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Flüchtlinge:Der zweite Weg nach Deutschland

Mangelberufe

Eine Liste von Mangelberufen, in denen dringend Fachkräfte gebraucht werden, wird von der Bundesagentur für Arbeit veröffentlicht. Darauf stehen etwa Mechatroniker, Elektriker, Klempner, Anlagenbauer, aber auch viele Gesundheitsberufe, in Kliniken wie in der Altenpflege. Es handelt sich um Ausbildungsberufe. Jeweils zum Lehrbeginn im September melden die Handwerks- sowie die Industrie- und Handelskammern Zehntausende Stellen, die sie nicht besetzen können. Als Grund sehen sie auch den ungebrochenen Trend zum Studieren. Vor zwei Jahren überstieg die Zahl der Anfänger an den Hochschulen erstmals die der Azubi-Verträge. Johann Osel

Der Frust ist absehbar - Menschen aus dem Balkan beantragen Asyl, fast alle werden abgelehnt. Dabei hätte mancher von ihnen gute Berufschancen. Doch kaum einer weiß davon.

Von Stefan Braun und Thomas Öchsner, Berlin

Die aktuelle Entwicklung rund um die nach Deutschland kommenden Flüchtlinge trägt viele traurige Züge. Da sind die fremdenfeindlichen Angriffe, sind die wachsenden Mühen bei der Aufnahme. Besonders schwer haben es die Flüchtlinge aus dem Westbalkan. Aus Serbien, Montenegro, Mazedonien, Bosnien-Herzegowina, Albanien und Kosovo kommen sehr viele Menschen nach Deutschland, im ersten Halbjahr 2015 stellten sie insgesamt 78 000 Asylanträge. Doch nur sehr wenige von ihnen werden als politische Flüchtlinge anerkannt. Seit Monaten liegt die Quote bei unter einem Prozent. Durch den Ansturm dauern ihre Asyl-Verfahren immer noch ziemlich lang - und führen am Ende nur zu Frust und Enttäuschung.

Im Schatten dieser Entwicklung ist weitgehend verborgen geblieben, dass neben dem Asylantrag ein zweiter Weg nach Deutschland existiert, auch noch offiziell unterstützt von der deutschen Regierung: Es ist der Weg über sogenannte Mangelberufe. Dabei geht es nicht um Akademiker wie Ingenieure. Es geht zum Beispiel um Krankenschwestern und Klempner, um Installateure und Elektrotechniker. Mehr als 20 dieser gefragten Berufe hat die Bundesagentur für Arbeit (BA) auf ihrer "Positivliste" bereits verzeichnet. Es gibt hier mehrere Zehntausend offene Stellen, die oft monatelang unbesetzt bleiben.

Gründe dafür gibt es viele: Oft werden in Regionen Auszubildende oder Fachkräfte gesucht, in denen es keine geeigneten Bewerber gibt. "Es ist nicht jeder bereit, von Mecklenburg-Vorpommern nach Bayern zu ziehen", sagt ein Sprecher der Bundesagentur. Viele Jugendliche wollen zudem weiter auf die Schule gehen oder studieren. Außerdem gelten einige Mangelberufe als unattraktiv und schmutzig. Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) hat nun angekündigt, die Positivliste weiter zu öffnen und Mangelberufe auch dann zu erfassen, wenn es nur in bestimmten Regionen Engpässe gibt.

Menschen mit entsprechenden Fähigkeiten werden also dringend gesucht - sie können auch von außerhalb der EU kommen. Wird ihre Ausbildung in Deutschland anerkannt, könnten sie ein Einreisevisum bei der Botschaft in ihrem Heimatland beantragen und so eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten, heißt es bei der BA. Doch bislang haben nur wenige Menschen aus dem Westbalkan diesen Weg nach Deutschland eingeschlagen.

Vielen dürfte diese Chance schlichtweg nicht bekannt sein. Die Bundesagentur für Arbeit ist anders als etwa in Spanien nicht auf dem Westbalkan präsent, auch wenn sie mit den Arbeitsämtern dort bereits zusammenarbeitet. Auch Bundesarbeitsministerin Nahles sieht Defizite: "Wir müssen dort stärker dafür werben, dass es einen anderen Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt gibt als das Asylverfahren", sagt sie. Nahles will deshalb die Gespräche mit den Arbeitsministern der betroffenen Länder forcieren. Ein weiteres Problem sei, dass die Ausbildung und Qualifikation der Flüchtlinge aus dem Westbalkan bislang nicht systematisch überprüft werde.

Immerhin: Entwicklungsminister Gerd Müller hat vor wenigen Monaten in Kosovo ein Informationsbüro eröffnet, geführt von der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit. Der Ansatz der drei Mitarbeiter dort ist bislang einzigartig: Sie informieren Interessierte über den unbekannten zweiten Weg nach Deutschland - sie informieren aber auch über Arbeitsmöglichkeiten in Kosovo, denn auch diese sind vielen jungen Erwachsenen unbekannt, die auf Arbeit in Deutschland hoffen. Auch soll das den Bedenken der Regierung Kosovos entgegenkommen, die nicht ganz zu Unrecht fürchtet, dass gerade gut Ausgebildete ihre Heimat verlassen und die wirtschaftliche Lage dort noch prekärer machen.

Bislang aber haben die Regierungen auf dem Balkan es auch nicht vermocht, diesen Menschen eine echte Alternative zu bieten.

© SZ vom 31.07.2015

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