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Aufnahme von Flüchtlingen:Mehr Asyl-Entscheider sind teuer, sparen aber Geld

Alle 26 Sekunden wurde im August ein neuer Flüchtling in Deutschland registriert. Die Zahl überfordert die Verwaltung. Darauf zu hoffen, dass es wieder weniger werden, wäre ein kostspieliger Irrtum.

Täglich, stündlich, minütlich steigt sie, die Zahl, auf die alle starren. Im behördlichen Computersystem mit dem täuschend leichten Namen Easy stand sie am Abend des 31. August bei 413 535. So viele Flüchtlinge wurden seit Jahresbeginn in Deutschland registriert. Allein in diesem August waren es mehr als 104 000. Das heißt: Alle 26 Sekunden verzeichnete Easy einen, meist syrischen, Namen mehr. Und sogar noch schneller ging es seither weiter - bis die Behörden am ersten Septemberwochenende, als die Züge aus dem Osten mehr als 20 000 Menschen ausspuckten, mit der Eingabe gar nicht mehr hinterherkamen.

Diese Menschen, die hier Zuflucht suchen, müssen alle untergebracht, versorgt und, ja, auch verwaltet werden. Das wird kosten. Aber wie viel? Das kann derzeit niemand mit auch nur annähernder Genauigkeit sagen. Es hängt von allzu vielen Unbekannten ab: Werden bis Jahresende noch einmal jeden Monat bis zu 100 000 Flüchtlinge kommen, wie die Bundesregierung prognostiziert hat? Werden es mehr sein? Oder könnten Herbst, Winter und womöglich, wenn auch derzeit kaum wahrscheinlich, gar ein gemeinsames Vorgehen Europas den Zuzug abschwächen? Und wie lange bleiben wie viele Flüchtlinge im Land? Wie viele bleiben, wie viele gehen, wie lange dauern ihre Verfahren?

Sicher ist: Es werden Milliarden Euro sein, und zwar mehr als die drei, mit denen Berlins Regierungskoalition Ländern und Kommunen zu Hilfe eilen will. Allein Nordrhein-Westfalen, das jeden fünften Flüchtling aufnimmt, gibt an, im nächsten Jahr 1,7 Milliarden Euro mehr ausgeben zu müssen als ohnehin geplant. Entsprechend schrill ist die Klage, die Ministerpräsidentin Hannelore Kraft erhebt und mit der sie unterm Strich womöglich auch im Recht ist.

Alle 26 Sekunden wurde ein neuer Flüchtling registriert

Und doch passt diese Beschwerde nicht wirklich in die dramatische Zeit. Denn sie lenkt ab von der eigentlichen Herausforderung, vor der Bund, Länder und Kommunen alle miteinander stehen. Zwar ist es wichtig, die Kosten des Massenzuzugs belastbar zu verteilen. Viel wichtiger ist, diese Kosten, so gut es geht, in den Griff zu bekommen.

Vor allem muss es darum gehen, die Verfahren tatsächlich zu verkürzen. Dieses Versprechen steht zwar in vielen Papieren, doch wird der Berg unbearbeiteter Asylanträge im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge nicht niedriger, sondern höher. Dabei haben in diesem Jahr bereits mehr als 100 000 Ankömmlinge ihren Antrag wegen der Überlastung der Behörde noch nicht einmal abgeben können. Noch verwaltet das Bundesamt dem - zugegeben: in seiner Rasanz kaum erwartbaren - Zuwachs hoffnungslos hinterher und fällt dabei immer weiter zurück.

Auch die Länder kommen ihrem Teil der Verantwortung kaum mehr nach: Ihre Erstaufnahmeeinrichtungen quellen über und schicken die Menschen oft schon nach Tagen weiter in die Städte und Landkreise. Das Ziel, Asylbewerber bis zu sechs Monaten in den zentralen Heimen zu lassen und so die Verfahren zu straffen, erscheint weiter entfernt denn je. Mehr als 100 000 Plätze fehlen, und so werden Bewerber und Akten weiter zwischen Ämtern und Unterkünften hin- und hergekarrt, was die Sache natürlich in die Länge zieht.

Längere Verfahren aber bedeuten höhere Kosten, und sie werden umso höher, je weiter der Staat der Vielzahl der Ankommenden hinterherhinkt. Vor allem schnell muss er jetzt darum handeln. Es braucht noch einmal Hunderte mehr Asyl-Entscheider, es braucht weitaus mehr Kapazitäten in der Erstaufnahme. Und es braucht eine reibungslose Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern. Das ist eine gewaltige, auch teure Aufgabe. Aber darauf zu hoffen, dass die Easy-Zahlen in absehbarer Zeit wieder sinken, wäre ein in jeder Hinsicht noch viel kostspieligerer Irrtum.

© SZ vom 10.09.2015/roso/mane
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