Süddeutsche Zeitung

Leibeigenschaft in Mauretanien:"Als früherer Sklave bist du nichts"

Überall auf der Welt ist Leibeigenschaft verboten, auch im westafrikanischen Mauretanien. Doch tatsächlich lebt in dem Land jeder fünfte Einwohner in Unfreiheit. Weiße Mauren befinden über schwarze Araber, als wären sie eine Sache, auch Kinder müssen arbeiten. Der Aktivist Biram Dah Abeid versucht die Sklaven zu befreien - jetzt droht ihm der Tod durch den Strang.

Auch Jahre nach seiner Flucht senkt Mohammed Abderrahman noch den Blick, wenn er mit einem Weißen spricht. Mal wirkt das gelangweilt, mal unterwürfig, meistens einfach nur schüchtern - so schüchtern ein Mann von 1,85 Metern und 85 Kilo eben wirken kann.

Er überquert den Hof des Asylbewerberheims in Ludwigslust, südlich von Schwerin. Am Zaun hängt ein Schild, Besucher sollen sich beim Wachdienst melden. "Das ist wie ein Gefängnis hier", sagt Abderrahman, doch er lacht dabei. "Bei euch ist man sogar im Gefängnis frei." In seiner Heimat Mauretanien hingegen wird er auch ohne Zäune immer bleiben, was er bis zu seiner Flucht war: ein Sklave.

"Niemand darf in Sklaverei oder Leibeigenschaft gehalten werden", heißt es in Artikel 4 der UN-Menschenrechts-Charta. 1948 wurde sie verkündet, doch erst 2007 schaffte das letzte Land die Sklaverei ab: Da stellte das westafrikanische Land Mauretanien sie unter Strafe. Seither leben wir in einer Welt ohne Sklaverei. Theoretisch. In Wirklichkeit hat sich in Mauretanien nichts geändert. Noch immer werden dort, wo der arabische Maghreb in die Wüste des Sahel übergeht, die einen als Herren geboren und die anderen als Sklaven.

Präsident Mohamed Ould Abdel Aziz, der sich 2008 an die Macht putschte, regiert über drei Millionen Mauretanier wie ein Diktator. Jeder fünfte Bürger der islamischen Republik ist ein Sklave. Wer darüber spricht, riskiert sein Leben. Der Westen schaut zu, für viele Politiker gibt es wichtigere Themen. Die USA brauchen Mauretanien im Kampf gegen al-Qaida. Frankreich und Spanien im Kampf gegen unerwünschte Einwanderer. Sie sollen in der Sahelzone bleiben, nur nicht nach Europa kommen, dafür wird die mauretanische Regierung mit Hilfsgeldern belohnt. Berichte der Sklaven dringen nur selten aus dem abgeschotteten Land nach Europa. Doch wenn, sind es Geschichten wie jene von Mohammed Abderrahman.

Eigentum eines hellhäutigen Arabers

Er trägt einen gestutzten Oberlippenbart, die rechte Wange stürzt nach innen, seit mauretanische Polizisten ihn vor Jahren verprügelten. Er wohnt in einem kahlen Raum, die Wände sind weiß, im Eck steht ein klappriges Bettgestell aus Metall, ein Fernseher. Es läuft "Der Pferdeflüsterer". Zum Deutschlernen, sagt Abderrahman und bietet eine Cola an. Dann eine Fanta, dann ein Radler. Erst als er sich sicher ist, dass sein Gast auch wirklich zufrieden ist, fängt er an zu erzählen.

Er sei als Eigentum eines hellhäutigen Arabers, eines weißen Mauren, geboren, sagt Abderrahman, in der Region Selibaby in Südmauretanien. Wahrscheinlich 1976, genau wisse er das nicht. Die Jahreszahlen fliegen oft durcheinander, wenn er sich erinnert. Während er spricht, streift er seine Badelatschen an und wieder ab, an und wieder ab. Germany steht darauf, Germany, wie das Paradies, das Land ohne Sklaverei.

Aber Abderrahman kann das nicht lesen. Er hat nie eine Schule besucht, das erlaubte sein Besitzer nicht. Auch spielen durfte er nicht, stattdessen musste er seinem Vater auf dem Feld helfen, er pflanzte Hirse und Reis, trieb Ziegen durch die Savanne. "Ich habe meinen Vater immer gefragt, warum wir arbeiten und die weißen Herren nicht." Der Islam verlange Gehorsam, sagte der Vater dann, obwohl er keinen Koran besaß und nicht lesen konnte; also müssten sie arbeiten, auch ohne Lohn - für eine Schüssel Reis und einen Schlafplatz und die Aussicht auf das Paradies.

Mit 13 Jahren lief Abderrahman davon. Er ließ auch seine Familie hinter sich, der Preis der Freiheit. "Die Herren können über uns entscheiden und nie verändert sich etwas. So konnte ich nicht leben."

Er erzählt in langen, leisen Sätzen von seiner Flucht. Als Tagelöhner arbeitete er in Metallfabriken, erst in kleineren Städten, dann in der Hauptstadt Nouakchott; lang blieb er nie. Zu groß war die Angst, dass sein Besitzer ihn finden könnte. Über Libyen floh er darum nach Europa, irgendwann landete er in Ludwigslust. Doch auch das liegt nicht weit genug entfernt, um das Erlebte abzuschütteln. "Ich habe immer Angst, Leute könnten mich wieder wie einen Sklaven behandeln, wenn ich mich zu erkennen gebe", sagt Abderrahman. Geschichten wie seine sind in Mauretanien kein Einzelfall, sondern Alltag.

"Wir reden von echter, traditioneller Sklaverei"

Wer heute über Sklaverei berichtet, meint meist moderne Sklaverei - Sexsklaven, entrechtete Lohnarbeiter und Schuldknechte. In Mauretanien geht es nicht darum. "Wir reden von echter, traditioneller Sklaverei", sagt Gulnara Shahinian, die Sonderberichterstatterin der Vereinten Nationen für Sklaverei. Zweimal ist sie nach Mauretanien gereist, zweimal ist sie entsetzt wieder abgereist. Menschen wie Abderrahman werden unfrei geboren, ihre Besitzer können sie verschenken und verkaufen, ohne deren Zustimmung können sie nicht reisen, nicht arbeiten, nicht heiraten.

Die Sklaverei folgt ethnischer Logik: Weiße Mauren besitzen schwarze arabische Sklaven; sie bleiben straffrei, weil die Sklavenhalter den Staat dirigieren, die Sicherheitsbehörden, die Gerichte, die Moscheen. "Viele Politiker halten sich heute noch ihren persönlichen Sklaven, daher ändert sich nichts", sagt Shahinian.

Sklaverei ist ein Tabuthema in Mauretanien, die einzigen Berichte liefern jene, die geflohen sind. Mbarka Mint Essatim etwa.

Die 23-Jährige lebt in der mauretanischen Hauptstadt Nouakchott, Menschenrechtler haben sie überredet, den Journalisten in Deutschland per Skype von ihrem Schicksal zu erzählen. Ihr Gesicht will sie nicht zeigen, ihren Schleier zieht sie über die Augen. Mit Hilfe eines Übersetzers berichtet sie: Ihr "Meister" habe Ould Bouh geheißen. Reich sei er nicht gewesen, aber er habe ein paar Ziegen besessen und Kamele. Es gab Fleisch und Milch, in der Regenzeit zog sie mit dem Vieh in den Busch, dort lebten der Meister und seine Verwandten mit ihren Sklaven in großen Zelten.

Bei lautem Lachen setzte es Prügel

"Sie weckten mich jeden Morgen, wenn die Bäume noch schwarz waren", sagt Mint Essatim. Ihre Stimme ist kräftig, sie spricht Hassaniya, jene kratzende Sprache, die mauretanische Sklaven mit ihren Besitzern teilen. "Dann musste ich Frühstück machen für die ganze Familie und Tee zubereiten mit warmer Milch. Es war die einzige Stunde am Tag, in der ich sitzen durfte, und wenn ich mich unsichtbar machte, konnte ich ihnen zuhören. Manchmal sagten sie witzige Sachen, aber ich habe schnell gelernt, beim Lachen keine Geräusche zu machen, sonst gab es Prügel."

Ihr Besitzer hatte zwei Söhne und sechs Töchter, manchmal brachte Mint Essatim sie zur Schule, sie waren in ihrem Alter. Warum sie nicht zur Schule darf, fragte sie. "Die Kinder sagten: ,Du bist unser Sklave, Allah hat dich uns gegeben.'" Sie begriff, dass sie für Ould Bouh nur eine Sache war. Als sie neun Jahre alt war, vergewaltigte er sie. Mint Essatim redet davon, als wäre es eine Selbstverständlichkeit.

Drei Jahre später wurde sie schwanger. Später verging sich auch der Sohn ihres Besitzers an ihr, sie bekam eine zweite Tochter. Sie wäre wohl immer noch bei Ould Bouh, hätte sie Mokhtar nicht kennengelernt. Er arbeitete als Fahrer für ihren Besitzer, und er sagte ihr, dass Sklaverei nun verboten sei. Also floh sie. Ihr Meister wagte nicht, sie zum Bleiben zu zwingen, er fürchtete das neue Gesetz. Ihre Töchter aber behielt er bei sich. So oft sie auch bei der Polizei vorsprach, immer weigerten sich die Beamten, ihre Töchter zu holen. Erst mit der Hilfe von Sklavereigegnern konnte Mint Essatim sie befreien. Bestraft wurde Ould Bouh nicht. "Er gehört zum Stamm des Präsidenten, vielleicht hat man ihn darum nie angeklagt", glaubt sie.

Sie lebt heute mit Mokhtar im Slum von Nouakchott. Morgens schickt sie ihre Kinder zur Schule, am liebsten würde sie mitgehen, doch sie ist zu alt. Ihre älteste Tochter bringt ihr jetzt Lesen und Schreiben bei. "Ich schäme mich jeden Tag", sagt sie, "als früherer Sklave bist Du nichts." Der einzige Grund, warum sie sich noch nicht das Leben genommen habe, seien ihre Kinder. Erst vor vier Monaten bekam sie einen Sohn. Sie nannte ihn Biram, nach dem Retter ihrer Töchter, Biram Dah Abeid.

Wie dieser arbeitet, wenn er Sklaven befreit, ist auf einer der seltenen Filmaufnahmen aus Mauretanien zu sehen: Wacklige Bilder zeigen Abeid, wie er mit einem Pick-up in die Wüste fährt. Dort wird eine Sklavin gehalten, so hat es deren Bruder erzählt. Doch als Abeid die junge Frau findet, reagiert sie hysterisch. Sie schlägt um sich, sie sei keine Sklavin, brüllt sie, und dass sie hier bleiben wolle. Abeid hievt sie ins Auto und ihren Sohn gleich mit. Später sagt die Frau, sie habe gezetert, um ihre Besitzerin milde zu stimmen. "Ich hatte Angst um mein Leben."

Frühere Sklaven wie sie bleiben oft erst bei Abeid, so berichten es Menschen, die ihn besucht haben. In seinem Haus in Nouakchott essen sie, erzählen ihre Leidensgeschichte, lernen, in Freiheit zu leben. In Abeids Haus steht auch der alte Computer, von dem aus Mint Essatim berichtet. "Biram ist in Europa, da können wir hier aufatmen", sagt sie, halb scherzend. "Die Polizei kommt dann nicht, um ihn zu suchen."

Doch die Sicherheitskräfte verfolgen genau, was Abeid treibt. Wochenlang war er in Europa unterwegs. Er war bei Amnesty International und der Gesellschaft für bedrohte Völker, und hat um einen Termin bei der EU-Kommission gekämpft.

Abeid führt einen verzweifelten Kampf

Ein Hinterhaus in Berlin-Neukölln, hier will sich Abeid treffen, bei einer Bekannten, die anonym bleiben muss, weil sie beruflich immer wieder nach Mauretanien reist und um ihr Visum fürchtet. Abeids Händedruck ist weich, er nimmt Platz an einem Holztisch im Wohnzimmer, dann legt er los. Er poltert, schimpft, schlägt mit der Faust auf den Tisch. Alle paar Minuten klingelt sein Handy. Abeid redet schnell, Französisch, Arabisch, Hassaniya. Fast immer klingt er ungehalten. Er telefoniert mit Mitstreitern in Paris: Sie haben recherchiert, dass ein Botschaftsmitarbeiter seine Sklavin mit nach Frankreich gebracht hat. Abeid versucht Journalisten dafür zu gewinnen, doch er findet kaum Gehör. Dass seine Regierung nur darauf wartet, ihn für solche Aktionen abzustrafen, weiß er. Es interessiert ihn nicht, behauptet er.

Abeid ist fein rasiert, trägt einen gelben Schal zum blauen Jackett, ein vornehmer Mann. Doch er glaubt nicht mehr, dass er auf vornehmem Weg voran kommt. Abeid führt die zweite Generation mauretanischer Sklavereigegner. Er bezweifelt, dass sich die Sklaverei abschaffen lässt ohne den Umsturz der herrschenden Kaste. Es gibt ein halbes Dutzend Organisationen in Mauretanien, die gegen die Sklaverei kämpfen - so wie einst die Abolitionisten in Nordamerika. Abeid fängt bei der gemäßigten Gruppe SOS Esclaves an, doch die ist ihm zu kompromissbereit. Er hingegen ist radikal, also gründet er eine eigene Sklavenbefreiungsorganisation, die Bewegung für die Wiederbelebung des Abolitionismus (IRA), die bald tausende Anhänger findet, in Mauretanien und Europa.

Im Dezember 2010 schleift Abeid zwei Mädchen zu einer Polizeiwache, neun und 13 Jahre alt, Sklavinnen einer Angestellten der Zentralbank. Die Beamten müssten die Frau festnehmen, fordert er, flankiert von privaten Bodyguards - eine Provokation. Auf der Straße kommen Hunderte Aktivisten zusammen, es ist die erste öffentliche Demonstration in der Geschichte Mauretaniens. Am Ende landet Abeid im Gefängnis. Der Sklavenhalterin geschieht nichts. Vorerst. Sie wird ein paar Wochen später doch verurteilt - allerdings nur wegen der Ausbeutung Minderjähriger, nicht wegen Sklaverei. Seither ist Abeid als Störenfried verhasst und als Rebell verehrt.

Der Präsident verlangt Härte - gegen den Sklavenbefreier

Es ist ein verzweifelter Kampf, den Abeid führt. Die Sklavenhalter reden nur von Adoption, von Hilfe für jene, die sonst hungern müssten; sie reden von Freiwilligkeit und Almosen, die der Islam gebietet. Die Politiker verharmlosen und vertuschen. Zugleich werden Abeids junge Anhänger ungeduldig. Sie sind noch radikaler als er, warnt Abeid. Er kann kaum still sitzen, rennt durch den Raum, redet im Laufen, schlägt auf den Tisch. "Wir brauchen Fortschritt in den nächsten fünf Jahren, sonst explodiert der ethnische Konflikt und es wird ein neues Ruanda geben."

Er selbst kann sich nur um ein paar Dutzend Sklaven kümmern, eine halbe Million bleiben ohne Freiheit, und die Regierung wartet nur darauf, Abeid zum Schweigen zu bringen. Sein Gerede stört das Bild vom idyllischen Wüstenstaat. Vor allem aber bringt es Dinge ins Rollen. Vor einigen Monaten wurde erstmals ein Sklavenhalter verurteilt. Der oberste Gerichtshof hob das Urteil zwar wieder auf, doch in der Zwischenzeit sollen Hunderte Sklaven freigekommen sein. Ihre Besitzer haben sie laufen lassen, aus Angst vor Strafe.

Es ist ein kleiner Sieg für Abeid, doch er könnte dafür büßen müssen. Einen Tag nach seiner Rückkehr aus Europa wird er festgenommen. Ihm wird vorgeworfen, dass er bei einer Demonstration die Schriften islamischer Gelehrter verbrannt habe, in denen sie Sklaverei rechtfertigen. Es wäre eine Aktion typisch für Abeid, doch diesmal könnte er zu weit gegangen sein. Mauretaniens Präsident Aziz hat die Richter bereits ermahnt. Sie sollten "die Scharia in ihrer strengsten Auslegung" anwenden. Abeid droht der Tod durch Erhängen.

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Quelle:
SZ vom 05.05.2012/fran/gba/odg
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