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Fidel Castro und Israel:Falscher Freund

Israels Premier Benjamin Netanjahu entschuldigt sich in den USA für ein Lob für Fidel Castro. Sehr peinlich einerseits - sehr realpolitisch andererseits.

Wenn man von so vielen Feinden umgeben ist wie Israel, dann ist man dankbar für jeden neuen Freund. Folglich war die Freude groß in Jerusalem, als Fidel Castro sich im September überraschend als Philosemit outete und seinen alten iranischen Verbündeten ins Stammbuch schrieb, sie sollten Israels Ängste ernst nehmen.

Former Cuban leader Fidel Castro attends an event at Havana University to celebrate the 65th anniversary of his joining the university to initiate his studies in 1945 in Havana

Zeigt Verständnis für Israel: Fidel Castro

(Foto: REUTERS)

Premier Benjamin Netanjahu konstatierte hochzufrieden, der kubanische Ex-Diktator habe "ein tiefes Verständnis der jüdischen Geschichte" bewiesen, Präsident Schimon Peres schickte sogleich einen Dankesbrief nach Havanna.

In den USA aber hat das so manchen verwundert, vor allem die republikanische Kongressabgeordnete Ileana Ros-Lehtinen. Sie setzte ein paar Hebel in Bewegung - und am Ende hat sich Netanjahu nun bei ihr persönlich entschuldigt für den falschen Freund Fidel. Sehr peinlich einerseits, sehr realpolitisch andererseits.

Am Beginn dieser wundersamen Freundschaft stand ein ausführliches Interview Fidel Castros, der sich im Herbst seines Lebens vom Máximo Líder in Kampfmontur zum Elder Statesman in Trainingshosen gewandelt hat. Dem amerikanischen Journalisten Jeffrey Goldberg vom Magazin The Atlantic diktierte er in den Block, dass "niemand so verunglimpft worden ist wie die Juden. Mehr als die Muslime heute, denn den Juden wurde die Schuld für alles gegeben".

Die iranische Regierung würde dem Frieden dienen, wenn sie die "einzigartige Geschichte" des Antisemitismus anerkenne, sagte der 84-Jährige und bekräftigte ausdrücklich Israels Existenzrecht als jüdischer Staat.

Angesichts solch wärmender Worte war offenbar alles vergessen, was das kubanische Orakel sonst so zum Thema verkündet hatte. Noch ein paar Wochen vorher zum Beispiel hatte Castro nach dem blutigen Einsatz der israelischen Marine gegen die Gaza-Hilfsschiffe gewettert, das Hakenkreuz wäre nun die passende Flagge für den jüdischen Staat. Schwamm drüber, in Jerusalem galt das fortan wohl als Jugendsünde des neuen Weltweisen.

"Einzigartige intellektuelle Tiefe"

Netanjahus Büro ließ es sich nicht nehmen, die örtlichen Medien per Rundschreiben eigens auf Castros Interview-Äußerungen hinzuweisen, Präsident Peres bescheinigte dem Diktator a.D. in seinem Brief "einzigartige intellektuelle Tiefe" - und zog eine fast poetische Parallele zwischen den beiden Ländern: "Kuba ist eine Insel, umgeben von Wasser. Israel ist eine politische Insel, umgeben von Bedrohungen", schrieb er.

Einer neuen Allianz schien da kaum noch etwas im Wege zu stehen - außer natürlich die USA, die Kubas ärgster Feind und Israels größter Freund sind. Vor allem in Florida, wo die exil-kubanische Lobby ihr Zentrum und die Abgeordnete Ileana Ros-Lehtinen ihren Wahlkreis hat, glühten offenbar die Drähte.

Seit 1989 sitzt die Republikanerin im amerikanischen Repräsentantenhaus, zur Welt aber kam sie 1952 in Havanna als Tochter eines erbitterten Castro-Gegners. Im Kongress hat sie stets zwei Positionen standhaft vertreten: gegen Kubas Regime und für Israel. Plötzlich drohte da etwas durcheinanderzugeraten, und so setzte sie einiges daran, dass Netanjahu sein Lob für Castro zurücknimmt.

Eine Weile hat es gedauert, doch spätestens als Ros-Lehtinen nach den Kongresswahlen zur designierten Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses im Repräsentantenhaus aufstieg, muss Benjamin Netanjahu gedämmert haben, dass er mit seiner kubanischen Liebelei eine alte und sehr wichtige Verbündete zu verlieren drohte. Deshalb habe er bei seiner jüngsten US-Reise zum Telefon gegriffen und sich persönlich bei Ros-Lehtinen für sein Castro-Lob entschuldigt, schreibt nun die israelische Tageszeitung Haaretz.

In Nahost ist nun wieder alles in Ordnung: Der Feind des Freundes kann kein Freund sein.