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Flüchtlinge:Die Stimmung in Griechenland droht zu kippen

  • Die Menschen auf der Insel Samos sind berühmt für ihre Gastfreundschaft.
  • Aber weil die Zahl der Geflüchteten auf der Insel stark zunimmt, könnte die Stimmung bald kippen - auf anderen Inseln wie Lesbos soll es bereits zu Gewalt gekommen sein.
  • Freiwillige Helfer gleichen einiges aus, was Behörden den Menschen verwehren.

Auf dem Weg zu seinem Olivenhain hat Giannis Meletiou in letzter Zeit immer eine Tüte voller Croissants im Auto, er weiß, dass die unterwegs gebraucht werden. Er steuert sein Auto, einen kleinen Geländewagen, vorbei am Stacheldrahtzaun des Flüchtlingslagers, das die Regierung "Empfangszentrum" nennt, gleich oberhalb des Zentrums der Inselhauptstadt Samos. Er nimmt den Fuß vom Gas, am Rand der Straße drängen sich Menschen, Zelte, Müllsäcke, Plastikklos.

Aus seinem Autoradio bebt Heavy Metal, "aah, Five Finger Death Punch", sagt er lächelnd, als der nächste Song einsetzt, und dreht ein bisschen lauter. Giannis Meletiou ist 60 Jahre alt, Jurist, leitender Beamter in der Finanzverwaltung. Das Grundstück mit den Olivenbäumen hat er von seinen Eltern geerbt, sie haben sich dort verschanzt, als die Deutschen im November 1943 drei Tage lang die Insel bombardierten. "Es hat sich natürlich alles ein bisschen verändert dort", sagt er. "Vor allem in den letzten Monaten."

Zelte und Müll säumen einen Schotterweg auf Samos.

Er biegt auf einen Schotterweg ein, der steil den Hang hinaufführt, der Wagen hebt und senkt sich durch die Schlaglöcher. Links und rechts drängen sich Zelte, Kochgeschirr, Lehmöfen. Einige Männer und Frauen winken ihm zu, er winkt zurück, "syrische Kurden aus Kobane", sagt er, "sehr gute Leute". Eine Gruppe Kinder kommt zum Auto gelaufen, sie winken und führen die zusammengelegten Finger zum Mund. Er lässt das Fenster herunter und reicht jedem ein Croissant.

Keine hundert Meter weiter stellt er den Wagen ab, schließt das Tor zu seinem Grundstück auf, "ich benutze Schlüssel", sagt er und lacht, "im Gegensatz zu den Flüchtlingen. Die klettern drüber." Seine Katzen warten schon, er füllt ihnen den Fressnapf auf einer kleinen betonierten Anhöhe, "hier stand mein Wassertank", sagt er, "den haben sie einfach mitgenommen."

Auf Lesbos und Chios gibt es mehr Anfeindungen

Er kommt jeden Morgen, um nachzusehen, was sie diesmal abmontiert haben. "Da, die Wasserleitung", sagt er; ein Stück schwarzer Schlauch hängt noch an der Mauer, einen guten Meter lang, an beiden Enden gekappt. "Immerhin, sie haben mir was übriggelassen", sagt er und lacht erneut. Ein stählerner Zaunpfahl: umgebogen, bis zum Boden. Das Ziegeldach eines gemauerten Geräteschuppens: abgetragen. Das Holzhäuschen: weg bis auf die Grundmauern. Einigen der Olivenbäume fehlen dicke Äste, sauber abgesägt.

Die Menschen auf Samos, der Heimat des Mathematikers Pythagoras und des Philosophen Epikur, sind berühmt für ihre Gastfreundschaft. Überall hört man Geschichten von Menschen, die Geflüchteten Decken und Essen gebracht haben, die sich ihre Jacken auszogen, um sie frierenden Kindern um die Schultern zu legen. Doch in jüngster Zeit droht die Stimmung zu kippen. Das staatliche Flüchtlingslager ist offiziell für 648 Menschen ausgelegt, zurzeit befinden sich etwa 7400 Geflüchtete auf der Insel. "Es ist völlig verständlich, dass die Einheimischen frustriert sind", sagt Despina Anagnostou, Koordinatorin des UN-Flüchtlingshilfswerks auf Samos. "Immerhin haben wir hier noch nicht das gesehen, was auf Lesbos und Chios passiert ist. Dass Migranten mit Steinen beworfen oder beschossen werden."

Aber was, wenn sich nun Tausende Menschen zusätzlich auf den Weg hierher machen? Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat am Freitag verkündet, er halte Flüchtlinge auf dem Weg Richtung EU nicht mehr auf. Vier Boote mit 150 Menschen an Bord erreichten Samos bis Sonntagabend. Für die Regierung in Athen ist Erdoğans Schachzug höchst bedrohlich; schon seit Tagen steht die innenpolitische Krise um die Flüchtlingslager vor dem Überkochen.

Auf Lesbos kommt es am Sonntag zu Zwischenfällen. In einer kleinen Bucht hinderten aufgebrachte Einwohner mit einem Schlauchboot eingetroffene Menschen daran, an Land zu gehen. Auch zu Gewalt gegen Journalisten und NGO-Mitarbeitern soll es gekommen sein.

"Kann Frau Merkel nicht welche nach Deutschland holen?"

Eine Anhöhe auf Samos, ein paar Autominuten inseleinwärts von der Hauptstadt. Einige Einheimische aus den benachbarten Dörfern, haben sich um zwei Lagerfeuer versammelt, der peitschende Wind lässt die Holzscheite knacken. Sie haben den Feldweg mit einem Abwasser-Tanklaster der Gemeinde blockiert, und zur Sicherheit haben sie im Abstand von je ein paar Dutzend Metern noch zwei Feuerwehrautos quer auf den Schotterweg gestellt. "Wartet nur ab", sagt einer der Männer, der in rotem Holzfällerhemd auf einer Decke vor dem Lagerfeuer fläzt und den Polizisten mit ihren weißen Helmen nachschaut, die an der Straße auf und ab patrouillieren, "hier spielen sich vielleicht demnächst so ähnliche Szenen ab wie auf Lesbos und Chios."

Samos: Flüchtlinge

Demonstration in der Inselhauptstadt: "Kein Guantanamo auf Samos".

(Foto: Tobias Zick)

Auf den Nachbarinseln hatten Sondereinheiten der Polizei Tränengas auf Demonstranten geschossen, die ebenso wie die Menschen hier dagegen protestierten, dass die Regierung zwangsweise Land enteignet, um neue Flüchtlingslager zu bauen. "Warum soll unsere kleine Insel die ganzen Flüchtlinge aufnehmen?", ruft der Mann im Holzfällerhemd, "kann Frau Merkel nicht welche nach Deutschland holen?"

Premier Kyriakos Mitsotakis hat sich mit seiner rigiden Flüchtlingspolitik immer fester in die Klemme manövriert. Er setzt alles daran zu vermeiden, dass Flüchtlinge aufs Festland kommen, wo ihre Anwesenheit den Unmut der Einheimischen erregen könnte. Er will auf den Inseln geschlossene Lager bauen, wo künftig die Asylanträge der Ankommenden beschleunigt bearbeitet werden sollen. Georgios Dionysiou, Vizebürgermeister von Ost-Samos, steht am Rand einer Demonstration in der Inselhauptstadt; auf einem quer gespannten Banner steht: "Kein Guantanamo auf Samos!"

"Wir fühlen uns hintergangen"

Dionysiou sagt: "Ja, wir haben dem Plan ursprünglich zugestimmt, da hieß es, das neue Lager solle für 1500 Menschen ausgelegt sein. Dann haben wir den Premier im Fernsehen sagen hören, es werde 5000 oder mehr Leute aufnehmen. Wir fühlen uns hintergangen." Man wolle sich nicht der geografischen Realität verwehren, "wir sind hier an der Grenze zur Türkei, natürlich nehmen wir einen Großteil der Menschen auf. Aber muss der Rest Europas uns damit alleinlassen?"

Syrische Kinder auf dem Johannisbrot-Baum auf dem Grundstück von Giannis Meletiou.

(Foto: Tobias Zick)

Giannis Meletiou, oben auf seinem Olivenhain, hört plötzlich ein Rascheln und Knacken vom Rand des Grundstücks: Ein paar Kinder klettern auf einem Baum herum, "what do you want here?", ruft er auf Englisch. "This", sagt einer der Jungen und hält die Schote eines Johannisbrotbaums hoch. Die Kinder aus Syrien lachen und klettern weiter, Giannis Meletiou breitet kopfschüttelnd die Arme aus, "das gibt es doch nicht", sagt er. Und lacht.

Bevor er zur Arbeit fährt, will er noch nach seinem Freund Didier sehen. "Didier", ruft er über den Zaun zum Nachbargrundstück, "wo bist du denn, schläfst du?" Ein junger Mann mit wirr abstehenden Locken schlurft aus dem Haus. Didier Tchakounte, 26, stammt aus Kamerun, ist von dort geflohen, erzählt er, weil ihn eine Rebellengruppe zwingen wollte, sich ihr anzuschließen. Sein Vater verkaufte ein Stück Land, von dem Geld kaufte er sich ein Flugticket nach Istanbul, das türkische Visum für einen Monat bekam er ohne Probleme. Als das abgelaufen war, nahm ihn die Polizei in Istanbul fest.

Nach ein paar Wochen Haft ließen sie ihn gehen. "Sie sagten: Wenn du dorthin willst, wo die anderen Flüchtlinge sind, musst du in diese Richtung. Dann zeigten sie zum Meer." Nach sechs Stunden Fahrt auf einem überfüllten Schlauchboot rettete ihn die griechische Küstenwache. "Jetzt weiß ich nicht, wie es weitergeht", sagt er. Vor ihm auf dem Plastiktisch liegt eine aufgeschlagene Bibel. Seine Eltern und seine beiden kleinen Schwestern, sagt er, versteckten sich derzeit irgendwo im Busch, vor den Kämpfen zwischen Rebellen und Armee.

"Es steht für mich außer Frage, dass wir diesen Leuten helfen"

Didier Tchakounte und Giannis Meletiou

Der Finanzbeamte und Heavy-Metal-Fan Giannis Meletiou lässt den Kameruner Didier Tchakounte auf seinem Grundstück leben.

(Foto: Tobias Zick)

Giannis Meletiou hat ihn vor einigen Wochen draußen auf dem Schotterweg getroffen, zusammen mit einer Gruppe anderer Afrikaner, "sie waren dabei zu beten", erzählt er, "ich habe ihnen gesagt: Ihr könnt hier auf dem Grundstück beten, das ist besser." Das Sommerhäuschen gehört seiner Freundin Maria, sie lebt als pensionierte Ärztin in Deutschland, "sie hat am Telefon gesagt: Natürlich, lass die Leute rein." Maria schickte Geld aus Deutschland, damit Giannis Meletiou eine neue Schiebetür einbauen konnte, ein neues Spülbecken, ein neues Klo. All das hatten andere Flüchtlinge zuvor aus dem Haus geplündert. Jetzt wohnt Didier zusammen mit zwei Freunden aus Kamerun in dem Sommerhaus. "Es steht für mich außer Frage, dass wir diesen Leuten helfen", sagt Meletiou. "Ich könnte sonst nachts nicht schlafen."

Es sind Menschen wie Giannis Meletiou, die mit ihrer Großmut einiges von dem ausgleichen, was die Behörden den Geflüchteten verwehren. Aber wie lange noch? In einem der Zelte am Wegrand wohnt Khaled Abdi, 23 Jahre alt. Er ist mit seiner Familie aus dem kurdisch dominierten Norden Syriens geflüchtet, wo seit Jahren Kämpfe toben: zwischen islamistischen Terroristen, syrischen Regierungstruppen, der türkischen Armee. Nachts, wenn der kalte Wind über Samos weht, machen sie in ihrem Zelt ein kleines Feuer, "wir wissen nicht, wie wir uns sonst warmhalten sollen. Die Kinder husten, ihnen wird schwindlig von dem Rauch." Einer der Jungen schrecke aus dem Schlaf hoch, wenn draußen ein Schakal heult, "er zittert, stottert, nässt sich ein." Der Junge braucht offensichtlich psychologischen Beistand. "Aber im Krankenhaus unten in der Stadt haben sie uns weggeschickt."

Samos: Flüchtlinge

Flüchtlingszelte rings um das Flüchtlingslager Samos mit dem Blick auf die Bucht.

(Foto: Tobias Zick)

Augustin Kitembo, medizinischer Leiter des Teams von "Ärzte ohne Grenzen" auf Samos, bestätigt, dass viele der Geflüchteten schwer traumatisiert sind. "Und die Bedingungen, unter denen sie hier untergebracht sind, wirken zusätzlich traumatisierend." Kitembo stammt aus der Demokratischen Republik Kongo, er hat als Arzt schon in Flüchtlingslagern am Rand afrikanischer Krisengebiete gearbeitet. "Aber das hier hat eine andere Qualität", sagt er mit einem Kopfschütteln.

"Was macht die Regierung jetzt, baut sie wirklich diese geschlossenen Lager?", fragt der Kameruner Didier Tchakounte seinen griechischen Freund und Unterstützer. Der hebt die Schultern. "Wenn ja, ist das schlecht für euch Afrikaner", sagt Giannis Meletiou. "Dann seid ihr die Ersten, denen sie sagen: back to Turkey!"

Er habe nie geplant, in die EU zu kommen, sagt Didier Tchakounte. "Ich dachte, ich könnte in der Türkei bleiben, bis der Krieg in Kamerun vorbei ist, und dann zurückgehen." Sein Traum, sagt er, sei es, eines Tages eine Waisenschule in Kamerun zu eröffnen. Aber als Erstes würde er gern seine beiden kleinen Schwestern in Sicherheit bringen.

© SZ vom 02.03.2020
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