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Immun-Schutz:"Mein großer Wunsch: Bitte lassen Sie sich impfen"

"Sie müssen keine Angst haben, dass man keine Kinder mehr haben kann": Amtsarzt Patrick Larscheid.

(Foto: privat)

Der Amtsarzt Patrick Larscheid und das Land Berlin informieren Flüchtlinge mit Podcasts und Videos zu Corona und versuchen, Verschwörungsmythen zu entkräften. Es gibt sie inzwischen in 15 Sprachen, darunter Romanes und Tigrinja. Gehört werden sie längst nicht nur in Deutschland.

Von Nina von Hardenberg, München

Wenn Patrick Larscheid vor die Kamera tritt und über Corona spricht, hängt um seinen Hals ein Stethoskop. Das Abhörgerät ist sein Aushängeschild, für jeden erkennbar. Hier spricht der Arzt, eine Autorität. Das soll Vertrauen schaffen. Gleichzeitig ist der Amtsarzt aus dem Berliner Bezirk Reinickendorf bemüht, gerade nicht als abgehobener Mediziner rüberzukommen, sondern nahbar und verständlich. Mitunter duzt er die Zuhörer. "Es gibt eine Phase, da seid ihr hochansteckend", sagt er in einem Podcast zum Thema Quarantäne. Man kann sich das auf der Internetseite des Berlin Landesamts für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF) anhören - auf Deutsch, aber auch auf Arabisch, Farsi, Kurmandschi, Sorani, Tigrinja, Urdu oder Vietnamesisch, auf Russisch, Türkisch, Englisch und Französisch sowieso.

Im Lockdown durften viele Helfer nicht mehr in die Flüchtlingsunterkünfte

Der Amtsarzt und das LAF in Berlin haben vor 14 Monaten mit als Erste begonnen, Corona-Infos in der Muttersprache von Zugewanderten zu produzieren. In Larscheids Amtsarztbezirk Reinickendorf liegt Berlins große Erstaufnahmeeinrichtung. Es war die Zeit des ersten Lockdowns, als viele Helfer über Nacht nicht mehr in die Flüchtlingsunterkünfte kommen durften und sich dort Angst und Unsicherheit breitmachten.

Die Filme und Podcasts sind eine Low-Budget-Produktion, wie der Pressesprecher des LAF, Sascha Langenbach, erklärt. Schnell entworfen, weil der Arzt und der Sprecher sich kannten und es dem Arzt Spaß machte. Produziert mit der Evangelischen Journalistenschule, gedacht für die 18 500 Bewohner der Berliner Flüchtlingsunterkünfte. Geschaut aber werden sie längst nicht nur dort. Auf Youtube seien die Videos 10 000 Mal angeklickt worden, rechnet Langenbach vor. Auf Twitter 22 000 Mal. Was sie nicht erwartet hatten: Zugriffe kamen auch von außerhalb Deutschlands. Der Arzt hat jetzt Fans in den USA, in England und Russland. Und auch andere Bundesländer nutzen die Videos.

Seit vergangenem Freitag nun impft Berlin die Bewohner der Flüchtlingsunterkünfte. Sie teilen sich oft ein Zimmer, da kann man sich leicht anstecken. Impfschutz ist besonders wichtig. Aber wollen sie überhaupt? Amtsarzt Larscheid soll wieder überzeugen. Seine neuen Impfvideos laufen in Dauerschleife auf einem Monitor im Eingangsbereich der Erstaufnahmeeinrichtung. Bewohner dort dürfen oft nicht arbeiten, sie sind zur Untätigkeit gezwungen.

Nur jeder Fünfte lässt sich impfen

"Wir wissen, dass sie viele Videos anschauen, dann können sie sich auch gleich die richtigen anschauen", sagt Larscheid. Es hängen da auch Plakate, die zum Impfen aufrufen. Die bittere Erkenntnis nach den ersten Tagen aber ist: Bislang ließ sich nur jeder Fünfte impfen, eine "katastrophal schlechte Impfquote", sagt Larscheid.

Er wird also noch besser erklären müssen. Mehr Überzeugungsarbeit leisten, schließlich weiß er, dass er ankämpfen muss gegen berechtigte Vorbehalte; etwa, dass Impfen mitten im Ramadan ungünstig ist, weil der Körper dann vom Fasten geschwächt ist. Und gegen Verschwörungstheorien, die im Netz kursieren. Ein irakischer Arzt warne dort, das Impfen sei nur ein Vorwand, um alle Muslime zu registrieren und auszurotten, erzählt Larscheid. Andere verbreiten, dass Alkohol oder Gelatine im Impfstoff sei oder dass dieser unfruchtbar mache. "Sie müssen keine Angst haben, dass man keine Kinder mehr haben kann", sagt er deshalb im Video - wohlwissend, dass das Thema für viele seiner Zuhörer noch ein Tabu ist. Zum Ende klingt er fast bittend, wenn er sagt: "Mein großer Wunsch: Lassen Sie sich bitte impfen!"

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