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Fifa-Präsident:Strafverfahren gegen Infantino eröffnet

Schweizer Staatsanwaltschaft wirft Chef des Welt-Fußballverbands Amtsmissbrauch vor.

Von Claudio Catuogno, Bern/München

Die Schweizer Staatsanwaltschaft hat ein Strafverfahren gegen Gianni Infantino, 50, eröffnet. Damit droht dem Präsidenten des Fußballweltverbands Fifa die Absetzung: Gemäß der eigenen Ethikregeln müsste die Fifa Infantino vorläufig suspendieren. Auch gegen einen Schulfreund Infantinos, den Walliser Oberstaatsanwalt Rinaldo Arnold, wird ermittelt. Der bisherige Chefankläger der Schweiz, Bundesanwalt Michael Lauber, soll seine Immunität verlieren, damit gegen ihn ebenfalls ein Verfahren eröffnet werden kann. Hintergrund sind nicht dokumentierte Geheimtreffen von Infantino, Lauber sowie Vertrauten. Ein Sonderermittler, den die Aufsichtsbehörde über die Bundesanwaltschaft (AB-BA) eingesetzt hatte, kam nun zu dem Schluss, dass zu diesen Treffen "Anzeichen für ein strafbares Verhalten bestehen". Es gehe dabei um "Amtsmissbrauch, Verletzung des Amtsgeheimnisses, Begünstigung und die Anstiftung zu diesen Tatbeständen", teilte die AB-BA am Donnerstag mit. Lauber hatte in der Vorwoche seinen Rücktritt angeboten.

Das Strafverfahren stürzt die Fifa in die größte Krise seit 2015, als Infantinos Vorgänger Sepp Blatter sein Amt aufgeben musste - weil die Justiz gegen ihn ermittelte. Die Fifa-Ethikkommission hatte ihn daraufhin gesperrt. Infantino wies am Donnerstag jedes Fehlverhalten von sich: "Fifa-Offizielle haben sich mit Justizbehörden in anderen Rechtssystemen auf der ganzen Welt getroffen, und dies stellte nie ein Problem dar", zitierte ihn der Weltverband in einer Mitteilung. Man nehme das Verfahren zur Kenntnis und werde kooperieren.

Auf Vermittlung von Arnold hatten sich Lauber und Infantino 2016 und 2017 mehrmals heimlich getroffen. Zu dieser Zeit führte Laubers Bundesanwaltschaft (BA) mehrere Verfahren gegen Fußball-Funktionäre. In einem spielte auch Infantino eine Rolle: Zu seiner Zeit als Generalsekretär der europäischen Fußball-Union Uefa waren TV-Rechte unter Marktpreis an korrupte argentinische Rechtehändler gegangen. Der Vertrag trug Infantinos Unterschrift. Aus Mails geht hervor, dass Infantino sich von einem der Treffen erhoffte, den Chefermittler von seiner Unschuld zu überzeugen. Offiziell begründet hatten sowohl die Fifa als auch die BA die Treffen damit, dass man sich über Verfahrensfragen ausgetauscht habe, um die Ermittlungen zu beschleunigen. Er sei bloß seiner "Aufklärungspflicht nachgekommen", sagte Infantino am Donnerstag. Das erscheint aber schon deshalb unglaubwürdig, weil alle Anwesenden zu einem der Treffen angaben, sie könnten sich nicht daran erinnern. Zudem haben die Treffen den Verfahren geschadet, nicht genutzt. Angeklagte plädierten erfolgreich auf Befangenheit der BA. Auch das "Sommermärchen"-Verfahren zu dubiosen Zahlungen rund um die WM 2006 wurde so verzögert - und Anfang 2020 wegen Verjährung eingestellt.

Die eigene Aufsichtsbehörde hatte Lauber von allen Fußball-Verfahren suspendiert. In der vergangenen Woche hatte das Schweizer Bundesverwaltungsgericht zudem festgestellt, dass der 54-Jährige seine Amts- und Treuepflicht "schwer verletzt" habe, er und Infantino hätten rund um die angeblich vergessenen Treffen "vorsätzlich die Unwahrheit" gesagt. Der eingesetzte Sonderermittler Stefan Keller eröffnete nun die Strafverfahren gegen Infantino und Arnold und beantragte beim Parlament in Bern, Laubers Immunität aufzuheben.

© SZ vom 31.07.2020

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