Fischsterben in der Oder:Keiner will es gewesen sein

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Fischsterben in der Oder: Noch immer werden täglich mehrere Tonnen tote Fische aus der Oder gezogen. Diese Aufnahme stammt aus der polnischen Woiwodschaft Westpommern.

Noch immer werden täglich mehrere Tonnen tote Fische aus der Oder gezogen. Diese Aufnahme stammt aus der polnischen Woiwodschaft Westpommern.

(Foto: Lisi Niesner/Reuters)

Die Vergiftung der Oder ist menschengemacht, da sind sich Forscher nun sicher. Die giftige Alge konnte erst durch massive Salzeinträge so gut wachsen. Es wird klarer: Bergwerke in Polen spielen eine große Rolle. Aber verantwortlich fühlt sich niemand.

Von Viktoria Großmann

Die gute Nachricht in allem Rätselraten um das Fischsterben in der Oder kommt am Freitag aus Ueckermünde: "Es gibt keine toten Fische im Stettiner Haff", sagt Till Backhaus (SPD) auf einer Pressekonferenz mit Nachdruck. Der Umweltminister von Mecklenburg-Vorpommern stellt Ergebnisse von Wasseruntersuchungen auf der deutschen Seite des Haffs vor: "Sie zeigen keine Auffälligkeiten", sagt Backhaus. Die Proben von drei Tagen seien auf 211 organische Schadstoffverbindungen, 20 Metall- und Schwermetallrichtungen und zehn Nährstoffverbindungen untersucht worden. Ein Badeverbot für das Stettiner Haff bestehe keineswegs, lediglich eine Warnung werde aufrechterhalten.

Anders sieht das am Flusslauf der Oder und auch an Zuflüssen auf polnischer Seite aus. Noch immer werden etwa in der Woiwodschaft Lubuskie täglich tonnenweise Fischkadaver aus dem Fluss gezogen - im Wesentlichen von Mitgliedern des polnischen Anglerverbandes und anderen Freiwilligen.

Und: "Experten fürchten nun die sogenannte Sekundärvergiftung", sagt Elżbieta Anna Polak, Marschallin der Woiwodschaft Lubuskie, im Gespräch mit der SZ. Einige tote Tiere sinken bereits zum Boden des Flusses ab, die Kadaver könnten weiteren Schaden anrichten.

Deutsche Forscher sagen, das sei "ein menschengemachtes Problem"

Vermutungen deutscher Forscher, die Algenart Prymnesium parvum könne für die Vergiftung der Wassertiere verantwortlich sein, bestätigen sich nun. Die auch Goldalge genannte Pflanze hatte offenbar in den vergangenen Wochen ideale Bedingungen, um sich in der Oder auszubreiten: Der Fluss hat eine Wassertemperatur von 25 bis 27 Grad Celsius, zudem ist der Salzgehalt auch jetzt noch vor allem im Bereich des Gliwice- und des Kędzierzyński-Kanals, die zur Oder fließen, stark erhöht. Die Alge kann ein Gift bilden, das Fische und kleinere Lebewesen wie Muscheln und Schnecken töten. Dieses Gift wurde nun in Pflanzen, die auf deutscher Seite gesammelt worden waren, nachgewiesen, das teilte das Leibniz-Institut für Gewässerökologie (IGB) am Freitag mit.

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(Foto: SZ-Grafik)

Eine natürliche Ursache für die massenhafte Ausbreitung der Algenart schließen die Forscher vom IGB aus, dafür sei die Pflanze "auf Salzgehalte angewiesen, die nur durch industrielle Einleitungen entstehen können". Zudem wurde in Wasserproben ein Pestizid nachgewiesen, teilt das Umweltministerium Brandenburg mit. "Die Werte übersteigen die Höchstgrenze der Umweltqualitätsnorm", hieß es dazu und man müsse davon ausgehen, dass die Pestizidanteile im oberen Flusslauf in "höheren Konzentrationen vorhanden waren".

Während Minister Backhaus überzeugt ist, dass es eine Einleitung bestimmter Stoffe in die Oder gegeben habe, erklärt die polnische Umweltministerin Anna Moskwa, dass bei Kontrollen der legalen Einleitungen in die Oder keine Unregelmäßigkeiten aufgedeckt worden seien.

So leitet etwa das Kupferbergwerk KGHM bei Głogów regelmäßig salzhaltige Abwässer in die Oder - mit Genehmigung. Eine Verantwortung weist das Unternehmen allerdings von sich. Tatsächlich hat das Fischsterben mehr als 100 Kilometer entfernt von Głogów begonnen. Im Juli habe man deutlich weniger Abwasser als sonst in die Oder geleitet, seit dem 10. August gar nichts mehr, erklärt KGHM. Auch am Gliwicer Kanal, wo bereits Ende März tonnenweise Fische starben, gibt es Minen, die regelmäßig Salzwasser in die Flüsse leiten. Schon andere Industrieunternehmen, etwa eine Papierfabrik und ein Rüstungsbetrieb hatten jegliche Verantwortung bestritten.

Marschallin Polak beklagt eine weiterhin schleppende Informationspolitik von Seiten der Regierung in Warschau. Sie hat einen Antrag auf Ausrufung des "Naturkatastrophenzustandes" gestellt. Das würde helfen, Mittel zur Entschädigung von Unternehmern und Landwirten sowie zur Renaturierung zu bekommen, erklärt Polak. Sie hat, so sagt sie, "bis heute keine Antwort auf diesen Antrag".

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