Michelle Obama in Deutschland:Gesundheitsberaterin der Nation

Lesezeit: 4 min

Michelle Obama hat sich ganz offensichtlich für einen Kompromiss entschieden und fährt recht gut damit. Gut sichtbar war das bei der Gesundheitsreform, bei der Präsident Barack Obama nach Bill Clintons Scheitern einen neuen Anlauf wagte. Seine Frau war hier nicht außen vor - doch auch weit davon entfernt, direkt Einfluss auf das Gesetz zu nehmen. Stattdessen warb Michelle Obama öffentlich für die Vorzüge von Obamacare, ehrte die Vorstellung eines Zuschussprogramms für Kliniken mit ihrer Anwesenheit und forderte strengere Standards für Schulspeisung und mehr Initiativen gegen Fettleibigkeit.

Michelle Obama Visits Ramstein Air Force Bace

Auf dem Luftwaffenstützpunkt Ramstein serviert Michelle Obama den US-Soldaten Steaks.

(Foto: Getty Images)

Gleichzeitig - und das Timing war hier bestimmt kein Zufall - besuchte die First Lady Armenküchen, baute Gemüse im Garten des Weißen Hauses an und versuchte Schulkinder zu mehr Sport zu animieren. All das natürlich mit der Presse im Schlepptau. Auf diese Weise überließ sie den Kampf mit Paragraphen der Regierung und besetzte das Thema Gesundheit trotzdem. Die schlanke, sportliche Michelle Obama eignet sich auch hervorragend für eine Kampagne für gesündere Ernährung, mehr Bewegung, ein gesünderes Leben.

Ein kleines bisschen Kritik

Diese Schwerpunktsetzung hat dennoch viele verblüfft. Vor der Wahl war eher erwartet worden, dass sich Michelle Obama als erste afroamerikanische Frau im Weißen Haus, als Mutter von zwei Kindern und als Karrierefrau den Themen Rassismus, Gleichberechtigung und Vereinbarkeit von Beruf und Familie annimmt. Von solch sensiblem Terrain hielt sich die neue First Lady aber bislang auffällig fern, was ihr trotz ihrer ansonsten immensen Beliebtheit ein kleines bisschen Kritik einbringt. Connie Schultz, selbst erklärte Feministin und Journalistin, schrieb in der New York Times, sie würde gerne mehr von Michelle Obama über Politik hören. "I want to celebrate her brain", sagte Schultz, in etwa: Ich möchte feiern, dass sie so klug ist.

Die amerikanische Öffentlichkeit scheint es jedoch gut zu finden, so wenig Politisches von Michelle Obama zu hören und vergilt ihr die Zurückhaltung mit Beliebtheit: Einer Gallup-Umfrage zufolge mögen mehr als zwei Drittel aller Amerikaner ihre derzeitige First Lady.

Dass die 46-Jährige überhaupt keinen Einfluss auf die Politik ihres Mannes hat, scheint außerdem extrem unwahrscheinlich. Politikwissenschaftler in den USA unterscheiden bei der First Lady den politischen Einfluss (Reden schreiben, Personen für Posten vorschlagen und so weiter), den öffentlichen Einfluss (Reden halten, Interviews geben et cetera) - und Pillow Influence, zu Deutsch: den Kissen-Einfluss. Damit sind der gute Rat am Frühstückstisch und die ehrliche Meinung vor dem Schlafengehen gemeint. Niemand, der eine Partnerschaft hat, wird bestreiten, dass so auch Macht ausgeübt wird.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema