Flüchtlinge im Irak:"Wir gehören alle zusammen"

Christliche Flüchtlinge Erbil Irak

Christliche Flüchtlinge in einem Auffanglager nahe Erbil.

(Foto: dpa)

Ihnen droht Versklavung, Folter, Tod: 500 000 Menschen sind im Irak auf der Flucht vor Milizen des selbsternannten "Islamischen Staats". Ein Gespräch mit Medico-Mitarbeiter Martin Glasenapp über unvorstellbares Leid, hilfsbereite Studenten und Plakate, die Mut machen.

Von Felix Hütten

Martin Glasenapp von der Hilfsorganisation medico ist seit einer Woche im Irak, um die Hilfe für Flüchtlinge zu organisieren.

SZ.de: Mitte August waren Zehntausende jesidische Flüchtlinge tagelang im Sindschar-Gebirge eingeschlossen. Viele von ihnen haben sich vor den IS-Milizen in den Nordirak und nach Syrien gerettet. Wie geht es diesen Menschen?

Martin Glasenapp: Sie haben schreckliche Gewalt erlebt, so dass mir allein beim Zuhören die Tränen kommen könnten. Menschen erzählen mir, wie Männer vor den Augen ihrer Familien geköpft wurden. Wie sich Frauen beim Einmarsch der IS-Kämpfer von Häuserdächern in den Tod stürzten, um nicht verschleppt oder versklavt zu werden.

Eine junge Mutter sprach von ihrem "Kätzchen", das sie auf dem Berg von Sindschar zurückgelassen hat. Sie weinte bitterlich. Sie meinte damit ihr Neugeborenes, das sie, nachdem sie es noch einmal gestillt und ihm mit einer Coladose etwas Wasser eingeflößt hatte, offenbar unter einem Stein im Gebirge zurückließ. Die Frau hat noch einen älteren Sohn und entschloss sich, wenigstens ihn zu retten.

Berichten zufolge soll die Lage der Flüchtlinge in den kurdischen Gebieten in Syrien schlechter sein als im Zentralirak.

Ja, die Versorgungslage ist hier viel schlechter als zum Beispiel in Erbil. Es gibt nur wenig Strom und es ist heiß, über 40 Grad im Schatten. Betroffen sind vor allem drei kurdische Siedlungsgebiete in Syrien, die untereinander keine Verbindung haben. Denn dazwischen sitzen IS-Milizen, man muss also immer von der Türkei aus einen sicheren Grenzübergang nutzen. Die Menschen sind hier doppelt eingeschlossen: von Süden aus Zentralsyrien durch die Angriffe der IS-Milizen, von Norden durch eine restriktive Grenzpolitik der Türkei, die den Charakter eines Embargos hat.

Wie bekommen Sie dann die Hilfsgüter in die kurdischen Gebiete?

Bislang haben wir mit den kurdischen Gemeinden auf der türkischen Seite zusammengearbeitet. Dort stellen Ärzte und Apotheker Medikamente bereit. In mühsamen Verhandlungen mit türkischen Grenzbeamten bringen wir die Hilfsgüter dann über die Grenze nach Syrien. Wir würden uns hier mehr Unterstützung der Bundesregierung wünschen, damit die Türkei endlich die Versorgung der kurdischen Kantone mit Medikamenten, Nahrungsmitteln und anderen benötigten Gütern zulässt.

Wie gehen die einheimischen Kurden mit den Flüchtlingen um?

Es gibt eine überwältigende Hilfsbereitschaft der kurdischen Bevölkerung für die Jesiden. Ganze Dörfer kochen für die Bedürftigen, Ärzte versuchen zu helfen und viele Studenten spielen mit den Kindern und überlegen sich Aktivitäten, um die lähmende Situation in den Lagern erträglicher zu machen.

Wir waren die vergangen Tage im Osten des Landes, wohin viele schiitische Kurden, Christen, arabisch-sunnitische Flüchtlinge und auch Jesiden geflohen sind. Es ist beeindruckend, wie hilfbereit die irakischen Kurden in dieser Region die Flüchtlinge aufnehmen. Und das, obwohl sie den arabisch-sunnitischen Flüchtlingen misstrauisch gegenüberstehen könnten - viele Sunniten haben sich den IS-Milizen angeschlossen.

Die IS-Kämpfer verfolgen nicht nur die Menschen, sie haben auch versucht, jesidische Heiligtümer zu zerstören.

Das gibt dem versuchten Genozid eine besondere Note. Es ist der Versuch, die jahrhundertealte Vielfalt und Tradition des Zusammenlebens in dieser Region zu zerstören und die Menschen vollständig zu entwurzeln.

Berichten zufolge soll gerade die Kleinstadt Amerli, 170 Kilometer nördlich von Bagdad, von IS-Kämpfern ausgehungert werden.

Amerli ist extrem bedroht. Seit Monaten ist die Stadt mit ihren etwa 17 000 Einwohnern von IS-Milizen eingeschlossen, es gibt keinen Strom mehr und auch das Wasser und die Nahrungsmittel werden knapp. Hier droht eine ähnliche Katastrophe wie im Sindschar-Gebirge, wenn die Zentralregierung in Bagdad nicht endlich handelt. Denn auch den Einwohnern, meist schiitische Turkmenen, wird nur eine Wahl gelassen: Zum "Islamischen Staat" übertreten - oder sterben.

Was halten Sie von den Plänen der Bundesregierung, kurdische Kämpfer mit Waffen zu beliefern?

Als humanitäre Hilfsorganisation sehen wir die zusätzliche Bewaffnung von Konfliktparteien prinzipiell kritisch. Es wäre schön, wenn wahrgenommen wird, dass es gerade die syrischen Kurden waren, denen es trotz ihrer leichten Bewaffnung gelungen ist, einen Korridor in das Sindschar-Gebirge zu öffnen und Zigtausende Jesiden vor dem Tod zu bewahren.

Die syrischen Kurden stehen wirklich mit dem Rücken zur Wand, wurden aber bislang von der Bundesregierung ignoriert. Dabei kämpfen sie nicht nur seit Jahren gegen den IS, sondern helfen auch Flüchtlingen. Dazu zählen auch viele sunnitische Araber, die den IS-Terror nicht mehr aushalten. Hier in Qamisli an der syrisch-türkischen Grenze sieht man jetzt überall große Plakatflächen, auf denen eine Moschee und eine Kirche abgebildet sind. Darunter steht der Satz: "Wir gehören alle zusammen".

© SZ.de/liv
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