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Finanzkrisen in den USA und der EU:Mein Feuer, dein Feuer

Obama ermahnt Europa, Europa ermahnt Obama: Europäer und Amerikaner bezichtigen sich gegenseitig, mit ihrer Politik die Weltwirtschaft zu gefährden. Dabei ähneln sich ihre Probleme bis ins Detail. Schuldzuweisungen lösen das Problem nicht - das doppelte Systemversagen im Westen produziert dafür einen lachenden Dritten.

Man stelle sich vor: Es brennt, gleich zweimal sogar. Daheim haben die Gardinen Feuer gefangen, und nebenan im Reihenhaus lodern ebenfalls Flammen hinterm Fenster. Was tun? Löschen, schnell löschen! Statt gaffend auf die Feuerwehr zu warten, bekämpft man die Brunst im eigenen Heim. Danach wird dem Nachbarn geholfen. So, nur so lässt sich die ganze Siedlung vor dem Flächenbrand retten. Jeder erstickt zuerst das Feuer im eigenen Haus.

Dow Drops Below 11,000 On European Debt Crisis News

Die Unsicherheiten über die europäische Schuldenkrise übertragen sich auf den Handel an der amerikanischen Wall Street.

(Foto: AFP)

Nur leider: In der Politik, zumal in ihrer ganz großen Variante, regiert diese Einsicht nicht. Da stehen Europäer und Amerikaner vor ihren brennenden Hütten - und zeigen mit dem Finger auf das Feuer gegenüber. Seit Monaten geben sich die Europäer (zu Recht) entsetzt über Washington, wo Republikaner und Demokraten sich zerzanken, ihr Land an den Rand eines Staatsbankrotts führen und eine globale Finanzkrise riskieren. Umgekehrt hat Barack Obama nun die Alte Welt ermahnt, sie solle ihre Euro-Krise schnellstens überwinden, weil deren Erschütterungen die Weltwirtschaft gefährdeten. Stimmt!

Nur, dieses transatlantische Schwarze-Peter-Spiel um Schuld und Verschuldung nützt niemandem. Es ist billig, das jeweils andere Ufer mit klugem Rat zu überfluten. Taten daheim zählten mehr. Europa hangelt sich von einem Krisengipfel zum nächsten, beschließt Milliardenpakete und drückt sich vor dem Tabubruch - der ersatzlosen Streichung längst verfaulter Altschulden. Derweil hat Barack Obama viel zu lange gezaudert, sich der Überschuldung Amerikas zu stellen. Die Republikaner haben ihm das Thema aufgezwungen - und verweigern sich nun stur der Erkenntnis, dass zur Sanierung ihrer Nation die reichen Bürger mehr Steuern zahlen müssen.

Der lachende Dritte

Europas und Amerikas Krise ähneln sich also aufs Haar: Es gibt Lösungen, nur sind sie, politisch wie finanziell, so teuer, dass niemand den Preis zu zahlen bereit ist. Dieses doppelte Systemversagen im Westen produziert einen lachenden Dritten. Da sind sie wieder, die Kräfte, die eh gern die Mär verbreiten, zu viel Demokratie untergrabe den Wohlstand: Die Autokraten in Moskau oder Peking sehen belustigt, wie Washington und Brüssel den Leumund ruinieren.

Singapurs Ex-Diplomat Kishore Mahbubani, der als vermeintliche Stimme Asiens dem Westen schon lange den Niedergang prophezeit, hat einen üblen Vergleich gewagt. Es ergebe Sinn, wenn jetzt gleichzeitig despotische Widerlinge wie Muammar al-Gaddafi wie auch die Volksherrschaften in Europa und den USA ins Wanken gerieten. "Diktatoren stürzen. Demokratien stürzen. Ein merkwürdiger Zufall?", fragt Mahbubani und gibt die bitterböse Antwort: Nein, sie alle lügen. Wie Gaddafi würden Merkel, Sarkozy und Obama ihre Bürger betrügen, ihnen die harte Wahrheit verschweigen und nötige Reformen verweigern.

Der Mann sagt nur, was auf dem Spiel steht. Europa und Amerika müssen handeln. Jeder bei sich - und füreinander.