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Mein Leben in Deutschland:Das Virus stoppt auch die Integration

Integration von Flüchtlingen in der Klasse AVI - Ausbildungsvorbereitung International in der Elly-Heuss-Knapp-Schule

Geht gerade nicht: Ausbildungsvorbereitung für Flüchtlinge in einem Berufskolleg der Stadt Düsseldorf

(Foto: Olaf Döring/imago stock&people)

Unser Gastautor erklärt, warum Flüchtlinge unter der Pandemie noch stärker leiden als andere. Vor allem der Kontaktmangel macht ihnen zu schaffen.

Von Yahya Alaous

Dutzende von Sprachcafés, die früher an öffentlichen Orten stattfanden und vielen Flüchtlingen die Möglichkeit boten, sich mit Deutschen zu treffen und auszutauschen, um ihre Deutschkenntnisse zu verbessern und Kontakte zu knüpfen, sind heute nicht mehr möglich. Selbst gelegentliche Begegnungen in den Geschäften oder in den Verkehrsmitteln sind durch die Angst, sich mit dem Virus anzustecken, unmöglich geworden. Am schmerzlichsten aber ist der Verlust vieler Jobs oder auch die Schließung ihrer kleinen Unternehmungen, die sich die Menschen mühsam erkämpft haben. Viele dieser Jobs gehören zu der Sorte, die man nicht von zu Hause aus machen kann, etwa Tätigkeiten in Cafés, Imbissen und Restaurants.

Issam, 35, ein syrischer Flüchtling, sagt, dass er Anfang letzten Jahres wegen der Pandemie seinen Job verloren hat, da das Restaurant, in dem er arbeitete, die Anzahl der Mitarbeiter reduzierte. Es dauerte dann fast zwei Monate, bis er wieder Sozialhilfe beziehen konnte. Issam ist einer von vielen Flüchtlingen, die von den Folgen der Pandemie schwer betroffen sind, und er weiß nicht, wie lange das so weitergehen wird. Zwar hat eine große Zahl von Flüchtlingen eine Arbeitsmöglichkeit im Bereich der Lebensmittel- und weiterer Lieferdienste gefunden, aber das sind zum Teil nur saisonale Jobs, die sie verlieren werden, wenn sich das Leben wieder normalisiert.

Yahya Alaous

ist syrischer Journalist. Der heute 47-Jährige saß von 2002 bis 2004 im Gefängnis. Anfang des Jahres flüchtete er mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern über den Libanon nach Deutschland. Seit fünf Monaten lebt er mit seiner Familie in Berlin. In der SZ schreibt Yahya Alaous regelmäßig über "Mein Leben in Deutschland" (die erste Kolumne finden Sie hier).

Übersetzung: Jasna Zajcek

Viele Flüchtlinge versuchen, online weiter zu lernen, sei es Deutsch oder auch Berufsqualifizierendes. Aber angesichts der Schul- und Kitaschließungen und der daraus folgenden Anwesenheit von Kindern zu Hause scheint das alles vergeblich zu sein. Die Aufsicht und Beschäftigung der Kinder ist ein großes Problem, besonders in engen Wohnungen, und die Einhaltung ihrer Schlafzeiten wird schwieriger, da die Energien, die früher in Schulen und auf Spielplätzen entladen wurden, ihren Platz nun zu Hause fordern. Die mangelnde Fähigkeit der Eltern, Computerspiele und die Aktivität ihrer Kinder in sozialen Netzwerken zu kontrollieren, führt bei den Kindern nicht selten zur Suchtentwicklung - noch potenziert durch den Mangel an sportlichen Aktivitäten. Das ist eine sehr gefährliche Entwicklung, ganz zu schweigen von den Problemen der Faulheit, Lethargie und Gewichtszunahme.

Abstand in der Familie ist kaum möglich

Es geht aber nicht nur darum, wie man die Kinder kontrollieren kann. Das lange Verweilen der Erwachsenen zu Hause verursacht Eheprobleme und kann zu ständigen Streitereien führen. Viele Ehepartner brauchen jetzt mehr soziale Unterstützung von außen - in einer Zeit, in der diese Hilfe angesichts von Corona und der Suspendierung vieler Vereine nicht leicht zu bekommen ist; ein wenig Abstand voneinander zu erlangen ist schwieriger als zuvor geworden.

Die Konsequenzen, die sich nach dem Ende der Schließungsperiode ergeben können, werden nicht einfach zu bewältigen sein; sie könnten nicht nur den Integrationsprozess von uns Flüchtlingen vorübergehend stoppen, sondern auch tiefere familiäre Probleme hervorrufen.

Für Flüchtlinge scheint die Krise im Vergleich zu anderen doppelt so groß zu sein, da öffentliche Orte wie Einkaufszentren, Sportvereine oder soziale Aktivitäten, die von NGOs angeboten wurden, eine der wichtigsten Möglichkeiten waren, Zeit zu verbringen und neue Leute kennenzulernen. Sogar Kinderspielmöglichkeiten, die in einigen kommerziellen Einkaufszentren verfügbar sind, gibt es nicht mehr, man sieht diese Spielzonen nur noch hinter weiß-roten Streifen, die zeigen, dass deren Benutzung für Kinder verboten ist.

Es stimmt, dass die Parks nicht geschlossen wurden, aber sie standen während der Wintersaison nicht zur Verfügung, und die Beschränkungen, die den Treffen auferlegt wurden, haben die Rolle, die die Gärten als kostenloser und unterhaltsamer Ort für Familien spielten, geschmälert. Ebenso wie die Angst, mit hohen Geldstrafen belegt zu werden, die im Fall eines Verstoßes gegen die Gesetze der sozialen Distanzierung anfallen können.

Das Leben neu anfangen

Sicherlich ist die Akzeptanz der Gesetze unterschiedlich, denn es gibt Menschen, die diese Situation nicht mehr ertragen können und deshalb die Gesetze der sozialen Distanzierung nicht befolgen, und es gibt diejenigen, die einen Weg finden, das Gesetz zu umgehen. Aber die Familien, die erwischt wurden und hohe Geldstrafen zahlen mussten, haben viele Menschen dazu gebracht, genau nachzudenken, bevor sie versuchen, die Gesetze zu ignorieren.

Heute, mehr als ein Jahr nach dem Beginn der Corona-Krise, scheint es keine wirklichen Anzeichen für einen Durchbruch zu geben, nur wenige Menschen glauben, dass bald ein Licht am Ende des Tunnels zu sehen sein wird, denn für diejenigen, die ihr normales Leben, ihre Arbeit durch das Virus verloren haben, muss in vielen Bereichen das Leben ganz neu anfangen.

Aber sie wissen nicht, wann sie ihre nächste Chance auf einen weiteren Neuanfang haben werden.

Vielleicht weiß es niemand.

Übersetzung: Jasna Zajcek

© SZ/kit
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