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Leibeigenschaft in Mauretanien:"Wir reden von echter, traditioneller Sklaverei"

Wer heute über Sklaverei berichtet, meint meist moderne Sklaverei - Sexsklaven, entrechtete Lohnarbeiter und Schuldknechte. In Mauretanien geht es nicht darum. "Wir reden von echter, traditioneller Sklaverei", sagt Gulnara Shahinian, die Sonderberichterstatterin der Vereinten Nationen für Sklaverei. Zweimal ist sie nach Mauretanien gereist, zweimal ist sie entsetzt wieder abgereist. Menschen wie Abderrahman werden unfrei geboren, ihre Besitzer können sie verschenken und verkaufen, ohne deren Zustimmung können sie nicht reisen, nicht arbeiten, nicht heiraten.

Yahya Ex-Sklave Paris

Einst Eigentum eines Herren, nun gestrandet in Paris: Geflohener Leibeigener Yahya. Sklaven in Mauretanien müssen schon im Kindesalter harte Arbeit verrichten, oft kommt es zu sexueller Gewalt.

(Foto: Niklas Schenck)

Die Sklaverei folgt ethnischer Logik: Weiße Mauren besitzen schwarze arabische Sklaven; sie bleiben straffrei, weil die Sklavenhalter den Staat dirigieren, die Sicherheitsbehörden, die Gerichte, die Moscheen. "Viele Politiker halten sich heute noch ihren persönlichen Sklaven, daher ändert sich nichts", sagt Shahinian.

Sklaverei ist ein Tabuthema in Mauretanien, die einzigen Berichte liefern jene, die geflohen sind. Mbarka Mint Essatim etwa.

Die 23-Jährige lebt in der mauretanischen Hauptstadt Nouakchott, Menschenrechtler haben sie überredet, den Journalisten in Deutschland per Skype von ihrem Schicksal zu erzählen. Ihr Gesicht will sie nicht zeigen, ihren Schleier zieht sie über die Augen. Mit Hilfe eines Übersetzers berichtet sie: Ihr "Meister" habe Ould Bouh geheißen. Reich sei er nicht gewesen, aber er habe ein paar Ziegen besessen und Kamele. Es gab Fleisch und Milch, in der Regenzeit zog sie mit dem Vieh in den Busch, dort lebten der Meister und seine Verwandten mit ihren Sklaven in großen Zelten.

Bei lautem Lachen setzte es Prügel

"Sie weckten mich jeden Morgen, wenn die Bäume noch schwarz waren", sagt Mint Essatim. Ihre Stimme ist kräftig, sie spricht Hassaniya, jene kratzende Sprache, die mauretanische Sklaven mit ihren Besitzern teilen. "Dann musste ich Frühstück machen für die ganze Familie und Tee zubereiten mit warmer Milch. Es war die einzige Stunde am Tag, in der ich sitzen durfte, und wenn ich mich unsichtbar machte, konnte ich ihnen zuhören. Manchmal sagten sie witzige Sachen, aber ich habe schnell gelernt, beim Lachen keine Geräusche zu machen, sonst gab es Prügel."

Ihr Besitzer hatte zwei Söhne und sechs Töchter, manchmal brachte Mint Essatim sie zur Schule, sie waren in ihrem Alter. Warum sie nicht zur Schule darf, fragte sie. "Die Kinder sagten: ,Du bist unser Sklave, Allah hat dich uns gegeben.'" Sie begriff, dass sie für Ould Bouh nur eine Sache war. Als sie neun Jahre alt war, vergewaltigte er sie. Mint Essatim redet davon, als wäre es eine Selbstverständlichkeit.

Drei Jahre später wurde sie schwanger. Später verging sich auch der Sohn ihres Besitzers an ihr, sie bekam eine zweite Tochter. Sie wäre wohl immer noch bei Ould Bouh, hätte sie Mokhtar nicht kennengelernt. Er arbeitete als Fahrer für ihren Besitzer, und er sagte ihr, dass Sklaverei nun verboten sei. Also floh sie. Ihr Meister wagte nicht, sie zum Bleiben zu zwingen, er fürchtete das neue Gesetz. Ihre Töchter aber behielt er bei sich. So oft sie auch bei der Polizei vorsprach, immer weigerten sich die Beamten, ihre Töchter zu holen. Erst mit der Hilfe von Sklavereigegnern konnte Mint Essatim sie befreien. Bestraft wurde Ould Bouh nicht. "Er gehört zum Stamm des Präsidenten, vielleicht hat man ihn darum nie angeklagt", glaubt sie.

Sie lebt heute mit Mokhtar im Slum von Nouakchott. Morgens schickt sie ihre Kinder zur Schule, am liebsten würde sie mitgehen, doch sie ist zu alt. Ihre älteste Tochter bringt ihr jetzt Lesen und Schreiben bei. "Ich schäme mich jeden Tag", sagt sie, "als früherer Sklave bist Du nichts." Der einzige Grund, warum sie sich noch nicht das Leben genommen habe, seien ihre Kinder. Erst vor vier Monaten bekam sie einen Sohn. Sie nannte ihn Biram, nach dem Retter ihrer Töchter, Biram Dah Abeid.

Wie dieser arbeitet, wenn er Sklaven befreit, ist auf einer der seltenen Filmaufnahmen aus Mauretanien zu sehen: Wacklige Bilder zeigen Abeid, wie er mit einem Pick-up in die Wüste fährt. Dort wird eine Sklavin gehalten, so hat es deren Bruder erzählt. Doch als Abeid die junge Frau findet, reagiert sie hysterisch. Sie schlägt um sich, sie sei keine Sklavin, brüllt sie, und dass sie hier bleiben wolle. Abeid hievt sie ins Auto und ihren Sohn gleich mit. Später sagt die Frau, sie habe gezetert, um ihre Besitzerin milde zu stimmen. "Ich hatte Angst um mein Leben."

Frühere Sklaven wie sie bleiben oft erst bei Abeid, so berichten es Menschen, die ihn besucht haben. In seinem Haus in Nouakchott essen sie, erzählen ihre Leidensgeschichte, lernen, in Freiheit zu leben. In Abeids Haus steht auch der alte Computer, von dem aus Mint Essatim berichtet. "Biram ist in Europa, da können wir hier aufatmen", sagt sie, halb scherzend. "Die Polizei kommt dann nicht, um ihn zu suchen."

Doch die Sicherheitskräfte verfolgen genau, was Abeid treibt. Wochenlang war er in Europa unterwegs. Er war bei Amnesty International und der Gesellschaft für bedrohte Völker, und hat um einen Termin bei der EU-Kommission gekämpft.

Sklaverei in Mauretanien

Der Kampf des Biram Dah Abeid