Italien:Der Deutsche, der Bürgermeister von Florenz werden will

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Er fordert die Linke heraus: Eike Schmidt. (Foto: IMAGO/ABACAPRESS)

Am Wochenende wählt die toskanische Metropole den Bürgermeister. Der frühere Direktor der Uffizien, Eike Schmidt, möchte den Job unbedingt haben. Hinter ihm stehen die rechten Parteien.

Von Marc Beise

Am kommenden Samstag und Sonntag wird gewählt in Italien – das Europaparlament und auch in vielen Kommunen das Stadtparlament und der Bürgermeister. Die international höchste Aufmerksamkeit hat dabei die toskanische Kulturmetropole Florenz, wo Eike Schmidt, 56, kandidiert. Er ist mittlerweile Museumsdirektor in Neapel, ein Spitzenposten – aber Florenz ist seine Wahlheimat, hier hat er acht Jahre lang erfolgreich die Uffizien geleitet, das weltberühmte Museum mit seinem einzigartigen Schatz an Werken Raffaels, Botticellis und Caravaggios.

Als der promovierte Kunsthistoriker Anfang des Jahres beschloss, in die Kommunalpolitik einzusteigen, rechnete er sich selbst kaum Chancen aus gegen langjährige Matadore. Mittlerweile, sagt er im Gespräch mit der SZ, habe sich das geändert. Nach letzten Umfragen kann er mit mehr als 30 Prozent der Stimmen rechnen und damit, als einer von zwei Kandidaten in die Stichwahl zwei Wochen später kommen. Der Deutsche, der Florenz regiert: Das wäre ein Hingucker, obwohl Schmidt dank seiner italienischen Ehefrau, der Kunsthistorikerin Roberta Bartoli, auch die italienische Staatsangehörigkeit besitzt.

Schon das Erreichen der Stichwahl wäre ein bemerkenswerter Erfolg, weil Schmidt zwar ein unabhängiger Kandidat mit eigener Bürgerliste ist, aber von den drei rechten Parteien unterstützt wird, die in Rom unter Giorgia Meloni das Land regieren: den aus dem Postfaschismus kommenden Fratelli d’Italia der Ministerpräsidentin, der alten Berlusconi-Partei Forza Italia und der rechtspopulistischen Lega des Matteo Salvini. Und die haben allesamt normalerweise nicht viel zu sagen in Florenz.

Der scheidende Bürgermeister Dario Nardella ist Sozialdemokrat, wie sich das in der traditionell roten Toskana gehört, und Schmidt in herzlicher Abneigung verbunden: Man mag sich einfach nicht. Nardella war über manchen Alleingang des Museumsdirektors erzürnt, Schmidt wiederum leidet daran, wie die 360 000-Einwohner-Stadt seiner Ansicht nach unter Nardella immer voller, immer verwahrloster und immer gefährlicher geworden sei.

Nun muss der Bürgermeister nach zwei Amtszeiten abtreten, aber seine Partei konnte sich nicht auf eine Nachfolge einigen. Stattdessen treten sage und schreibe drei Sozialdemokratinnen gegeneinander und gegen Schmidt an, der unter zehn Bewerbern der einzige ernsthafte Kandidat des anderen Lagers ist. Dass Schmidt, der einst von einem linken Kulturminister in Rom berufen worden ist und mit diesem bestens zusammengearbeitet hat, jetzt für die extremen Rechten antritt, hat viele überrascht; es hat ihn auch viele Sympathien gekostet.

Er selbst fühlt sich unter Wert behandelt und spricht von einem „Mitte rechts“-Bündnis, das ihn stütze: alles akzeptable Parteien für ihn, auch Giorgia Melonis Fratelli d’Italia seien entgegen der Einschätzung insbesondere ausländischer Beobachter längst nicht mehr postfaschistisch. Im Übrigen, sagt er, hätten die drei Parteien ihm im Wahlkampf große Freiheiten gelassen. Das Programm trage seine Handschrift, und alle hätten es anstandslos unterschrieben.

Schmidts Expertise sind die Kultur und der Tourismus, und seine Erfahrungen dort will er in die Politik einbringen. Als Themen nennt er – in dieser Reihenfolge – Sicherheit, Verkehr, Ökologie, Soziales. Namentlich will er den Tourismus bändigen, zu dem er ja selbst beigetragen hat, indem er die Uffizien entstaubt, die Zahl der Besucher auf mehr als fünf Millionen im Jahr getrieben und den Umsatz verdoppelt hat. Aber ohne dass darunter die Atmosphäre im Haus gelitten habe, darauf legt er Wert, es verteile sich alles dank geschickter Organisation und gutem Marketing besser als früher. Das ist seine Botschaft: Man könne auch die Stadt wieder attraktiver machen, ohne die Touristen auszusperren – wenn man nur wolle. Und er will, ganz entschieden.

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