsländern - Eritrea, Nigeria, Somalia, Afghanistan, Irak, Iran, Pakistan und Syrien - sozialversicherungspflichtig beschäftigt waren - im Frühsommer 2015 waren es nur gut 18 Prozent gewesen. Rechnet man die Minijobs hinzu, lag die Beschäftigungsquote zuletzt bei gut 34 Prozent.

Am erfolgreichsten waren Flüchtlinge aus Eritrea, am seltensten hatten Iraker und Syrer Arbeit. Insgesamt arbeiten Flüchtlinge öfter in Helferjobs und sind zusätzlich auf Grundsicherung angewiesen. Einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zufolge arbeitete etwa ein Viertel der erwerbstätigen Flüchtlinge unter dem Anforderungsniveau ihrer ursprünglichen Ausbildung. Immerhin 32 Prozent gingen aber sogar einer Arbeit nach, die über ihrem Ausbildungsniveau lag. Bei den übrigen passte beides zusammen.

Erst nach ihrer Anerkennung haben Flüchtlinge uneingeschränkten Zugang zum Arbeitsmarkt. Vor allem 2017 und 2018 kamen deshalb viele Geflüchtete auf dem ersten Arbeitsmarkt unter. Danach aber geriet diese Entwicklung ins Stocken - und nun kommt die Corona-Krise hinzu: Drei Jahre lang sank die Arbeitslosenquote in der Gruppe der Geflüchteten gegenüber dem Vorjahr, seit April aber steigt sie wieder und lag im Mai bei fast 40 Prozent. Im Juli gab es in der Gruppe der Geflüchteten knapp 27 Prozent mehr Arbeitslose als im März.

Die Corona-Krise kostet nicht nur Flüchtlinge den Job. Auf dem Arbeitsmarkt insgesamt stieg die Arbeitslosigkeit um fast 25 Prozent. Für die Frage, ob wir es schaffen; ob es gelingt, die Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren, ist die Konjunktur trotzdem ein entscheidender Faktor: In "wirtschaftlich angespannten Zeiten" wiegen fehlende Sprachkenntnisse und Qualifikationen nach Einschätzung der Bundesagentur für Arbeit besonders schwer.

Situation am Wohnungsmarkt

"Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr", heißt es in einem Herbstgedicht von Rainer Maria Rilke. Das eigene Heim steht für Geborgenheit in stürmischen Zeiten. Auch für die Flüchtlinge dürften die eigenen Wände ein wichtiger Schritt des Ankommens sein. Eine Analyse des Bundesamtes für Flüchtlinge und Migration zeigt, dass viele diesen Schritt schon früh nahmen: Bereits 2016 lebte etwas mehr als die Hälfte aller Geflüchteten in privaten Wohnungen oder Häusern, die übrigen in Gemeinschaftsunterkünften. In den folgenden Jahren stieg die Anzahl an Flüchtlingen in Privatwohnungen auf 75 Prozent. Das liegt teils an einer fortschreitenden Integration, die bessere Chancen auf dem freien Wohnungsmarkt bietet, teils aber auch an der niedrigeren Zahl neu kommender Geflüchteter. Die Kommunen können deshalb eine kleinere Anzahl an Geflüchteten in Gemeinschaftsunterkünften unterbringen und mehr in freiwerdenden kommunalen Privatunterkünften.

Bildungspartizipaiton

Der Anteil der Geflüchteten, der die Gelegenheit hat und nutzt, an Bildung und Ausbildung teilzuhaben, ist verhältnismäßig klein. Das zeigt eine Umfrage aus dem Jahre 2018. Nicht einmal jeder vierte Flüchtling konnte die Frage danach bejahen. Eine berufliche Ausbildung gingen 14 Prozent an, eine Hochschule oder Universität konnten gerade einmal zwei von hundert besuchen.

Flüchtlinge und Kriminalität

Die Erfahrung zeigt: Personen, die in einer Gesellschaft fremd wirken, werden schneller einer Straftat verdächtigt als jene, die vertraut scheinen - jedenfalls aus der Perspektive der Mehrheit. Gerade Flüchtlinge sind von einem solchen "Generalverdacht" betroffen. Und betrachtet man die Polizeistatistiken, so glaubt sich mancher bestätigt.

Unter den Tatverdächtigen sind tatsächlich auffällig viele, die in Deutschland um Schutz gebeten haben, oder bereits über einen Schutzstatus verfügen. Sie sind in der Kriminalstatistik "überrepräsentiert", wie es heißt. Das ergibt sich aus dem Vergleich des Anteils, den Schutzsuchende an der Bevölkerung insgesamt stellen - das waren Ende 2019 2,2 Prozent - und ihrem Anteil unter den von der Polizei registrierten Tatverdächtigen.

Werden etwa alle Delikte betrachtet, die 2019 begangen wurden (ohne ausländerrechtliche Verstöße), so waren der Polizei zufolge acht Prozent der Tatverdächtigen "Zuwanderer". Bei Straftaten gegen das Leben waren es sogar zwölf Prozent.

Bei einem Blick auf die Entwicklung der Zahlen über die vergangenen Jahre fällt auf, dass gerade unter jungen Menschen die Häufigkeit von Gewaltverbrechen erst zu- und dann deutlich abgenommen hat. Allerdings steigen die Zahlen bei Jugendlichen unter 18 Jahren seit 2015 wieder, bei den 18- bis 20-Jährigen ist zumindest der Abwärtstrend offenbar vorbei.

Eine von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften veröffentlichte Studie zeigt darüber hinaus, dass diese Veränderung nicht alle Jugendlichen gleichermaßen betrifft. Die wachsende Zahl der Tatverdächtigen seit 2015 geht überwiegend auf "nichtdeutsche" Jugendliche zurück. Die Daten, so die Wissenschaftler, belegen, "dass der Anstieg der Gewaltkriminalität primär diese nichtdeutschen Jugendlichen betrifft und mit der Zuwanderung von Flüchtlingen zusammenfällt".

Eine Studie zur Gewaltkriminalität in Niedersachsen deutet ebenfalls auf einen Zusammenhang hin. 2015 und 2016 hatte die Zahl der Geflüchteten unter den Tatverdächtigen auffällig zugenommen.

Es wäre trotzdem falsch, nun die Schlussfolgerung zu ziehen, dass Zuwanderer und Nichtdeutsche pauschal eher zu Verbrechen neigen und häufiger Straftaten begehen als Deutsche. Es gibt andere Faktoren, die berücksichtigt werden müssen.

Männliche Jugendliche und junge Erwachsene begehen die meisten Straftaten

So ist schon lange klar, dass es vor allem männliche Jugendliche und jüngere männliche Erwachsene sind, die Straftaten begehen. In der Gesamtbevölkerung stellen männliche 14- bis 29-Jährige nur knapp neun Prozent. Unter den Schutzsuchenden ist der Anteil solcher junger Männer aber mehr als doppelt so hoch: 23,3 Prozent. Nimmt man jene bis zum 39. Lebensjahr hinzu, ist der Anteil an der Gesamtbevölkerung 15,6 Prozent - Deutschland ist ein sehr altes Land. Unter den Schutzsuchenden sind dagegen mehr als 36 Prozent männlich und im Alter zwischen 14 und 39.

Die Faktoren Geschlecht und Alter erklären also bereits weitgehend, wieso unter Schutzsuchenden ein im Verhältnis deutlich größerer Anteil von Tatverdächtigen zu finden ist als in der Gesamtbevölkerung. So lässt sich etwa erklären, wieso relativ viele Syrer, Iraker und Afghanen unter den Tatverdächtigen auftauchen - es sind schlicht und einfach besonders viele junge Männer aus diesen Ländern nach Deutschland gekommen.

Vergleicht man übrigens den Anteil, den die Schutzsuchenden aus diesen drei Ländern in der Gruppe der Geflüchteten insgesamt stellen, mit ihrem Anteil an den Tatverdächtigen, stellt man fest: Er ist sogar verhältnismäßig klein. Syrer etwa machen hier 34 Prozent aus. Aber von den Tatverdächtigen kommen nur etwa 24 Prozent aus Syrien - vermutlich weil unter den Geflüchteten aus diesen Ländern auch viele Frauen, Kinder und Ältere sind. Anders sieht es etwa mit Schutzsuchenden aus den Maghreb-Staaten Algerien, Marokko und Tunesien aus. Ihr Anteil an den Tatverdächtigen lag 2019 bei sechs Prozent. Ihr Anteil an den Asylsuchenden aber betrug lediglich 2,3 Prozent.

Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Situation, in der sich die Betroffenen befinden. Menschen, die wenig Hoffnung auf eine Teilhabe an der Gesellschaft haben, die für sich kaum eine Chance auf gute Jobs und Wohlstand sehen, haben ein hohes Frustrationsrisiko. Von Arbeits- und Perspektivlosigkeit sind Flüchtlinge und "Nichtdeutsche" stärker betroffen als "Deutsche" - zumal viele die Erfahrung machen, wegen ihrer Herkunft abgelehnt zu werden. Ein solcher Frust aber erhöht das Risiko, Straftaten zu begehen.

Dazu kommt, "dass nichtdeutsche Tatverdächtige einer höheren Wahrscheinlichkeit unterliegen, von den Opfern bei der Polizei angezeigt zu werden", wie es in der Studie der Zürcher Hochschule heißt. Es lässt sich außerdem nicht ausschließen, dass die Polizei der Staatsanwaltschaft "Fremde" schneller als Verdächtige präsentiert, worauf schon das sogenannte "Racial Profiling" hindeutet. Und letztlich zählt die Polizeistatistik ja Tat-"Verdächtige", und nicht überführte Täter.

Diskutiert wird auch, dass manche Zuwanderer und Schutzsuchende aus Kulturen kommen, in denen Gewalt zumindest in einem gewissen Rahmen legitimiert ist - eine sogenannte "Machokultur". Dass das nicht nur ein Hirngespinst ist, hat zum Beispiel eine Befragung von Schülerinnen und Schülern in Niedersachsen 2015 gezeigt. Gewalt legitimierende Männlichkeitsnormen - etwa Gewalt als legitime Reaktion auf eine Verletzung der "Ehre" - sind in bestimmten Gruppen etwas häufiger vertreten.

Die Wissenschaftler hatten Schüler mit Eltern aus dem ehemaligen Jugoslawien, der Türkei und anderen muslimischen Ländern befragt. Von Kindern, die in Deutschland geboren und aufgewachsen waren, hatte jedes fünfte gewaltlegitimierende Männlichkeitsnormen akzeptiert. Waren sie erst in der Kindheit nach Deutschland gekommen, waren es mehr: fast 30 Prozent.

Ein entsprechender Einfluss der Kultur lässt sich für Schutzsuchende, die erst als Jugendliche oder Erwachsene nach Deutschland gekommen sind, also nicht völlig ausschließen. Auf der anderen Seite zeigt die große Mehrheit der jungen Menschen aber gerade, dass sie beim gleichen kulturellen Hintergrund Gewalt ablehnen. Deshalb und angesichts der übrigen Faktoren sollte dieser Aspekt nicht überbewertet werden.

Und so zeigt sich auch bei der Prävention von Kriminalität, wie wichtig der eigene Job, die eigene Wohnung, die eigenen Kontakte im neuen Land für die Ankommenden sind.

Haben wir es geschafft? Gemessen an der Zahl der Schutzsuchenden kommen wir "gut voran", schreibt etwa die Bundesagentur für Arbeit. Das heißt aber auch: Es bleibt noch viel zu tun.

© SZ.de/jsa
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