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"Mein Leben in Deutschland":Deutschlernen mit Liebe

Lernen und lieben, so geht's am leichtesten.

(Foto: Jason Leung/Unsplash)

Am besten kämpfen sich Neuankömmlinge durch diese verzwickte Sprache, wenn Amor im Spiel ist. Sonst bleibt sie ein ewiges Rätsel, wie unser Kolumnist berichten kann.

Kolumne von Yahya Alaous

Mein Freund präsentierte mir vor Kurzem eine spezielle Theorie. Er hatte sich Gedanken über das Erlernen der deutschen Sprache gemacht: "Deutsch zu lernen ist ohne eine Beziehung und ein Zusammenleben mit einer deutschen Frau nicht möglich. Andernfalls wird man den Rest des Lebens damit verbringen, es zu versuchen", konstatierte er.

Immer wenn ich ihn treffe, wiederholt er diese Sätze fast schluchzend, begleitet von Seufzern. Ich weiß nicht, weshalb er so traurig ist. Weil er die deutsche Sprache nicht richtig gelernt hat - oder weil er nicht mit einer deutschen Frau leben kann?

Yahya Alaous

arbeitete in Syrien als politischer Korrespondent einer großen Tageszeitung. Wegen seiner kritischen Berichterstattung saß der heute 46-Jährige von 2002 bis 2004 im Gefängnis, sein Ausweis wurde eingezogen, ihm wurde Berufsverbot erteilt. Nach der Entlassung wechselte er zu einer Untergrund-Webseite, die nach acht Jahren vom Regime geschlossen wurde. Während des Arabischen Frühlings schrieb er unter Pseudonym für eine Oppositions-Zeitung. Als es in Syrien zu gefährlich wurde, flüchtete er mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern nach Deutschland. Seit Sommer 2015 lebt die Familie in Berlin. In der SZ schreibt Yahya Alaous regelmäßig über "Mein Leben in Deutschland".

Mein Freund hält an der Verteidigung dieser Theorie fest. Ungefragt liefert er mir seine "Belege", die die Theorie untermauern sollen: "Schaut man sich um, so stellt man fest, dass die männlichen jungen Geflüchteten viel besser Deutsch als die Weiblichen sprechen. Ebenso sprechen die männlichen Singles unter den Geflüchteten viel besser Deutsch als die Verheirateten.

"Hört sich plausibel an", dachte ich mir, und weiter: dass es nicht fair ist, dass männliche Geflüchtete die Möglichkeit haben, die Sprache durch ein Zusammenleben mit deutschen Mädchen zu lernen, während weibliche Geflüchtete diese Gelegenheit mit jungen deutschen Männern eher weniger nutzen.

In den letzten Jahrzehnten erhielten Tausende syrischer Studenten Stipendien in Europa, insbesondere in osteuropäischen Ländern. Dazu kamen noch rund 15 000 weitere Syrer, die eher inoffiziell in Ostdeutschland lebten. Die meisten, wenn nicht alle von ihnen lernten die Sprachen der Länder, in denen sie in Europa studierten. Durch ihre Beziehungen zu Mädchen, mit denen sie lebten oder sich in sie verliebten, und, klar, natürlich auch durch die universitäre Ausbildung.

Immer noch die beste Methode

Leider brachten nur sehr wenige Auslandsstudierende ihre Freundinnen mit zurück in unser Land. Sicherlich spielten soziale und persönliche Gründe immer eine Rolle, und sicherlich gab es viele europäische Mädchen, die sich weigerten, ihre Gesellschaften zu verlassen, um der Liebe wegen nach Syrien zu kommen - doch dies war ein ganz anderes Problem.

Fest steht: "Lernen beim Lieben" hat es Tausenden jungen Syrern ermöglicht, die Sprachen der Länder zu lernen - und das in Windeseile.

Ich stimme meinem Freund zu, dass diese Methode immer noch die beste unter anderen Sprachunterrichtsmethoden und allen Lehrplänen, die von Sprachinstituten in Deutschland erfunden wurden. Die Methode macht die deutsche Sprache sehr schön und weckt keine Angst in den Schülern. Es verwandelt Deutsch auf magische Weise in eine angenehme, anmutige und notwendige Sprache für die menschliche und soziale Kommunikation. Liebesbeziehungen sind der beste Beitrag zur Integration in die deutsche Gesellschaft.

Andere haben weniger Glück beim Deutschlernen. Die meisten von ihnen, wie mein Freund und ich, sind mit arabischsprachigen Frauen verheiratet und müssen deshalb eifrig die Schulbank drücken und sehr viel Unregelmäßiges zusätzlich zum Regelmäßigen auswendig lernen.

"Ich habe die Hyroglyphenprüfung abgelegt"

Einer meiner Freunde verwendet den Ausdruck Hieroglyphen anstelle von Deutsch, also sagt er, "ich gehe zu einem Hieroglyphenkurs", "ich habe die Hieroglyphenprüfung abgelegt", "ich habe die Hieroglyphenprüfung nicht bestanden", ein anderer sagt, sein Kopf sei "wie Teflon" - weil deutsche Wörter nie drin stecken blieben. Ein weiterer Bekannter hat eine eigene Gebärden- und Körpersprache entwickelt, um die deutsche Sprache in seinem täglichen Leben zu ersetzen, nachdem er nach mehreren Versuchen, Deutsch zu lernen, verzweifelt aufgegeben hatte. Natürlich gehören diese drei Personen zu der weniger glücklichen Gruppe der Deutschlerner.

Vor ein paar Tagen war ich mit meiner Tochter in einer Schule, in der Kinder das Fahrradfahren erlernen können. Der Schulbeamte hatte offensichtlich ein Handicap, es fiel ihm sehr schwer zu gehen, aber er leitete die Schule auf wunderbare Weise und vielleicht besser als jeder andere. Auch wenn er selbst vielleicht nicht einmal mehr Fahrradfahren kann.

Ich dachte mir: Wenn wir Geflüchtete seit unserer Ankunft einfach gleichberechtigt wie diese Person, die auch mit einer Einschränkung leben muss, behandelt worden wären -als gleichwertige Menschen, die man unabhängig vom Sprachniveau einfach hätten arbeiten lassen, dann hätten wir bei unseren Tätigkeiten und der damit einhergehenden sozialen Integration doch viel einfacher Deutsch lernen können. Es wäre viel schneller gegangen, als immerzu in die Sprachschule zu gehen und die Hausaufgaben abends in vollen Gemeinschaftsunterkünften machen zu müssen.

Um die deutsche Sprache zu lernen, muss man sie lieben. Wenn man keine/n Deutsche/n lieben kann, dann muss man als Lernende/r eine Person suchen, die einen dazu bringt, sie zu lieben - denn das ist keine leichte Aufgabe. Viele Deutsche wiederholen gegenüber uns Nicht-Muttersprachlern immer wieder, wie schwierig ihre Sprache ist. Wenn wir das ständig hören, fühlen wir uns, nach zahlreichen Fehlern, logischerweise irgendwann nur noch frustriert. Aber kein Wunder, die starke Sprache zwingt uns einfach in die Knie. Ein Deutschlehrer im B2-Kurs beschrieb nämlich die anderen Sprachen als "kindisch" und betonte immerzu, dass die deutsche Sprache die "starke Sprache" sei, und dass Deutschsprachige stolz seien, wenn andere ihre Sprache lernen würden.

Ständige Korrektur durch die neunjährige Tochter kann einem jeden Stolz rauben

Ich persönlich werde langsam besser, und irgendwann fand ich fast schon selbst, dass ich "gut Deutsch" sprechen könne. Allerdings: "Stolz" ist das nicht. Wenn ich vor meinen Töchtern einen Fehler begehe und "Fisch" oder "Baum" feminisiere, will ich immer noch kurz im Boden versinken. Ständig von einer Neunjährigen - und sei es noch so charmant - kritisiert zu werden, kann einem Erwachsenen auf Dauer jedes Gefühl von Stolz auf das Erlangte rauben. Ganz ehrlich: Ich wäre stolzer, wenn ich in kürzerer Zeit eine andere Sprache gelernt hätte.

Mein Freund sagt, man hätte uns beibringen sollen, Liebesbriefe an Mädchen zu schreiben. Meine geliebte Ehefrau hätte all diese Briefe (statt arabischer Whatsapp-Nachrichten) von mir erhalten. Sie, eine studierte Bibliothekarin, hätte dann ein ganzes Lesezimmer voll von meinen deutsch-poetischen Ergüssen, und wenn mir mal wieder die eine oder andere Vergangenheitsform oder der richtige Fall nicht eingefallen wären, dann hätte ich einfach kurze Poesie oder abstrakte Lyrik gedichtet. Doch so einfach funktioniert die Sprache der Dichter und Denker nicht, das habe ich mittlerweile verstanden ... Erst kommt das Büffeln, dann die Kür - und da ich noch beim Büffeln bin, kann der Lockdown für mich nicht lang genug sein. Ich wünsche Ihnen einen ebenso kurzweiligen Lockdown. Vielleicht haben Sie ja Lust, unsere arabischen Hieroglyphen ein wenig zu studieren? Wie dem auch sei: Kommen Sie gesund durch den Winterbeginn!

Übersetzung: Jasna Zajcek

© SZ/kit/pak

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