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Flüchtlinge:Das Bild als welterschließende Kraft

Wahrheiten, wie die, die das Bild des toten syrischen Jungen erzeugt, sind genau deshalb so wichtig. Sie bilden eine Art Urgedächtnis, eine kollektive Erinnerung der Menschheit. Sie sind Warnung, Mahnung, Erkenntnis. Und Hoffnung im Schrecken. Die Bilder drücken eine von denen, die sie gesehen haben, schreckliche und tief empfundene Gewissheit aus.

Gerade weil wir unsere Wahrnehmung auf einen kleinen wahren Kern beschränken, um bei großen Umwälzungen wie der Flüchtlingskrise an der Komplexität nicht zu verzweifeln, brauchen wir diese schreckliche Wahrheit. Sie wird Teil dieses Kerns. Mitleid ist auf unbezweifelbare Sicherheiten angewiesen, oft auch einfache Wahrheiten, die kollektive Rührung hervorrufen. Gerade in einer Situation wie der Flüchtlingskrise, in der universelle Aussagen unmöglich sind, Wahrheit zu einem Prozess wird und oft genug die Mehrheit darüber entscheidet, was als wahr angesehen wird.

Flüchtlinge Was den nächsten Aylan Kurdi retten könnte
Analyse
Flüchtlinge

Was den nächsten Aylan Kurdi retten könnte

Lässt sich das Sterben auf dem Mittelmeer denn gar nicht verhindern? Ansätze, das Problem zumindest zu lindern, gibt es sehr wohl.   Von Ruth Eisenreich

Das ist ein großes Problem. Denn plötzlich scheint für viele die beste Zukunft diejenige zu sein, die ihnen erspart bleibt. Sie sehen nur noch Gefahren, keine Chancen mehr. Die Pegida-Aufmärsche in Dresden und die guten Umfragewerte der AfD sind dafür das im Moment sichtbarste Beispiel. Was nicht sein darf, wird aus dem eigenen Denken ausgesperrt. Falsche Konstruktionen produzieren echte Gefühle. Flüchtlinge werden zur scheinbar unerträglichen Daseinszumutung, die bestenfalls aus dem eigenen Bewusstsein verdrängt, schlimmstenfalls angezündet werden.

Wenn Menschen sich aber in ihren ganz eigenen, von keinen Fakten berührten Kategorien zu verschanzen drohen, dann braucht es etwas, das diese Kategorien durcheinanderzubringen vermag. Die eigene kleine Welt demontiert.

Das Bild von Aylan Kurdi hat diese Kraft. Wie wenig anderes kann es uns glauben lassen, dass es einen Sinn gibt. Einen, der sich kaum mit Worten beschreiben lässt, der sich aber doch zeigen wird. Es ist dies eine welterschließende Kraft, eine weltverändernde Kraft.

Das zeigt auch die angstverfüllte Reaktion derer, die nach nach der Veröffentlichung des Fotos versuchten, den Vater des Jungen mit Verleumdungen zu diskreditieren. "Vater von Aylan Kurdi war Schlepper", titelte ein islamfeindliches Blog. Diese Menschen, mit ihrer zubetonierten Seele, verändern sich nicht durch ein solches Bild. Aber auch sie spüren seine Kraft.

"Nach der ersten Hilfe - wie sich Deutschland durch die Flüchtlinge verändert": Diesem Thema widmen sich namhafte Politiker und Experten am 9. Dezember bei einer gemeinsamen Konferenz der Körber-Stiftung und der Süddeutschen Zeitung in Zusammenarbeit mit dem Norddeutschen Rundfunk in Hamburg. Den Livestream zur Veranstaltung finden Sie auf SZ.de. In unserem Dossier haben wir für Sie besondere Beiträge rund um das Thema "Flucht nach Deutschland" zusammengestellt - hier mehr lesen.