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Italien:Kriminalisiert mit allen Mitteln

Bootsflüchtlinge im Mittelmeer

"Keiner will in Italien bleiben", sagt Abel Tekle über die Ziele von in Europa ankommenden Flüchtlingen.

(Foto: dpa)

Vor zehn Jahren fliehen sechs Männer vor dem Regime in Eritrea und schaffen es lebend bis nach Sizilien. Dann geraten sie in die Fänge der italienischen Justiz.

"Ein Traumland?", fragt Abel Tekle zurück und schweigt. Deutschland? Schweden? Die Schweiz? Alle schauen ihn erwartungsvoll an, seine fünf Freunde, die kulturelle Vermittlerin, die Universitätsprofessorin, die Aktivistin, alle in diesem kleinen Wohnzimmer in einem römischen Vorstadtviertel. Das Fenster steht offen, es hat gerade geregnet, die Baumkronen auf der anderen Straßenseite dampfen tropisch. Oder Norwegen? Abel Tekle schüttelt den Kopf. "Sie würden mich ohnehin wieder nach Italien zurückschicken." Immer wieder, hin und zurück, wie beim Jo-Jo.

"Manchmal", sagt er dann, "träume ich von einer Rückkehr nach Eritrea." Heim, nach Senafe, eine Stadt im Süden des Landes. Wenn der Diktator mal nicht mehr sei, ja, dann wolle er zurück.

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Abel Tekle, der eigentlich anders heißt, ist 32, ein schmaler, leiser Mann in Shorts und Poloshirt. Beim Reden faltet er die Hände. In seiner Sofaecke steht eine Jesusstatue; es sieht so aus, als sitze Jesus neben ihm. Alles lief schief in der Fluchtgeschichte dieser sechs Eritreer, fürchterlich schief. Sogar ins Gefängnis mussten sie, fast zwei Jahre lang, ausgerechnet in Europa. Die Männer kennen sich, seit sie klein sind. 2009 flohen sie aus ihrer Heimat, von der es heißt, sie sei das "Nordkorea Afrikas". Nach Sudan, von dort nach Libyen, aufs Schiff, rüber nach Syrakus.

Die erste Katastrophe passierte kurz nach der Ankunft. Die italienischen Behörden brachten sie in einen Hotspot und nahmen ihnen Fingerabdrücke ab. "Das war Pech", sagt Abel Tekle. In jenen Jahren winkten die Italiener noch viele Ankömmlinge einfach durch, sie halfen ihnen sogar dabei, dass sie in den Norden kamen: nach Ventimiglia, Chiasso, zum Brenner. Damit sie von dort zu ihren Verwandten und Freunden noch weiter nördlich reisen konnten.

Wegen eines Bustickets muss Abel Tekle 21 Monate ins Gefängnis

"Keiner will in Italien bleiben", sagt Abel Tekle. Italien ist ein Transitland. Wenn die Italiener aber erst einmal die persönlichen Daten erfasst haben, bleibt das Schicksal der Flüchtlinge an dem Land hängen. Die Menschen sind dann "Dublinanten", benannt nach dem Dubliner Asylabkommen. Es sieht vor, dass die Flüchtlinge immer in jenes Land zurückgebracht werden können, in dem sie nach ihrer Ankunft in Europa erstmals registriert worden sind. Jo-Jo eben. Am Status der sechs Eritreer gab es keine Zweifel: Alle wurden als politische Flüchtlinge anerkannt.

Von Syrakus ging es weiter nach Rom, ins Barackenlager von Ponte Mammolo in der Peripherie, ein unwirtlicher Ort für 400 Menschen. Aber da halfen sich die Eritreer untereinander mit kleinen Dingen, mal eine Hose, mal ein Sandwich, ein altes Handy, auch mal ein Busticket nach Mailand. Das war es bei Abel Tekle: ein Ticket nach Mailand. Er hat es einem Cousin aus Senafe gekauft, der ihn um Hilfe gebeten hatte, es wurde ihm zum Verhängnis. Dafür saß er 21 Monate in U-Haft, im römischen Gefängnis Regina Coeli.

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Die zweite Katastrophe der sechs Männer aus Senafe begann 2016. "Am 22. März", sagt Abel Tekle. Er hielt sich gerade in einem Heim der Heilsarmee auf. Die Polizei führte ihn in Handschellen ab. Auf der Wache wurde ihm eine Verfügung vorgelegt, ein Stapel Blätter. Alles auf Italienisch, er beherrschte die Sprache damals noch nicht so gut wie heute. Die Polizisten, sagt Abel Tekle, hätten ihn gezwungen, die Verfügung zu unterschreiben. Eine Stunde später saß er im Gefängnis, in einer Zelle mit zwei anderen Häftlingen. Da sagte er sich, er komme sicher bald wieder frei.

Die Haft brach ihn, zerfraß seine Träume

Eine Übersetzung der Verfügung in seine Muttersprache Tigrinya gab es erst nach zwei Monaten. Es gab sie nur, weil sich in Rom Anwältinnen organisiert hatten, um den Eritreern zu helfen. Eine verteidigte Abel Tekle später im Gericht. Die Staatsanwaltschaft, erzählt sie, habe mit allen Mitteln versucht, die Männer zu kriminalisieren - als Mitglieder einer vermeintlichen "römischen Zelle" einer transnationalen Vereinigung für Menschenhandel. "Unseren Jungs warfen die Ermittler vor, sie seien für die 'terza tratta' zuständig." Für die dritte Etappe also: von Italien ins nördlichere Europa. Als erste Etappe verstanden die Fahnder die Reise von Eritrea nach Libyen, als zweite die Etappe übers Meer, von Libyen nach Italien.

Als Indizien für den Vorwurf brauchten sie Protokolle abgehörter Telefongespräche. Abel Tekle war einer der Abgehörten. "In den Telefonaten wurden nur Banalitäten ausgetauscht, kleine Hilfsleistungen für Landsleute in Not", sagt die Anwältin. Doch das habe die Ermittler nicht gekümmert. Sie übersetzten Begriffe, wie es ihnen passte, zum Beispiel: agaish, das Wort für "Gast" und "Gastfreundschaft" - die Anklage übersetzte es mit "Kunde". So bekamen die Gespräche einen ganz anderen Klang, die Solidarität unter Brüdern wandelte sich in ein Geschäft. Die Staatsanwaltschaft forderte 14 Jahre Haft, ungefähr das Höchstmaß für das Vergehen der "Begünstigung der illegalen Immigration".

Dabei war bald schon klar, dass die Männer aus Senafe nichts mit der Einreise der Menschen nach Italien zu tun gehabt hatten, sie waren auch nicht für die "terza tratta" zuständig, bildeten nicht die "römische Zelle" eines internationalen Schlepperrings. Das Gericht kam dann auch noch zu dem Schluss, dass ihre Hilfe keinen lukrativen Hintergrund hatte, in keinem Fall. Das ganze Kartenhaus der Anklage, es war in sich zusammengefallen.

"Die Richter hätten die 'ragazzi' freisprechen müssen", sagt Abel Tekles Anwältin. "Alle." Doch sie hätten den Mut nicht gehabt dazu, denn hätten sie sie ganz freigesprochen, wären nun Entschädigungszahlungen fällig. Für 21 Monate Haft.

Die Polizei nahm den falschen Mann fest und feierte das wie einen großen Triumph

Abel Tekle wurde zu zwei Jahren und drei Monaten Haft verurteilt: für "andere Akte", wie es im Einwanderungsgesetz aus dem Jahr 1998 steht. Obwohl sich dieser vage Paragraf zu "anderen Akten" ausdrücklich auf eine Hilfe bei der Einreise bezieht. Sie sind jetzt in Berufung gegangen, das Verfahren läuft. "Diese Männer", sagt die Anwältin, "sind wie Kriminelle behandelt worden, wie Mafiosi." Und nicht nur sie.

In Palermo saß ein Eritreer drei Jahre in Haft, weil ihn die Ermittler aus drei Ländern, aus Sudan, Italien und Großbritannien, für "The General" hielten, für Mered Medhanie, den großen Menschenhändler. Mered Medhanie soll auch jenes Schiff auf die Reise geschickt haben, das am 3. Oktober 2013 vor Lampedusa 366 Menschen in den Tod riss. Es war ein Wendepunkt in der Wahrnehmung der Migration im zentralen Mittelmeer. Papst Franziskus kam auf die Insel, um von dort allen ins Gewissen zu reden. In Europa hieß es damals: "Nie wieder!" Bald begann Mare Nostrum, die große Rettungskampagne der Italiener - und die Jagd nach dem "General".

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Als sie dann den falschen Mann in Khartum festnahmen und nach Palermo flogen, wurde das wie ein Triumph begangen, als wäre ein fataler Schlag gegen die Schleuser gelungen. Dabei gab es nur eine vage äußerliche Ähnlichkeit und eine halbe Übereinstimmung beim Namen. Alle frühen Anzeichen und Zeugenaussagen sprachen dafür, dass der junge Mann im Gefängnis in Wahrheit Medhanie Tesfamariam Berhe war, ein Schreiner, 34 Jahre, und eben nicht Mered Medhanie. Die Gentests waren klar, drei wurden gemacht. Und die frühere Lebensgefährtin des "Generals" ließ ausrichten, dass es da eine Verwechslung gebe.

Drei volle Jahre, dann ließen sie ihn frei. Doch auch Medhanie Tesfamariam Berhe kam nicht mit einem Freispruch davon, irgendetwas will das Gericht dann doch als Begünstigung zur illegalen Einwanderung wahrgenommen haben, etwas Leichtes: drei Jahre. Er hat sie schon verbüßt. Der "General" lebt unterdessen in Uganda, offenbar ziemlich feudal.

Abel Tekle sagt, anderen zu helfen, sei in seiner Kultur Pflicht. Dem Cousin, dem Nachbarn des Neffen, dem Freund der Tante. Und wer mal durch die Wüste geflohen sei, in libyschen Lagern ausgeharrt und im zentralen Mittelmeer sein Leben riskiert habe, der wisse, was das heiße, wie man sich dann fühle. Ob er es nicht doch bereue, geholfen zu haben, nach allem, was ihm widerfahren sei, den zwei Jahren Haft. "Nein, ich würde es wieder tun", sagt er. "Nur würde ich nicht mehr am Telefon darüber reden."

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