Finanzkrise in Griechenland Strompiraten von Athen

Tausenden Griechen ist der Strom abgestellt worden, weil sie ihn nicht mehr bezahlen können. Landesweit sind Rechnungen in Höhe von mehr als einer Milliarde Euro offen. Aktivisten schließen nun wenigstens die Ärmsten der Armen wieder an die Leitung an - obwohl sie sich damit strafbar machen.

Von Christiane Schlötzer, Athen

Im Laden der Griechin Vassiliki müssen die Kunden im Dunkeln tappen. Der Strom ist weg. Nicht für ein paar Stunden. Schon seit sechs Monaten erleuchtet nur Kerzenlicht die Regale mit Waschmitteln, Nudeln und Glühbirnen. Den Kunden erzählt Vassiliki immer wieder, dass irgendwas an der Leitung kaputt sein müsse. Sie schämt sich zu sagen, was der wahre Grund der Dunkelheit ist, weshalb sie auch ihren Nachnamen nicht verraten mag: Die Ladenbesitzerin kann die Stromrechnungen nicht mehr bezahlen.

So geht es Tausenden Griechen. "Das Schlimmste, was ich gesehen habe", sagt Theodoros Marinelis, "das war eine Mutter, die erleben musste, dass ihr Kind von der Schule nach Hause geschickt wurde, weil es stank." Marinelis hat dafür gesorgt, dass die Frau wieder warmes Wasser zu Hause hat, um ihr Kind zu baden. Er hat die gekappte Stromleitung wieder verbunden. Illegal. Theodoros Marinelis, 43, ist kein Elektriker. Der Grieche betreibt in Athen eine Druckerei, und er ist Aktivist. Er gehört zur "Bewegung der Bürger gegen die Stromabsperrungen". 3500 Anschlüsse hätten sie allein in Athen schon wieder verbunden, viele mehr im ganzen Land, so sagen die griechischen Strompiraten.

Bei Vassiliki würde Marinelis nun auch gern tätig werden. Mit einer Taschenlampe sucht er den Stromzähler. Aber diesmal hat die halbstaatliche Stromgesellschaft DEI ganze Arbeit geleistet. Bei der Ladenbesitzerin wurde nicht zum ersten Mal die Leitung gekappt, nun lässt sie sich nicht so leicht wieder verbinden. Die Manipulation an den Zählern ist gefährlich. "Wir haben das gelernt", sagt Marinelis. "Ich weiß, was wir tun, ist politisch nicht korrekt", sagt er, "aber wir finden, es ist sozial fair."

Unübersehbares Elend

Die Stromgesellschaft, die in Griechenland quasi ein Monopol hat, nennt die aktuelle Zahl der gesperrten Kunden nicht, aber die Dimension des Problems lässt sich auch an den bei DEI aufgelaufenen Schulden ablesen. Ende Juli 2013 betrug die Summe der unbezahlten Stromrechnungen 1,3 Milliarden Euro. Ende Mai waren es noch 100.000 Euro weniger, wie die Zeitung Kathimerini berichtete.

Eine offizielle Zahl gibt es aus dem Jahr 2012: Da wurden 500.000 Stromverbindungen gekappt oder nach einer Unterbrechung wieder verbunden - mehr als doppelt so viele wie vor Beginn der griechischen Krise, verrät die griechische Stromregulierungsbehörde. Die hat inzwischen den Stromkonzern angewiesen, zumindest im Sommer und im Winter, wenn der Strombedarf am höchsten ist, bei den Ärmsten der Armen die Energie nicht mehr zu kappen.

Die griechische Regierung gibt sich derzeit optimistisch, sie sieht bereits Licht am Ende des Krisen-Tunnels. Für Ende 2013 wird ein schmaler Budget-Überschuss (ohne Zinszahlungen) erwartet, 2014 soll diese Summe weiter wachsen. Aber während im Athener Zentrum zwischen leeren Schaufensterhöhlen schon wieder neue Luxusboutiquen eröffnen, ist das soziale Elend ein paar Kilometer weiter an den südlichen Rändern der Metropole unübersehbar. Dort, wo Vassiliki im Stadtteil Nikia seit 17 Jahren ihr kleines Geschäft betreibt, scheint der Tiefpunkt der Krise noch gar nicht erreicht zu sein. "Wir leben hier alle mit Beruhigungspillen", sagt eine Griechin, die im Laden von Vassiliki bei Kerzenlicht Bonbons in Papier wickelt, um ihre Rente aufzubessern.

Strompirat Marinelis sagt: "Manchmal komme ich nach Hause und weine, ich schäme mich, weil es mir besser geht." Zum Beispiel, als er einem Mann half, der auf ein Atemgerät angewiesen ist. Der hatte Verlängerungskabel zu einem Nachbarn gelegt. Auch hier hat Marinelis den Anschluss wieder hergestellt.

"Wir können einfach nicht untätig bleiben"

"Wir sind ein bisschen wie die irische IRA", meint Tasos Karagiorgos, "wir haben eine aktivistische und eine diplomatische Abteilung." Karagiorgos,51, gehört auch zu den Strompiraten, aber er bastelt nicht an Leitungen herum, sondern verhandelt mit dem Stromkonzern im Namen der klammen Kunden. "Viele Leute wollen ja bezahlen, aber sie können einfach nicht", sagt Karagiorgos, der selbst zu den 27 Prozent Griechen ohne Job gehört. Üblicherweise verlange der Stromlieferant 50 Prozent der offenen Rechnung in bar, dann könne man den Rest in Raten zahlen.

Vassiliki sollte 500 Euro hinblättern. "Wie viel kannst du zahlen?", fragt Karagiorgos die Frau, "schaffst du 300 Euro?" Vassiliki sagt: "Das ginge vielleicht." Karagiorgos hat schon oft mit der DEI bessere Bedingungen aushandeln können, kleine Raten über viele Monate hinweg. "Allein schaffen das viele Leute nicht. Sie haben nur noch Angst und verkriechen sich." 1,2 Millionen Griechen zahlen die Stromrechnung in Raten, ist aus dem Umkreis der DEI zu erfahren.

Die Strompreise in Griechenland für Haushalte liegen unter dem europäischen Durchschnitt - für die Industrie dagegen deutlich darüber. Mit der Stromrechnung aber zahlt man auch Kommunalsteuern, Rundfunkgebühren und die in der Krise eingeführte spezielle Immobiliensteuer. Da können bei Familien schnell vierstellige Rechnungen auflaufen. "Unsere Telefone werden gewiss abgehört", meint Marinelis. Er und sein Freund Karagiorgos fürchten, dass irgendwann die Polizei vor der Tür stehen könnte. "Wir sind Realisten", sagt Karagiorgos, "wir wissen, dass wir durch unsere Aktionen das Land nicht retten können. Aber wir können einfach nicht untätig bleiben."