Fifa Alles für einen

Gianni Infantino ist der skrupelloseste Seelenverkäufer des globalen Fußballbetriebs. Ihm geht es nur um sich selbst. Dennoch applaudierten ihn die Fifa-Delegierten jetzt in eine neue Amtszeit als Präsident. Kein Wunder: Mit ihm sprudelt viel Geld.

Von Claudio Catuogno

Sie ist alles andere als originell, die Feststellung, es gehe im modernen Fußball nur noch ums Geld. Natürlich - worum sonst? Auch Gianni Infantino, der sich am Mittwoch in seine zweite Amtszeit als Präsident des Fußballweltverbands Fifa hat applaudieren lassen, redet gerne darüber, welche Milliarden er einzunehmen oder zu verteilen gedenkt. Trotzdem läge man falsch, würde man Infantino bloß als geschäftstüchtigen Funktionär begreifen, der die Kommerzialisierung des Fußballs halt auf die Spitze treibt. Sogar Geld ist für Infantino vor allem Mittel zum Zweck. Gianni Infantino geht es nur um eines: sich selbst.

Nie zuvor hat ein Fifa-Präsident so offen erkennen lassen, dass er dem Fußball, eiskalt lächelnd, jeden Schaden zufügen würde, solange er sich selbst etwas davon verspricht. Die Delegierten haben sich am Mittwoch erneut dem skrupellosesten Seelenverkäufer des globalen Fußballbetriebs an den Hals geworfen.

Eitelkeit und Durchtriebenheit waren auch Sepp Blatter nicht fremd, Infantinos Langzeit-Vorgänger. Doch Infantino ist anders: Er dreht immer gleich das ganz große Rad. Sein 25-Milliarden-Dollar-Projekt etwa: Monatelang erzählte er sogar den Vorstandskollegen, man müsse bloß zwei neue Turnierformate erschaffen, schon würde ein - leider geheimer - Investor diese Wahnsinnssumme auf den Tisch legen. Dokumente legten dann jedoch nahe, dass Infantino in Wahrheit auch fast alle Fifa-Rechte an den Investor auslagern wollte, sogar jene an der Weltmeisterschaft. Er wollte die Fifa entkernen zugunsten einer Firma, in der nicht nur der saudische Staatsfonds eine wichtige Rolle hätte spielen sollen. Sondern, genau: auch er selbst. Immerhin: Dieses irre Projekt haben ihm seine Vorstände ebenso versagt wie andere Visionen. Doch echte Kontrolle gibt es nicht mehr, seit Infantino die unabhängigen Ethikgremien der Fifa handstreichartig mit Gefolgsleuten besetzt hat. Und in der Compliance-Abteilung häufen sich die Kündigungen frustrierter Kontrolleure.

Nun ist die Fifa im Prinzip nach demokratischen Regeln organisiert. Die Delegierten wählen den Chef - und wählen ihn im Zweifel auch ab. Hat der Fußball also den Präsidenten, den er verdient? Ja und nein. Ja, weil zum Beispiel auch die servilen Vertreter des Deutschen Fußball-Bundes nicht das Kreuz haben, Infantino die Stirn zu bieten. Auch sie klatschten ihn in seine zweite Amtszeit. Und nein, weil Opposition, wie sie am ehesten noch der europäische Verband Uefa betreibt, wenig ändert am Konstruktionsfehler: Jedes Mitglied hat eine Stimme, auch Fürstentümer und Südseeatolle, die nicht mal einen Rasenplatz betreiben. Ob Infantino den Fußball verscherbelt, kriegt man dort gar nicht mit. Was man mitkriegt, sind die gestiegenen Überweisungen aus Zürich, formal: Entwicklungshilfe. Über den Fifa-Chef entscheidet eine Mehrheit, die von seiner Amtsführung gar nicht betroffen ist, allenfalls monetär.

Andere könnten aber registrieren, was läuft. Die Schweizer Justiz etwa hätte in mehreren Affären Anhaltspunkte, gegen Infantino wegen des Verdachts der ungetreuen Geschäftsbesorgung zu ermitteln. Aber: Die Justiz ist anderweitig beschäftigt. Ihr Chefermittler, der Berner Bundesanwalt, steht vor den Trümmern seiner Karriere, seitdem herauskam, dass er sich dreimal diskret mit einem Mann getroffen hat, mit dem man besser kein Hinterzimmer betritt: Gianni Infantino.