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Flüchtlinge in Chieming:Der Sepp verteilt antimuslimische Broschüren

Außerdem gibt es zwei Wirtshäuser, den Oberwirt und den Unterwirt. In Letzterem kommen wenige Stunden nach Ankunft der Flüchtlinge die Chieminger zur Bürgerversammlung zusammen. Wegen der Flüchtlinge. Der Festsaal mit seinen 240 Stühlen ist schon vor Beginn der Veranstaltung dicht, die später Gekommenen drängen sich bis in den Zugangsbereich.

Die Bedienungen pflügen mit vollen Tabletts durch den vollen Saal und stellen Weißbier, Spezi und Weißweinschorle auf die Tische. Ein alter Mann, den alle nur "Sepp" nennen, holt antimuslimische Faltblätter aus einer Jutetasche und verteilt sie. Auf dem Beutel prangt das Emblem des rechtsrotierenden Midgard-Vereins.

Flüchtlinge in Chieming

Vorbereitete Betten in der Chieminger Schulturnhalle vor Ankunft der Flüchtlinge

(Foto: Oliver Das Gupta)

Die Luft drückt schwül, die Stimmung ist gedämpft. Im Vorfeld hat sich ein Boulevardmedium erkundigt, ob im schönen Chieming mit Bürgerprotesten gegen die Asylbewerber zu rechnen sei. Was wird nun passieren?

Bürgermeister Benno Graf tritt an ein Holzpult auf der Bühne, an der Wand hinter ihm klebt der Schriftzug "Treu der Heimat". In Grafs Gesicht arbeitet Anspannung, über seinem Schnurrbart liegen die Augen in dunklen Höhlen. Bevor die Flüchtlinge kamen, hatte er von vereinzelten "gewissen Tendenzen" gesprochen, die man "sofort rasieren" müsse. Nun weiß er, dass viel davon abhängt, ob seine Rede zündet.

Also erklärt er erst mal, warum die Flüchtlinge so kurzfristig nach Chieming gebracht wurden. Er sei vom Landratsamt überrascht worden, das sei eine "sehr spontane Geschichte". Man habe etwa den Schutzbelag für den Hallenboden von einem Hotel ausgeliehen.

Fünf Familien seien unter den Flüchtlingen und auch drei unbegleitete Minderjährige. In München seien die meisten schon gesundheitlich untersucht worden, in Chieming habe es noch mal einen Check gegeben. Bis Mitte September sollen die Menschen bleiben, dann sind die Schulferien vorbei.

Nach den blanken Zahlen legt Graf den Hebel um. Er appelliert in einfachen Sätzen. "Die haben mehr Angst vor uns als wir vor denen", sagt er; er spricht von "unserer Aufgabe" sich um diese Leute zu kümmern, davon, dass "die viel durchgemacht haben".

Dass man keine Kleiderspenden brauche, aber dringend Dorfbewohner, die mit Essen ausgeben, den Abwasch erledigen und mit "den Burschen Fußball spielen". Man müsse "die so aufnehmen, wie wir gerne aufgenommen werden wollen". Die Flüchtlinge sollen einen positiven Eindruck von Chieming haben, wenn die fünf Wochen vorbei sind.

Plötzliche Bierzeltstimmung

Grafs Sätze sorgen für Bewegung im Saal. Manche halten die Arme verschränkt, andere tuscheln und nicken. Dann kommt der Bürgermeister auf die Fluchtursachen und die "Verantwortung der Industriestaaten" zu sprechen.

In Herkunftsländern der Chieminger Flüchtlinge werde auch mit deutschen Waffen geschossen und getötet, donnert Graf vom Pult. Deutschland exportiere so viele Waffen wie kaum ein anderes Land. Wenn das so weitergehe, werde das "immer schlimmer", ruft Graf und die Chieminger klatschen in die Hände. Plötzlich herrscht Bierzeltstimmung.

Nun kann das Auditorium fragen und das kann heikel werden, denn es gibt eine offene Rechnung. Graf ist Mitglied der Unabhängigen Wählergemeinschaft (UWG) und löste den CSU-Amtsinhaber nach 24 Jahren durch einen hauchdünnen Wahlsieg ab.

Nun hätten die Christsozialen die Gelegenheit ordentlich gegenzuhalten und Ängste zu kultivieren - ganz so, wie es Parteichef Horst Seehofer derzeit zelebriert. Es passiert: nichts dergleichen.

Flüchtlinge in Chieming

Chiemings Bürgermeister Benno Graf spricht bei der Bürgerversammlung.

(Foto: Oliver Das Gupta)

Es kommen Fragen nach der Gesundheit der Flüchtlinge und möglichen Ansteckungsgefahren. Man möchte wissen, ob die Flüchtlinge einen "Zapfenstreich" haben und wo man sich bei Problemen melden soll. Ein grüner Gemeinderat merkt an, dass man den Asylbewerbern verschiedene Dinge erklären müsse. Etwa, dass keine Gefahr droht, wenn beim Probefeuerwehralarm die Sirenen heulen.

Eine Frau meldet sich und fragt: "Brauchen's Radl?" - sie erntet Lacher und Applaus. Der Bürgermeister erzählt von einem Spaziergang mit seiner Frau am Ufer, als von auswärts Afrikaner an ihm vorbeiradelten und "Servus" riefen. Heiterkeit im Saal, "Bravo" ruft jemand. Und der Bürgermeister sagt: "Mir lerna dene ois."

Eine Frau meldet sich und erzählt davon, dass in Traunstein ein Ausländer angespuckt worden sei. Sie möchte wissen, "wie das mit der Security ist. Für uns und für die Flüchtlinge". Ja, wer schütze eigentlich die Flüchtlinge, fragt noch jemand. "Mir alle", sagt der Bürgermeister.

Dann erhebt sich Senior Sepp, der zuvor die muslimfeindlichen Broschüren ausgelegt hat. 92 ist er und war im Zweiten Weltkrieg Soldat. Nun spricht er von den Amerikanern, die überall in der Welt Krieg führten und so ein großes Land hätten. Dort sollten die Flüchtlinge hin und nicht nach Deutschland. Das Wort "Islam" verwendet er nicht, es fällt kein einziges Mal an diesem Abend.

Dann ist die Veranstaltung vorbei, Dutzende kommen nach vorne, um Zettel auszufüllen, auf denen man Hilfe anbieten kann. Eine elegante ältere Frau sagt, sie könne zwar keine Fremdsprachen, aber die Sprache des Herzens komme wohl rüber. Ein Mann bietet seinen großen alten Fernseher an und fragt, ob man nicht Satellitenschüsseln aufstellen könnte, "damit die Leute die Heimatsender anschauen können".

Flüchtlinge in Chieming

Verkaufswagen von "Eis-Andi" am Seeufer in Chieming.

(Foto: Oliver Das Gupta)

Weltkriegsveteran Sepp geht langsam durch den Saal, er sammelt Broschüren wieder ein, die an mehreren Tischen liegen geblieben sind. An einigen Tischen bleiben manche sitzen, die bei manchen Ausführungen gemurrt haben. Sie sind deutlich in der Minderheit. Die Mehrheit des Dorfes hat sich dazu entschlossen, Ängste zu überwinden zugunsten von Offenheit. Einige Menschen strahlen regelrecht vor Motivation. Die Stimmung ist ins Positive gekippt.

Freundschaften, Missverständnisse, Probleme

In der Turnhalle haben sich die Neu-Chieminger inzwischen eingerichtet und Zuwachs bekommen. Am Dienstag brachte ein Bus nochmals fast 50 Personen, am Mittwoch kommen etwa 40 weitere Asylsuchende.

Georg Hunglinger, der 2. Bürgermeister, läuft in kurzen Hosen durch die Halle und rückt die Stellwände zurecht. Damit die Familien mehr Privatsphäre haben, sagt er.

Nach und nach werden die Flüchtlinge den Ort erkunden, sie werden im Supermarkt anzutreffen sein, im Strandbad und im Biergarten. Es werden freundliche Kontakte entstehen, es wird aber auch Missverständnisse und Probleme geben. Dann wird sich zeigen, ob in Chieming die Stimmung dreht. Oder ob der Ort im Chiemgau ein Musterbeispiel dafür wird, wie traditionell eingestellte Einheimische und Flüchtlinge gut auskommen.

Update 6. August 2015: Inzwischen sind 132 Flüchtlinge in Chieming untergebracht. Lokale Medien berichten, dass einige von ihnen meist in Gruppen im Ort unterwegs seien. Sie "geben sich gegenüber den Einheimischen sehr freundlich", schreibt der Berchtesgadener Anzeiger.

© SZ.de/ghe/mati/cag/pamu

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