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Flüchtlinge aus Bhutan:Vertrieben aus dem Land des Glücks

Wahlen im Himalaja-Königreich Bhutan

In Bhutan dürfen Menschen nur mit gültigen Pass bleiben. 100 000 wurden vertrieben.

(Foto: dpa)

In Bhutan, einem winzigen Königreich im Himalaya, steht das Glück der Menschen in der Verfassung. Doch das Land hat eine dunkle Vergangenheit. 100 000 Menschen hat der König vertrieben, noch heute leben Tausende in Lagern in Nepal. Wie ist das passiert? Eine Flüchtlingsgeschichte in Kooperation mit Arte.

Von Felix Hütten

Der Weg zum Glück ist steinig. Deshalb ließen die Könige von Bhutan Straßen asphaltieren in dem kleinen Land am Südhang des Himalaya, zwischen Indien und China. 3000 Kilometer sind es schon. Bhutan will das glücklichste Land der Welt sein, seit 2008 steht das Glück als Ziel offiziell in der Verfassung.

Auf den neuen Straßen liefern Lkw Kühlschränke und Computer. 80 000 Bhutanesen sind heute bei Facebook aktiv, Plastiktüten sind im gesamten Königreich verboten. Im Globalen Friedens-Index belegt Bhutan Platz 16, sogar einen Platz vor Deutschland. Frieden ist Glück und heute ist es friedlich in Bhutan.

Sie hoffen auf ein Leben außerhalb der Lager

Doch das Land, dem das Glück so wichtig ist, hat eine grausame Geschichte. Es ist die Geschichte von 100 000 Flüchtlingen, von Menschen, die Anfang der 1990er Jahre aus ihrer Heimat gewaltsam vertrieben werden. Angeblich, weil sie Illegale sind, angeblich, weil sie das Land überfremden. Eingepfercht in Flüchtlingslagern in Nepal warten noch heute 30 000 Bhutanesen auf ein neues Leben. Sie hoffen auf ein Leben in den USA, in Neuseeland, Dänemark, auf ein Leben außerhalb der Lager.

Die Sendereihe Arte Reportage hat 16 Künstlern die Gelegenheit gegeben, Flüchtlingslager in Nepal, im Irak, im Libanon und im Tschad zu besuchen und das Leben dort aus ihrem ganz persönlichen Blickwinkel zu zeigen - unter anderem geht es dabei auch um die Flüchtlinge aus Bhutan. Jeweils ein Filmemacher, ein Schriftsteller, ein Fotograf und ein Comic-Autor haben gemeinsam mehrere Tage in einem der vier Lager verbracht. Mehr dazu gibt es auf www.arte.tv/fluechtlinge und demnächst auf Süddeutsche.de.

Begonnen hat die Geschichte der Flüchtlinge aus Bhutan im winzigen Nachbarland Sikkim, das es heute gar nicht mehr gibt. Es ist Anfang der 1970er Jahre, als in dem winzigen Königreich von Revolution die Rede ist. Vor allem die nepalesischstämmige Bevölkerung begehrt gegen den König auf, sie fordert mehr politischen Einfluss. 1975 wird Sikkim infolge eines Referendums zum indischen Bundesstaat. Als erste Amtshandlung jagt die Provinzregierung den König ins Exil.

Steine fliegen, Häuser brennen

Es sind nepalesischstämmige Bürger, die den König von Sikkim die Macht kosten. Etwa 200 000 von ihnen leben zur gleichen Zeit in Südbhutan. Das Schicksal des Königs von Sikkim könnte auch das des bhutanischen Königs werden. Deshalb befiehlt er, die Tradition des Nordens im ganzen Land zu leben. Bhutan drohe eine Überfremdung durch nepalesische Einwanderer, heißt es offiziell aus dem Königshaus. Die nepalischstämmigen Südbhutanesen, sogenannte Lhotshampas, müssen traditionelle Kleidung tragen, auch Feldarbeiter bei schwerer körperlicher Arbeit. Studenten bekommen Ärger mit der Polizei, wenn sie in Jeans auf die Straße gehen. Sie protestieren, Steine fliegen, Staatsgebäude brennen, der gegenseitige Hass wächst. Der König will den Einfluss der Südbhutanesen abbauen, sie sind ihm zu gefährlich geworden.

Viele Bhutanesen haben keine offiziellen Dokumente, keinen Pass, die meisten Menschen sind nicht offiziell registriert. Die Straßen sind in den Wäldern des Südens unbefestigt und es wird noch mehr als 20 Jahre dauern, bis Bhutan Fernsehen bekommt.

Anfang der 1990-Jahre kontrollieren Beamte des Königs die Unterlagen der Menschen im Süden. Wer keine Dokumente vorweisen kann, ist kein Bhutanese und muss das Land verlassen. 100 000 Menschen aus Südbhutan landen so in Flüchtlingscamps in Nepal.

Zu kompliziert, zu aufwendig, zu unbedeutend

Die Vereinten Nationen schreiten nicht ein, sie betrachten die Vertreibungen als interne Angelegenheit. Der Konflikt scheint zu kompliziert, zu aufwendig, zu unbedeutend. "Lange Zeit ging man bei den Vereinten Nationen davon aus, dass ein erheblicher Teil der Menschen wieder zurückkehren darf", sagt Manfred Kulessa, ehemaliger UN-Diplomat und erster Honorarkonsul Bhutans in Deutschland. In den 1980er-Jahren koordiniert er die Entwicklungszusammenarbeit der Vereinten Nationen für Asien und verantwortet die UN-Vertretung in Bhutan. "Erst hinterher, als die UN hunderttausend Flüchtlinge versorgen musste, wurde Bhutan zum Thema." Die Vereinten Nationen in New York hoffen, dass der bhutanische König zur Vernunft kommt.

Doch es kommt anders. 2003 besucht eine Delegation der bhutanischen Regierung die Lager. Die Gesandten des Königs verkünden, dass Bhutanesen aus dem Norden nun die Grundstücke der Flüchtlinge bewohnen. Den Menschen in den Camps werden stattdessen Lager in Südbhutan angeboten. Die Flüchtlinge werfen mit Steinen, ein Beamter wird schwer verletzt. Daraufhin schließt die bhutanische Regierung eine Rückkehr der Flüchtlinge nach Bhutan aus.

Die nepalesische Regierung lehnt es ab, die Menschen in Nepal zu integrieren. "Die Vorbehalte der nepalesischen Bevölkerung gegen die Flüchtlinge waren groß", sagt Kulessa, der selbst für die UN in Nepal gearbeitet hat.

Viele Kinder haben nie etwas von Bhutan gesehen

In Nepal sieht man die Menschen als bhutanische Eindringlinge, in Bhutan als nepalesische Illegale. Die Regierung in Nepal verbietet den Flüchtlingen sogar, in den Lagern zu arbeiten. Die Vereinten Nationen und private Hilfsorganisationen kümmern sich um die Verpflegung, Kinder bekommen Schulunterricht, Ärzte sind an Ort und Stelle. Eine Lösung für die Menschen aber gibt es lange Zeit nicht.

Heute ist jeder Dritte Bewohner der Camps dort geboren. Viele Kinder haben nie etwas von Bhutan gesehen. Resignation macht sich breit, die Vereinten Nationen müssen handeln. 2007 beschließt die internationale Gemeinschaft ein sogenanntes Resettlement-Programm: Die meisten Flüchtlinge siedeln in die USA um, nach Neuseeland, Australien, in die Niederlande und Dänemark. 2014 sollen etwa 7000 Menschen eine neue Heimat finden, 100 000 haben die Lager in den vergangenen Jahren bereits verlassen. Der ehemalige UN-Diplomat und Bhutan-Experte Manfred Kulessa schätzt, dass die Lager schon bald geschlossen werden.

Es ist die Hoffnung, die aus ihm spricht. Noch immer leben mehr als 30 000 Menschen in den Camps Beldangi und Sanischare in Nepal.

© SZ.de/fehu/beitz/holz

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