Flüchtlinge in der Arktis:Radeln in den Schengenraum

Den Grenzübergang Storskog überqueren Flüchtlinge, die in Norwegen auf Schutz hoffen. Russland gestattet ihnen die Ausreise aber nur auf Rädern - darum boomt der Fahrradhandel im Murmansk.

Von Gunnar Herrmann

5 Bilder

Man pushes a girl across the border from Russia to Norway on a bicycle with flat tyres at the Storskog border station in northern Norway

Quelle: REUTERS

1 / 5

Ein kleines Mädchen auf einem Fahrrad mit platten Reifen wird von einem Mann über die Grenze zwischen Russland und Norwegen geschoben. Es ist eine absurde Szene aus einem Drama, das sich derzeit täglich am norwegischen Grenzübergang Storskog abspielt. Immer mehr Menschen wählen auf ihrer Suche nach einem Weg in den Schengen-Raum die Route durch Russland, die sie bis über den Polarkreis nach Murmansk und schließlich nach Norwegen führt.

Mehr als 1600 Flüchtlinge zählten die Behörden in Storskog bislang für das laufende Jahr, die meisten kamen erst in den vergangenen Monaten - 2014 waren nur 20 Asylbewerber über diese Route nach Norwegen gekommen. Dass die Flüchtlinge, die zum Teil aus den Bürgerkriegsgebieten des Nahen Ostens stammen, den letzten Teil ihrer Reise mit dem Fahrrad zurücklegen, hängt mit den russischen Grenzübertrittsbestimmungen zusammen. Die Fluchtroute am Eismeer hat inzwischen auch zu diplomatischen Verstimmungen zwischen Norwegen und Russland geführt.

-

Quelle: AFP

2 / 5

Stein Kristian Hansen von der Polizei Ostfinnmark betrachtet zwei Fahrräder, die von Flüchtlingen zurückgelassen wurden. Russische Vorschriften verbieten es, die Grenze zu Norwegen zu Fuß zu überqueren. Man muss rollen, um Russland auf legalem Weg zu verlassen. Die Fahrt mit dem Auto ist ebenfalls problematisch - wer Flüchtlinge in seinem Fahrzeug befördert, dem drohen in Norwegen Strafen wegen Schleuserei. Bleibt also das Fahrrad.

Die Flüchtlinge besteigen ihre Räder kurz vor dem Grenzübergang und strampeln dann etwa 200 Meter durchs Niemandsland zwischen dem russischen Borisoglebsk und Storskog - somit ist allen Vorschriften genüge getan. Berichten zufolge hat dieses Vorgehen in nordrussischen Städten wie Murmansk und Nikel - die wegen des eisigen Klimas sonst eher weniger zum Radeln einladen - zu einer enormen Steigerung der Fahrrad-Nachfrage geführt. Klapprige Kinderfahrräder sollen dort für 200 Euro gehandelt werden.

In Norwegen heißt es dann Absteigen: Die russischen Gefährte sind meist von so schlechter Qualität, dass sie wegen der Verkehrsregeln in dem nordischen Land dort gar nicht auf öffentlichen Straßen benutzt werden dürfen.

Used bicycles are seen at the Storskog border station in northern Norway

Quelle: REUTERS

3 / 5

Auf der Rückseite der Grenzstation Storskog werden die Fahrräder der Flüchtlinge gesammelt und fein säuberlich aufgereiht. Da sie den norwegischen Vorschriften nicht genügen und deshalb in Norwegen auch nicht benutzt werden dürfen, wissen sich die Behörden keinen anderen Rat, als die Überbleibsel der Flucht regelmäßig von einem Schrotthändler abholen zu lassen.

Am Grenzübergang kam es schon mehrfach zu Unfällen, weil Flüchtlinge kleine Kinder auf den Fahrrädern mitnahmen oder einfach nicht Fahrradfahren konnten. Norwegische und russische Grenzer haben darum einem Bericht des Senders NRK zufolge vereinbart, dass man in bestimmten Fällen - etwa bei Schwangeren und Kleinkindern - die Vorschriften nicht ganz so eng auslegt und eine Querung zu Fuß gestattet.

Girl carries her suitcase into a temporary reception center at Storskog border station in northern Norway

Quelle: REUTERS

4 / 5

Auf norwegischer Seite versorgen Helfer die Flüchtlinge zunächst in einem Zelt. Für die meisten Asylbewerber geht die Reise dann weiter zur nächstgrößeren Stadt Kirkenes, von wo aus sie mit dem Flugzeug zur Erstaufnahme nach Oslo gebracht werden können. Die norwegische Regierung, der auch die rechtspopulistische Fortschirttspartei angehört, ist besorgt über die Entwicklung.

Girl looks out from a temporary reception centre at Storskog border station in northern Norway

Quelle: REUTERS

5 / 5

Die neue Fluchtroute war bereits Gesprächthema bei einem Treffen zwischen dem norwegischen Außenminister Børge Brende und seinem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow. Norwegen fühlt sich vom Nachbarn ungerecht behandelt, weil Russland die radelnden Flüchtlinge ungehindert passieren lässt. An der Grenze zu Finnland - ebenfalls ein Schengenstaat wie Norwegen - lässt Russland dagegen nur Personen durch, die ein Schengen-Visum vorweisen können.

Finnland hat eine viel längere gemeinsame Grenze mit Russland als Norwegen, dass nur einen einzigen Grenzübergang zum östlichen Nachbarn hat. Brende hat von Lawrow darum eine Erklärung gefordert, "wieso Hunderte Asylsuchende von Russland nach Norwegen über Storskog kommen, während keine Asylsuchenden von Russland nach Finnland kommen". Lawrow habe geantwortet, er wolle sich die Sache mal ansehen.

Norwegens Justizminister Anders Anundsen - er gehört der rechtspopulistischen Fortschrittspartei an - plant unterdessen, den Zuzug mit härteren Asylregeln zu begrenzen. Viele der Flüchtlinge, die in Storskog ankommen, lebten schon seit Jahren in Russland, sagte er in einem Interview mit NRK.

Menschen mit einer gültigen Aufenthaltsgenehmigung für Russland will der Justizminister künftig direkt an der Grenze zurückschicken. Wer allerdings kein Bleiberecht in Russland habe und aus einem Kriegsgebiet geflohen sei, der solle in Norwegen eine "ordentliche Antragsprüfung" bekommen.

© SZ.de/ghe/jana
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB