Flucht übers Mittelmeer "Nach fünf Tagen geht die Haut ab"

"Niemand will irgendwo ein Fremder sein. Aber zu einer richtigen Heimat gehört doch auch ein Leben, oder? Eine Arbeit, eine Zukunft, ein Sinn? Das alles hatte ich in Kayes nicht, im Westen Malis, wo du nur einen Job findest, wenn du schon reich bist oder deine Familie für die Regierung arbeitet. Meine Eltern wollten mich nicht gehen lassen, also schlich ich mich heimlich nachts davon.

Geh weg, oder du stirbst

In Kayes nennen sie mich 'Allemand', der Deutsche. Seit ich Oliver Kahn zum ersten Mal im Fernsehen gesehen habe, will ich Deutsch lernen. Als ich zum ersten Mal das Meer sah, wusste ich, dass dieser Weg nur zum Sterben da ist. Dann kam unser Holzboot. Als Letzter stand ich in einer Schlange von ungefähr vierzig Leuten am Strand von Marokko und weinte.

Ich dachte an meine Eltern, die ich zuletzt vor drei Jahren gesehen hatte. So lange hatte ich gebraucht, um zu Fuß durch Mali, Algerien und Marokko zu kommen, bis an diesen verdammten Strand. Jetzt wollte ich nicht mehr einsteigen. Den Schleppern war es egal, dass ich versprach, der Polizei nichts zu sagen - sie zwangen mich auf das Boot. Wie zuhause in Kayes gab es keine Wahl: Geh weg, oder du stirbst. Wir setzten uns in zwei Reihen hintereinander, die Arme vor den Bäuchen verschränkt.

Flüchtlinge Tausend Tragödien an Europas Grenzen
Analyse
Datenprojekt "Migrants' Files"

Tausend Tragödien an Europas Grenzen

Das Jahr 2015 ist noch keine vier Monate alt, und schon wieder sind Tausende Menschen im Mittelmeer gestorben. Das Datenprojekt "Migrants' Files" schlüsselt die Vorfälle auf - und zeigt die Tragödien, die sich an Europas Grenzen abspielen.   Von Dominik Fürst

Nach fünf Tagen löste sich meine Haut unter der sengenden Sonne vom Körper ab. Dann gingen uns der Sprit und das Trinkwasser aus. Zuerst starben die Kinder, dann mein Vordermann, dann meine Hoffnung.

Wir haben doch schon genug Leichen hier!

Die Schlepper sagen: Wenn du ein Boot nach Europa steuern kannst, musst du nichts bezahlen. Also steuern die, die kein Geld haben. Und keine Ahnung. Ein paar Männer schlugen wütend auf unseren Fahrer ein. Er flehte sie an, wir haben doch schon genug Leichen hier. Sie schwammen überall um unser Boot herum, ich sehe sie noch, jede Nacht, wenn ich die Augen schließe.

Drei Nächte später trieb unser Boot mit zwanzig Leuten an die Küste von Gran Canaria. Nach einer Woche fragten sie uns nach unseren Namen und schickten uns nach Barcelona, dann nach Berlin. Dort hörte ich es wieder: Deutsch. Mit mir sprach aber niemand.

Seit fast einem Jahr bin ich in München. Jeden Tag spiele ich Fußball mit den anderen Flüchtlingen. Ich suche aber jemanden, der Deutsch mit mir spricht, damit ich endlich die Sprache lernen kann. Schließlich will ich mehr sagen können als 'Hallo', wenn ich Oliver Kahn hier einmal über den Weg laufe."

Mamadou Sako (Name von der Redaktion geändert)